Meßkirch feiert Arnold Stadler

Lesedauer: 7 Min
Martin Walser (Mitte) wurde von seiner Frau Käthe nach Meßkirch begleitet. Und Arnold Stadler (links) folgte zwei Tage lang aufm
Martin Walser (Mitte) wurde von seiner Frau Käthe nach Meßkirch begleitet. Und Arnold Stadler (links) folgte zwei Tage lang aufmerksam den Fachvorträgen und Lesungen. (Foto: Fotos (2): Roland Rasemann)
Dorothee L. Schaefer

Zwei halbe und einen ganzen Tag lief die interdisziplinäre Tagung „Jedes einzelne Leben ist die Welt“ zum Werk Arnold Stadlers, seinem 65. Geburtstag und der Verleihung der doppelten Ehrenbürgerwürde der Gemeinden Meßkirch und Sauldorf im Meßkircher Schloss. Elf Vorträge, zwei über dreistündige Lesemarathons: eine Herausforderung für interessierte Laien, die selbst tapfer dabeiblieben, als es anstrengend germanistisch wurde. Und der Autor war immer zugegen.

Er fühlt sich wohl hier in der Heimat. Als geachteter Vertreter der „Weltliteratur“ ist Arnold Stadler wieder zurück im Dorf Rast bei Meßkirch. Wo lebt er derzeit hauptsächlich? „Ich habe ja drei Wohnsitze, aber mit der Zeit musste ich feststellen, dass zwei davon zu viel sind“, sagt Stadler in amüsanter Selbsterkenntnis. Seine 91-jährige Mutter bewohne das Elternhaus, und weil „einfach jemand da sein“ müsse, wohne er im Dachgeschoss, eine seiner beiden Schwestern lebe nebenan. Man fragt sich, ob er das Nest, sein Nest, überhaupt jemals verlassen hat. Freundinnen aus der Kindheit und Schulkameradinnen umringen ihn in der ersten Pause. Ein großes Netzwerk aus Freunden, Bekannten, Vertrauten besteht nicht nur in der Heimat, sondern auch im wendländischen Dorf Sallahn und im Ausland. „Ja, ich will mir alles anhören“, antwortet er auf die ungläubige Frage, ob er sich wirklich die ganze Tagung antun wolle.

Und die hatte es in sich. Elf Fachleute aus Germanistik, Kulturwissenschaft und Theologie, vier Moderatoren und eine Moderatorin. Nun scheinen Germanisten hinsichtlich Dramaturgie und Sprechweise wohl nicht unbedingt begnadete Redner zu sein. Aber nach den drei ersten Beiträgen von Georg Braungart, Nils Rottschäfer und Jürgen Gunia über Stadlers Lyrik, poetische Strategien und philosophischen Ansatz, wurde es mit Franz Eybl aus Wien zum Thema „Sinn und Sinnlichkeit“ lebensvoller, auch die Vortragsweise anschaulicher.

Am Samstag dann kulturwissenschaftliche, philosophische und theologische Themen: Hans-Rüdiger Schwab sprach über Heideggers Einfluss auf Stadler, Hansgeorg Schmidt-Bergmann nahm die Bedeutung von Pier Paolo Pasolinis Film „Das 1. Evangelium – Matthäus“ von 1964 für Stadlers Roman „Salvatore“ und sein Hörspiel „Evangelium Pasolini“ von 2018 in den Fokus. Dem Literaturwissenschaftler Michael Braun ging es um Erzählformen. Danach zwei Theologen: Michael Albus und Pascal Schmitt referierten über den religiösen Gehalt der Texte des diplomierten Theologen Stadler, der in Germanistik promoviert hat.

Bettina Schulte gab einen Einblick in Stadlers Beziehung zu Kunst und Künstlern, seinen Band über Jakob Bräckle und seine Schriften zu Mark Tobey oder Robert Schad. Zuletzt eine emphatisch aufgeladene Eloge auf Stadler: Pirmin Meier, Germanist und Autor aus Aesch, weckte mit seiner Rede die Lebensgeister. Nur konnte man sich nach diesem rhetorisch-performativen Exzess kaum noch an den Inhalt erinnern – und hatte sich die längere Pause verdient.

Der Lesemarathon mit drei Autorinnen und neun Autoren am Samstagabend war mit einem Fragezeichen versehen: Würde der 92-jährige Martin Walser kommen? Und dann war er tatsächlich da, der Mentor und Freund, begleitet von seiner Frau Käthe. Das Gehen fiel schwer, von beiden Seiten gestützt schaffte er es auf das Podium. Luzia Braun moderierte mit Wärme und Esprit an, und Walser las mit noch fester Stimme seinen 1994 im „Spiegel“ publizierten Essay zu Stadlers Roman „Über das Verbergen der Verzweiflung“. Neben ihm Weggefährte Bruno Epple, 1931 geboren. Sein Mundartgedicht „Doo woni wohn“ wurde eine alemannische Hommage an die dem „Sprachmenschenorden“ angehörenden Walser und Stadler.

Gaby Hauptmann und die Erotik

Weiter ging es in alphabetischer Ordnung: Christof Hamann mit dem eigens geschriebenen Text „Mein Stadler“ über Mundartbegriffe, Jörg Hannemann las aus dem Roman „Abstand“ über eine vergebliche Annäherung. Die Bestsellerautorin Gaby Hauptmann, alterslos sexy gestylt, stellte zu ihrer Erzählung „Leidenschaft in Rot“ über die Liebe zu Designerschuhen Stiletto Pumps auf den Tisch. Zu Recht beklagte sie das Fehlen des Themas Erotik auf dieser Tagung.

Jochen Jung blieb mit skurrilem, langsam wirkendem norddeutschen Humor in Erinnerung, Andreas Maier rezitierte ein Gedicht seiner Frau Christine Büchner, katholische Theologin, bevor er sich mit „Neulich bin ich alt geworden“ zum „schrecklich ermüdenden“ Alltag bekannte. Reinhard Kaiser-Mühleckes erging sich in genauen Beschreibungen einer Kuhherde, der Lyriker Walle Sayer in versponnen-schönen Metaphern wie „auf der Hängebrücke des Alleinseins“.

Zum Ende des Alphabets schließlich die beiden Walser-Töchter Alissa und Johanna. Beide haben als Übersetzerinnen oft mit ihrem Vater zusammengearbeitet. Alissa Walser las eher distanziert aus „Eindeutiger Versuch einer Verführung“, Johanna Walser, völlig in sich gekehrt, einen Text über den Maler Vermeer. Joachim Zelter machte den Schluss mit einem humorigen Text über Martin Heidegger und seine eigene Großmutter – und erlöste damit das seit drei Stunden sitzende oder stehende Publikum aus einer gewissen Erstarrung.

Viele hatten sich bereits erhoben, Martin Walser schon vorher Anzeichen von Erschöpfung gezeigt. Da griff nach dem allumfassenden Dank von Moderator Anton Philipp Knittel noch einmal Arnold Stadler zum Mikrofon: Ja, ein Ehrenbürger wolle er, der nie ein Bürger sein wollte, gerne sein. Aber vor allem sei er „ein Bauer und ein Schriftsteller“, rief er dem bereits stehenden Publikum quasi hinterher.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen