Mit Serien durch den Lockdown

Lesedauer: 8 Min
Rüdiger Suchsland

Serien können persönliche und soziale Kontakte nicht ersetzen. Aber sie machen das Leben zwischen Homeoffice und Ausgangssperre ein bisschen leichter, und verkürzen das Warten auf die Rückkehr ins richtige Leben.

Ein nicht mehr ganz junger Mann, der immer nur falsche Entscheidungen trifft, und nicht einmal von seinen Eltern geliebt wird. Weil er alle Chancen vergeigt, die er bekommt. Und ein naives junges Mädchen, das fast noch ein Kind ist, als es seinen Märchenprinzen trifft. Dem dann, als dieser sich schnell als Frosch entpuppt, der Mut fehlt, und vielleicht auch die Intelligenz, im richtigen Moment noch abzuspringen von dem Schlitten, der sie in ihr Unglück führt...

Wir alle kennen diese Geschichte vom Prinz und dem Mädchen, vom traurigen Charles und der unglücklichen Diana. Jetzt wird sie noch einmal erzählt, in der vierten Staffel der Serie „The Crown“, die seit dem Wochenende auf Netflix verfügbar ist. Großbritannien streitet, was dran ist, an den Facetten und Innenansichten, um die das Bekannte bereichert wurde. Gute Recherche der Autoren oder ihre blühende Fantasie?

Der Reiz liegt genau hier: Dass Zeitgeschichte nacherzählt wird, aber um Details und Szenen ausstaffiert, die ausgedacht sein müssen, weil bei ihnen nur die handelnden Personen selbst dabei waren. „Verstörend“ nennen manche britischen Kritiker jetzt die Darstellung der „Eisernen Lady“ Margaret Thatcher durch Gillian Anderson („Akte X“) – sie ist schrullig, affektiert, gekünstelt und erkennbar machtbewusst: Das Gegenteil jener unangreifbaren Unverbindlichkeit, die die meisten heutigen Politiker als Teflon-Figuren erscheinen lässt. Ein paar Folgen von „The Crown“ genügen, und man denkt: Die Leute hatten früher einfach schönere Probleme. Wahrscheinlich ist das auch der Sinn des Ganzen.

So ist „The Crown“ das ideale Antidepressivum in einer Zeit, in der sich der Lockdown Light vorhersehbar in einen Lockdown Blei wandelt. Die stargespickte Serie, eines der teuersten Netflix Originals, wäre auch ohne Corona und Lockdown ein Highlight der Vorweihnachtszeit geworden. Jetzt aber ist sie der seltene Fall einer Serie, die zum globalen Ereignis wird, die wie früher die TV-Straßenfeger Generationen und Kontinente vereint. Auch mit Amerikanern oder Chinesen kann man sich über „The Crown“ unterhalten.

Nun, da auf den „dunklen November“ (Markus Söder) so schnell kein hellerer Monat folgen dürfte, müssen sich auch eingefleischte Filmfans mit derartigen Streaming-Angeboten die Zeit vertreiben. Es ist schwer, sich Pfade durch den Dschungel des Massenangebots zu schlagen. Der wichtigste Ratschlag hierzu lautet: Vertraue nicht den Algorithmen! „XY könnte Dir auch gefallen“ führt schnell in die Wüste des Immergleichen. Besser man nimmt sich vor, zumindest pro Woche eine Serie auszuprobieren, von der man noch überhaupt nichts gehört hat. Warum nicht eine Polizeiserie aus Indien? Eine brasilianische Krankenhaus-Soap? Nirgendwo kann man die Welt besser kennenlernen, als beim Surfen durchs Unterhaltungsfernsehen. Womit auch gleich der zweite Tip genannt wäre: Es muss nicht immer aus Amerika sein.

Manchmal allerdings schon. „Queen's Gambit“, der Überraschungserfolg dieses Herbstes, meint frei übersetzt „Damenopfer“. Die Netflix-Mini-Serie lässt in Pastellfarben die Welt der 50er- und 60er-Jahre wiederauferstehen. Auf den ersten Blick würde man nicht glauben, dass die Geschichte einer Schachspielerin spannend sein kann, aber die sieben Folgen beweisen das Gegenteil: Im Kalten Krieg war alles Krieg: Raumfahrt, Olympische Spiele und eben auch Schach.

Alles fängt an wie eine Internatsgeschichte. Ein Hauch von Harry Potter durchzieht das Porträt eines Waisenmädchens, das aus Einsamkeit zum Schachgenie wird. Es geht da auch um Emanzipation, Puritanismus und Antirassismus und überraschend viel auch um die Welt des Schachs: Das Klischee, nach dem Schachspieler irgendwie weltfremde Nerds sind, dominiert zwar auch hier. Aber die Serie zeigt doch eine überraschend reichhaltige Welt. Das Ganze spielt in verschiedenen Ländern, aber nicht in Deutschland, obwohl es dort koproduziert wurde. „Berlin-Babylon“-Designer Uli Hanisch hat das Moskau von 1968 in der ehemaligen Stalin-Allee des alten Ost-Berlin sehr glaubwürdig auferstehen lassen. Die schöne Schlussszene dort macht klar, dass Schach eigentlich ein klassenloses Spiel ist.

Auch in „The Great“ (Amazon Prime) geht es nochmal um eine Königin: Katharina von Anhalt-Zerbst heiratet den Zaren, der so amoralisch wie strunzdumm ist – die Macher des Oscarerfolgs „The Favorite“ erzählen ihre Geschichte bevor sie „Katharina die Große“ wurde als Farce.

Charly Hübner als Hausmeister in einem unglaublich schmuddeligen sozialen Wohnungsbau im Nirgendwo: Hier gibt es Parallelwelten, Kinder, die im Müllschacht verschwinden, junge Menschen, die sich selbst entdecken und tote Mütter die einen ab und zu heimsuchen - das alles heißt „Hausen“ (Sky) und ist eine deutsche Horrorserie.

Auch die Mediatheken der Öffentlich-Rechtlichen funktionieren wie Streaming-Dienste – mit dem Unterschied, dass sie nichts kosten. Empfehlen kann man unbedingt die schwedisch-dänische Thriller-Serie „Grey Zone“ (ZDF) über eine Anti-Terror-Einheit, und eine Wissenschaftlerin, die in der Hand von Terroristen ist: Spannung bis zum Schluss – und ab dieser Woche gibt es auch die zweite Staffel.

Ebenfalls in der zweiten Staffel läuft „Die Purpurnen Flüsse“ (ZDF), eine französisch-deutsche Serie aus abgeschlossenen 90-Minuten-Folgen: Zwei Polizei-Experten sind jedes Mal Morden auf der Spur, die religiöse und rituelle Hintergründe haben: Vom Kloster bis zur Sekte – eine Art „Der Name der Rose“ in der Gegenwart.

Die Kommentarfunktion ist für Sie aktuell gesperrt. Bitte wenden Sie sich an unseren Kundenservice für weitere Infos.
Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen

Mehr Themen