Leben in beiden Welten

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Jan Brandt
Jan Brandt (Foto: Anika Büssemeier)
Welf Grombacher

Früher belächelte Jan Brandt seine ehemaligen Klassenkameraden, die im kleinen ostfriesischen Örtchen Ihrhove blieben und ein Häuschen bauten. Weg wollte er. In die große weite Welt. Schriftsteller werden. Heute bewundert er ihre Zufriedenheit. „Der Sinneswandel, den ich vollzogen hatte, war das Ergebnis meines Lebens: eine aus der eigenen Kinder- und Beziehungslosigkeit resultierende Sehnsucht nach Stabilität und Kontinuität“, schreibt er in seinem neuen Buch „Eine Wohnung in der Stadt / Ein Haus auf dem Land“, in dem er von seinem Leben in beiden Welten erzählt.

Eigentlich handelt es sich dabei ja um zwei Bücher. Während der 1974 in Leer geborene und mittlerweile in Berlin lebende Brandt im ersten von seiner zermürbenden Wohnungssuche in der Hauptstadt berichtet, beschreibt er im zweiten, das der Leser um 180 Grad wenden muss, wie er den historischen Gulfhof seines Urgroßvaters in Ihrhove vor dem Abriss retten will. Eine nette Idee, zumal es so nicht so sehr ins Gewicht fällt, dass die beiden Stränge mitunter redundant und stilistisch nicht ganz aus einem Guss sind. Schon in seinem Debüt „Gegen die Welt“ (das 2011 für den Deutschen Buchpreis nominiert war) erzählte Jan Brandt von seiner ostfriesischen Heimat. Dort setzt sein aktuelles Buch an, das mitten hineintrifft in die Diskussionen um überhöhte Mieten und die Immobilienblase.

Jan Brandt hat seinen Stil gefunden. Schon seine beiden letzten Bücher „Tod in Turin“ (2015) und „Stadt ohne Engel“ (2016) waren eine Mischform aus Literatur und Journalismus. Das ist im neuen nicht anders. Es erzählt nicht nur von einem Einzelschicksal, sondern weist darüber hinaus und greift Probleme des globalen Finanzkapitalismus auf, der aus Spekulationsgründen das Wohnen in den Städten immer teurer macht und auf dem Land historische Bausubstanz vernichtet. Jan Brandt kann am Ende das Haus des Urgroßvaters nicht retten. Mit seinem Buch aber hat er ihm nach dem Abriss ein literarisches Denkmal gesetzt.

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