Mit Electro-Pop auf Zeitreise in die 80er

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Knüpfen mit ihrem aktuellen Album dort an, wo sie vor 25 Jahren aufgehört haben: The Twins.
Knüpfen mit ihrem aktuellen Album dort an, wo sie vor 25 Jahren aufgehört haben: The Twins. (Foto: Michael C. Möller)
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Geht es um Popmusik, ist die Welt nicht immer gerecht. Oder erinnert sich noch jemand an das 80er-Jahre-Duo The Twins? Dabei waren Sven Dohrow und Ronny Schreinzer damals durchaus Pioniere in Deutschland. Als Electro-Pop noch weitgehend den Engländern wie Gary Numan und seiner Tubeway Army überlassen war, experimentierten die beiden Überzeugungstäter aus West-Berlin ab 1980 mit Synthesizern und extrem eingängigen Melodieführungen. Doch was bei Numan, Depeche Mode oder Orchestral Manoeuvers In The Dark als visionär galt, wurde bei den Zwillingen, die natürlich biologisch keine sind, eher als leichte Kost abgetan. Weil sie in Deutschland lediglich mit „Ballet Dancer“ einen richtig großen Hit landen konnten, es aber in Italien gleich mehrmals sehr weit oben in die Top Ten schafften, wird das Duo bis heute gerne fälschlicherweise unter „Italo-Disco“ einsortiert. Daran ändert wahrscheinlich auch die neue, sehr charmant betitelte Platte „Living For The Future“ (Monopol Music) wenig. Natürlich ist das nicht ganz ernst gemeint, klingt das erste Studioalbum der Twins nach einem Vierteljahrhundert– exakt 25 Jahre nach „The Impossible Dream“ – doch glücklicherweise wie damals. Kritiker werden das Album „angestaubt“ nennen, für Freunde des 80er-Jahre-Sounds ist es eine Dreiviertelstunde Musik, die einem ein Lächeln ins Gesicht zaubert.

Die Twins ersparen ihren Anhängern – und für niemand anders ist diese Platte gedacht – seltsame Experimente oder gar aktuelle, peinliche Autotune-Einlagen. Sie klingen, wie die Twins klingen müssen – auch wenn sie mittlerweile um die 60 sind. Schon beim ersten Titel „Down in Key Largo“ ist alles sofort wieder da: Schreinzers typischer Gesang, die bewährten Keyboard-Klänge und selbstverständlich ein Refrain, der sofort hängen bleibt. Potenzielle Hits für die aktuellen Charts gibt es naturgemäß nicht, die Zwillinge klingen dafür einfach zu anachronistisch. Dass sie noch einmal die US Billboard Charts knacken, wie einst Mitte der 80er mit „Face To Face“, steht nicht zu erwarten.

Eingängig und mit viel Pathos

Höhepunkte gibt es auf „Living For The Future“ aber zuhauf: „Marina Jones“ ist ein perfekter Popsong, „Going to The Moon“ ebenfalls. Auf „Never Surrender“ klingt das Duo überraschend kämpferisch – und eine echte Ballade haben Dohrow und Schreinzer mit „When I Lost You“ auch eingespielt. Alles tönt wie immer sehr eingängig und ist mit viel Pathos und noch mehr Emotionen versehen. E-Gitarren werden auch immer wieder eingestreut, natürlich mit Bedacht: der typische Klangkosmos wird nicht verlassen. Dass sie auch Humor haben, beweisen die Berliner schließlich mit „Jonny, Can You Hear Me“ – einem witzigen, aber dennoch synthetischen Spaghetti-Western-Titel, den man von den beiden Künstlern in dieser Form niemals erwartet hätte.

Zum Abschluss erklingt dann das herrliche „Ghosts of Yesterday“. Die „Geister von gestern“ werden vom Duo beschworen – oder doch eher verdammt? Den Mut zu so viel Ironie muss eine Band erst mal aufbringen, wenn sie ihr erstes Studioalbum nach 25 Jahren veröffentlicht. Sven Dohrow und Ronny Schreinzer haben den Mut – und hörbar sehr viel Spaß an ihrem Comeback.

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