Kunsthalle Tübingen zeigt „Congo Stars“

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 Der Künstler Moke (1950-2001) hat in vielen Bildern das quirlige Leben in den Bars von Kinshasa festgehalten. Unser Bild zeigt
Der Künstler Moke (1950-2001) hat in vielen Bildern das quirlige Leben in den Bars von Kinshasa festgehalten. Unser Bild zeigt „Nganda Tika Muana“ von 1992. (Foto: Fotos (2): Collection Lucien Biluinelli, Brüssel/Mailand)

Diese Bilder leben nicht vom Understatement, sondern springen ihre Betrachter förmlich an. Es sind schrille, bunte, kraftvolle Gemälde mit Inhalten, die sich an den sozialen, wirtschaftlichen und politischen Bedingungen im Kongo abarbeiten. Man hat den Eindruck, die Künstlerinnen und Künstler möchten auf diese Weise der offiziellen Presse mit eigenen Interpretationen und Kommentaren begegnen. Die neue Ausstellung in der Kunsthalle Tübingen gibt erstmals einen Eindruck der populären Kunstszene in Afrikas zweitgrößtem Land von den 1960er-Jahren bis heute. Entstanden ist „Congo Stars“ in Zusammenarbeit mit dem Kunsthaus Graz und dem Afrikamuseum im belgischen Tervuren.

Plakativ, surreal, ironisch

Die schwarzen Astronauten im Weltall sind in bunt gemusterte Anzüge verpackt, die verführerische Sirene Mami Wata erscheint den Männern mit weißer Haut und Fischschwanz, der Chinese, der das Geld bringt, erinnert an eine Karikatur. Kunst aus dem Kongo ist mal plakativ, mal surreal, mal ironisch. Auf den ersten Blick wirken die Arbeiten stilistisch sehr ähnlich: Sie sind stets figurativ, sehr narrativ und ungemein farbenfroh. Erst auf den zweiten Blick wird der Betrachter feststellen, dass die Handschrift der Künstler sehr unterschiedlich ist.

Wider alle Erwartungen wird in Tübingen vor allem Malerei gezeigt und so gut wie keine Skulptur. Hinzu kommen einzelne Positionen aus Film und Fotografie. Zu entdecken ist also eine Kunst der Städte, der modernen Gesellschaft, die längst westlichen Einflüssen ausgesetzt ist.

Die Themen, die die kongolesischen Künstler in ihren Werken aufgreifen, sind breit gestreut. Staatliche und häusliche Gewalt kommen ebenso vor wie Aids und Minenarbeit, das Weltraumprogramm der 1970er-Jahre und der Plastikmüll der Gegenwart, die Ausbeutung von Bodenschätzen oder die Korruption im Land. Blickfänge in der Ausstellung gibt es viele, darunter zum Beispiel die detailreichen, futuristisch anmutenden Architekturmodelle von Bodys Isek Kingelez, dessen Arbeiten im vergangenen Jahr im Moma in New York zu sehen waren. Ihm geht es darum, eine urbane Welt zu entwerfen, die ihren Bewohnern eine lebenswerte Perspektive bietet. Im Kongo, wo Slums in den Metropolen allgegenwärtig sind, wirkt das allerdings eher wie ein Hohn als ein Hoffnungsschimmer.

Prominent vertreten in der Schau ist der Maler Moke. Ein beliebtes Motiv bei ihm sind pulsierende Barszenen, in denen getanzt, gesungen und gefeiert wird. Die Bar ist bei ihm aber ebenso ein Ort des Tratsches und der Gerüchte über das Elend im Staat. Chéri Samba wiederum prangert in vielen seiner Bilder die sozialen Missstände ganz offensiv an und spielt mit der Mehrfachbedeutung von Worten. Seine Gemälde erinnern an Plakate und Comics. Tatsächlich hat der Künstler mit Werbeschildern und Illustrationen anfangs sein Geld verdient. Ein Frühwerk zeigt eine Straßenansicht seines Ateliers in Kinshasa.

Ein starkes Statement ist Maurice Mbikayi mit seinem Video „Web Jacket“ gelungen. Wie schon Kingelez öffnet auch er eine Perspektive in die Zukunft: vom Elektroschrottsammler, der bei der Verwertung des Mülls giftigen Dämpfen ausgesetzt ist, zum Techno-Dandy, der den Müll in ein modisches Outfit verwandelt. Überhaupt spielt das elegante äußere Erscheinungsbild in vielen Werken eine Rolle. Sei es bei Vitshois Mwilambwe Bondo, der in einer neunteiligen Fotoserie das Phänomen der sogenannten Sapeurs, der Großstadt-Dandys, in Szene setzt. Oder sei es im Gemälde „Geschmack des Erfolges“ von JP Mika, in dem dieser Glamour dann schon satirische Züge annimmt.

Gedanklicher Ausgangspunkt für die Ausstellung war das Buch „Tram 83“ des aus Lumbumbashi stammenden und in Graz lebenden Schriftstellers Fiston Mwanza Mujila. Er beschreibt darin einen imaginären Ort, der zwar von der Realität kongolesischer Städte ausgeht, aber letztlich nahezu überall sein könnte. In sechs Kapiteln gegliedert („Straße“, „Zuhause“, „Bar“, „Mythologie“, „Ausbeutung“ und „Stars“), schieben sich in Tübingen nun reale und imaginäre Orte ineinander. Die einzelnen Kapitel sind nicht streng voneinander getrennt, sondern verbinden und verdichten sich immer wieder durch bestimmte Motive und Blickachsen. Die Schau funktioniert dabei wie eine Stadt im Kleinen. Inhaltlich verständlich wird das Ganze aber nur dank der enormen Textmasse. Informationen zu den einzelnen Exponaten und eine ausführliche Zeitleiste erweitern diese Kunstausstellung zur Geschichtsstunde. Der Titel „Congo Stars“ ist laut Ausstellungsmacher übrigens nicht als Leistungsschau, sondern vielmehr als Anspielung auf die Helden der Gesellschaft zu verstehen. Also auf junge und alte Kongolesen, die versuchen mit Kunst gegen Korruption und Gewalt, eine Welt der Visionen entgegenzusetzen.

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