„Médée in Ulm: Rächerin mit Borderline-Tendenzen

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 Oxana Arkaeva (in Rot) spielt die Medea als perfide taktierende Frau, die von Eifersucht getrieben wird. Ihr Mann Jason will mi
(Foto: Ilja Mess)
Werner M. Grimmel

„Jason, ich fordere meine Kinder“ steht in großen, blutroten Lettern auf dem Vorhang. In Igor Folwills Inszenierung von Luigi Cherubinis Oper „Médée“ („Medea“) am Ulmer Theater richtet die Titelfigur diesen Appell in an ihren Ex-Gatten. Die kolchische Königstochter und Zauberin hat Jason in ihrer Heimat beim Raub des Goldenen Vlieses unterstützt. Für ihre Liebe zu dem Fremden nahm sie sogar den Mord an ihrem Bruder in Kauf und floh mit Jason nach Korinth.

Und nun das: nach zehn Jahren Ehe wirbt der feige Karrierist um Dircé, die Tochter des korintischen Königs Créon. Médée will er verlassen, die beiden gemeinsamen Kinder aber in seine neue Ehe mitnehmen. Es kommt, wie es kommen muss. Die leidenschaftliche, in ihrem Stolz tief verletzte Frau rächt sich grausam, indem sie ihre Söhnchen und die Nebenbuhlerin tötet. Schon der antike griechische Dichter Euripides hat den alten, zeitlos aktuellen Mythos der zwischen Mutterliebe und Eifersucht zerrissenen Medea für das Theater adaptiert.

Auf diesem Drama basiert Francois-Benoit Hoffmans Libretto für Cherubinis dreiaktige Oper „Médée“, die 1797 in Paris uraufgeführt wurde. Zeitlich ist sie also zwischen Mozarts „Zauberflöte“ und Beethovens „Fidelio“ einzuordnen. Im neunzehnten Jahrhundert wurden die originalen französischen Sprechdialoge durch nachkomponierte Rezitative des Schubert-Freundes Franz Lachner ersetzt. Zeitgenossen wie Beethoven, Spontini, E.T.A. Hoffmann, Berlioz, Wagner und Brahms haben die geniale Partitur grenzenlos bewundert.

Im zwanzigsten Jahrhundert blieb Cherubinis „Médée“ ein Geheimtipp, bis 1953 die Sängerin Maria Callas als fulminante Interpretin der Titelrolle das Meisterwerk – freilich in einer italienischen Version – wieder bekannt machte. Am Ulmer Theater wird nun die französische Urfassung mit neu komponierten Rezitativen von Alan Curtis anstelle der gesprochenen Dialoge gespielt. Die von Hartmut Holz gestaltete Bühne zeigt eine Art Stadion mit einem Flutlichtmasten und nach hinten ansteigenden Stufen.

Die Mitte der Spielfläche bildet ein großer Sandkasten, in dem Medeas Kinder mit Steckenpferdchen, Holzfiguren und Plastikeimerchen spielen. Die Kostüme (Angela C. Schuett) changieren zwischen Antike und Moderne. Die Frauen tragen lange silberne, goldglänzende oder smaragdgrün schimmernde Kleider, die Männer uniformartige Anzüge und etwas albern wirkende Pappkronen mit helmartigem Gesichtsschutz. Im Hintergrund ziehen unablässig düstere Wolken ihre Bahn (Licht: Klaus Welz).

Herb und verrucht

Die anspruchsvolle Titelpartie erfordert eine furiose Sängerdarstellerin, auch wenn man sie nicht wie Maria Callas als veristische Paraderolle zelebrieren muss. Oxana Arkaeva schlägt sich in Ulm als rothaarige Zauberin in roter Robe beachtlich. Ihre Stimme klingt in tiefer Lage etwas herb und verrucht, passt aber zu ihrem Porträt einer perfide taktierenden Rächerin mit Borderline-Tendenzen und vermag auch bei ergreifenden Erinnerungen an Mutterglück zu berühren.

Gilles Ragon als in die Jahre gekommener Jason spielt hervorragend und verfügt über einen schönen Tenor, der aber in hoher Lage hörbar an Grenzen kommt. Tomasz Kaluzny als autoritätsschwacher Créon und Edith Lorans als Dircé finden nach anfänglichen Unsicherheiten zu solider vokaler Leistung, bleiben jedoch szenisch blass. Chiao Shih stiehlt als Médées Vertraute Néris mit ihrem satten Alt allen die Show. Brillant singen der Opernchor und der Extrachor des Theaters Ulm (Einstudierung: Hendrik Haas). Unter der Leitung von Daniel Montané tönt das Philharmonische Orchester der Stadt Ulm etwas gedämpft.

Wo sich in der vielgestaltigen Partitur Unheil und Verderben zusammenbraut, wo es blitzt und donnert, fehlt dem Klangbild Attacke. Cherubinis kühner, bei allem Klassizismus in romantische Zukunft weisender Orchestersatz mit seinen originellen Raumwirkungen, dramatischen Pausen und drastischen Gegensätzen von rasendem Furor und lieblicher Idylle hätte mehr Feinarbeit verdient. Entschädigt wird man dafür durch virtuose Flötenpassagen, ein zauberhaftes Fagottsolo und die perfekt zu Cherubinis Stil passenden, vom Orchester begleiteten Rezitativen von Alan Curtis, die in Ulm erstmals erklingen.

Weitere Vorstellungen am 7., 10., 14., 22. und 27. Februar, am 6., 12. und 29. März, am 17. April sowie am 3., 13. und 27. Mai.

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