„Mefistofele“ an der Oper Stuttgart

Lesedauer: 6 Min
Schauspieler bei einem Auftritt
Huch, wie verrucht: Hesensabbat bei „Mefistofele“ in Stuttgart. (Foto: Thomas Aurin)
Werner Müller-Grimmel

Als letzte Neuproduktion in der laufenden Spielzeit zeigt die Staatsoper Stuttgart Arrigo Boitos „Mefistofele“ in einer Inszenierung von Àlex Ollé. Wie schon bei Glucks „Iphigénie en Tauride“, die seit Ende April auf dem Spielplan steht, handelt es sich auch hier um eine Übernahme. Diesmal kommt der Import von der Opéra de Lyon. Bei der gefeierten Premiere am Eckensee gab der Dirigent Daniele Callegari sein Debüt am Pult des Staatsorchesters Stuttgart.

Der Komponist und Dichter Arrigo Boito (1842-1918) ist international vor allem als Mitarbeiter des späten Giuseppe Verdi bekannt geworden. Für den älteren Kollegen schrieb er unter anderem die Libretti zu „Otello“ und „Falstaff“. Sein eigenes Musikdrama „Mefistofele“ fiel 1868 an der Mailänder Scala zunächst durch. Erst die überarbeitete Zweitfassung in einem Prolog, vier Akten und einem Epilog hatte 1875 bei ihrer Uraufführung in Bologna großen Erfolg.

Das von Boito selbst verfasste Libretto basiert auf Goethes „Faust“-Dichtung. Im Zentrum des Geschehens steht hier weder der lebens- und erkenntnishungrige Doktor noch die von ihm verführte Margarete, sondern der „Geist, der stets verneint“. Als Titelfigur geht er im Prolog eine Wette mit dem Schöpfer ein. Faust ist für den Regisseur Àlex Ollé in diesem Spiel nur ein Spielball von Mächten, die als Prinzipien des natürlichen Kreislaufs in ewigem Kampf verbunden sind.

In Fausts Labor

Ollé ist Mitglied des katalanischen Kollektivs La Fura dels Baus, hat aber in dieser Inszenierung auf akrobatische Körperskulpturen, wie sie für seine Theatertruppe typisch sind, verzichtet. Hoch über der von Alfons Flores gestalteten Bühne schwebt ein Metallgestell, das sich gelegenlich wie eine riesige Mondlandefähre herabsenkt. Zu Beginn blicken wir in ein Großraumbüro. Laborangestellte mit weißer Schutzkleidung (Kostüme: Lluc Castells) sitzen in Reih und Glied an Tischen, stochern in rohem Fleisch und machen sich Notizen.

Eine verspiegelte Rückwand verlängert den Raum optisch nach hinten. Grünliches Licht (Urs Schönebaum) fällt auf die Szene. Sind hier Wissenschaftler dem Code der Unsterblichkeit auf der Spur? Nach Dienstschluss kommt eine Putzkolonne und desinfiziert die verlassenen Arbeitsplätze. Nur Faust bleibt zurück. Als Reinigungshelfer in gelbem Overall nähert sich Mefistofele. Beim Ertönen von Engelschören zuckt er zusammen, hält sich die Ohren zu und taucht dann durch eine Bodenklappe ab in seine Unterwelt.

Bei Ollé wird statt Boitos fröhlichem Ostertreiben unvermittelt ein Betriebsfest in Fausts Labor vom Zaun gebrochen. Champagner fließt in Strömen, Hintern werden penetrant geschwenkt, die aufgedrehte Fete artet in kürzester Zeit in ein Massenbesäufnis mit Tabledance und allgemeiner Fummelei aus. Die Engel agieren wie ein ziemlich irdisches Beamtenheer. Auch der Hexensabbat beschränkt sich auf billiges Amüsierclub-Gehabe in schäbiger Rotlicht-Atmosphäre mit nervig blendender Discokugel.

Felle und blutige Häute sind im Zwielicht erkennbar, doch das Gruseln hält sich in Grenzen. Was verstörend bösartig wirken soll, kommt harmlos bis albern daher. Derlei statische Szenen gehen an der Musik vorbei und ziehen sich viel zu lange hin. Als Margherita Fausts Rettungsangebot zurückweist und zum Bühnenhimmel aufsteigen darf, wartet dort ein elektrischer Stuhl auf sie. Ihr Todeszucken unter blitzenden Drähten ist hier die Aufnahmezeremonie in selige Gefilde. Zur kitschigen Glitzer-Revue verkommt danach die Elena-Erscheinung.

Immerhin wird schön gesungen

Für diese langweilige Show soll Faust seine Seele verkauft haben? Antonello Palombi behauptet sich stimmlich tapfer gegen oft viel zu laute Chor- und Orchesterstürme und weiß bei intimeren Szenen auch mit tenoralem Schmelz zu betören. Die moldawische Sopranistin Olga Busuioc singt als Margherita berührend und beeindruckt in der Rolle der antiken Schönheit Elena mit machtvollen Spitzentönen. Als sonorer Mefistofele gibt der finnische Bass Mika Kares ein beeindruckendes Hausdebüt.

Leider behält Daniele Callegari über weite Strecken nicht die Kontrolle über die Dynamik bei den von Manuel Pujol einstudierten Chören. Auch blechgepanzerte Tuttipassagen des Orchesters geraten oft grell und schneidend, doch gelingen auch kultivierte Momente, in denen der Gesang vernehmlich zur Geltung kommt.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen