Manege frei für Ulms Tänzer

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Guiseppe Spotas „Wanderers“ mit Lorenzo Angelini, Bogdan Muresan, Damien Nazabal und Pablo Sansalvador (von links) nimmt auch El
Guiseppe Spotas „Wanderers“ mit Lorenzo Angelini, Bogdan Muresan, Damien Nazabal und Pablo Sansalvador (von links) nimmt auch El (Foto: Hermann Posch)
Günter Buhles

Zwei Tanzstücke in einem Abendprogramm am Theater Ulm: Ballettdirektor Roberto Scafati hat seine bereits einmal im Juni beim Festival „Ulm moves“ gezeigte Choreographie „Laschia che accada“ nun ins Repertoire integriert. Sein als Gast engagierter Landsmann Giuseppe Spota studierte mit der weitgehend neu besetzten Compagnie des Hauses als Uraufführung eine Zirkus-Parabel mit dem Titel „Wanderers“ ein. Vor allem dieses Stück erhielt viel Applaus.

Noch vor Beginn von „Wanderers“, während sich das Publikum einfindet, wandert der Zirkusdirektor vor der ersten Reihe vorbei, winkt, macht ein paar Handshakes. Auf der Bühne richtet er dann eine Lichterkette als Manegen-Dekoration. Aus den Lautsprechern klingen bald Live-Fetzen düsterer Rockmusik der isländischen Band „Sigur Rós“. Dann Beifall, der in Steve Reichs „Clapping Music“ übergeht. Nach einer vom ganzen Ensemble regelrecht zelebrierten Hebung wird der dann hoch oben stehende Direktor – Lorenzo Angelini, der Solist dieser Choreographie – quer über die Bühne getragen.

Was der Zuschauer in der nun folgenden halben Stunde sieht, sind ungewöhnliche Motionen, oft paarweise ausgeführt, und Parodien oder Slapsticks zu wechselnden Soundtracks von Ezio Bosso, Ólafur Arnalds und Daniel Hatvani: mal wummernde Synthesizer-Flächenmusik mit Schlagwerk-Akzenten, dann elegante Streicherlinien über Klavier-Arpeggien.

Der befrackte Zirkusdirektor

Die Wanderzirkus-Idee bleibt stets präsent, doch es bedarf nicht des Hinterfragens, denn es gibt genug zu sehen. Das Tanzstück ist sehr abwechslungsreich und kurzweilig. Zu einem Höhepunkt wird das skurrile Duo, fast ein Pas-de-deux, des weiß befrackten Direktors in schwarzen Hosen, der mit einem schwarzen Torso in weißem Beinkleid zu einer sich abenteuerlich verrenkenden Figur in artistischen Posen verschmilzt – ein brillanter Einfall.

„Lascia che accada“, auf Deutsch „Lass geschehen, was geschieht“, zeigt sich indes mit Sprüngen, Hebungen, Soli und geschlossenen Ensembles – etwa einem sehr dynamischen Männer-Quartett – noch etwas stärker an der klassischen Balletttradition orientiert. Scafati hat auch konventionellere Musik ausgesucht, die „betanzt“ wird: Lyrisches und und locker Sprudelndes aus den Klavier- und Violinkonzerten des amerikanischen Minimalisten Philip Glass und folkloristisch Angehauchtes von dem ungarischen Rock-Barden Felix Lajko.

„Loslassen!“ – dieses Motto wird mit an Fäden gehaltenen, am Ende tatsächlich wegfliegenden Luftballons, je einer für die zehn Ensemblemitglieder, symbolisiert. Die Compagnie grüßt noch einmal vom Hintergrund der Bühne (Entwürfe: Sandra Dehler) herüber, auf der faszinierende Szenen oft in wabernden Nebeln bei verblüffenden Beleuchtungen (Marcus Denk) abgelaufen sind.

Nächste Vorstellungen 25., 31. Oktober, 7., 8., 13. November, Karten über 0731/161-4444 (Theaterkasse).

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