Kunst aus der DDR in Achberg

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 Einer der Höhepunkte in der neuen Ausstellung in Schloss Achberg sind Wolfgang Mattheuers Bilder, mit denen er an die Neue Sach
Einer der Höhepunkte in der neuen Ausstellung in Schloss Achberg sind Wolfgang Mattheuers Bilder, mit denen er an die Neue Sachlichkeit anknüpft. Ein schönes Beispiel dafür ist „Ursula“ von 1960. (Foto: Patrick Schmidt/VG Bild-kunst)

Position beziehen – das geht laut und auch leise. Die neue Ausstellung in Schloss Achberg (Landkreis Ravensburg) widmet sich besonders den leisen, kritischen Stimmen und zeigt damit, dass es in der DDR auch jenseits verordneter Staatskunst ein breites Spektrum künstlerischer Positionen gab. Die Schau „Ost: Nordost“ hat allerdings einen Schwachpunkt: ihre Vielfältigkeit. Da gilt es, genau hinzuschauen.

Das Staatliche Museum Schwerin ist bekannt für seine Spitzenkollektion niederländischer Malerei des 17. und 18. Jahrhunderts. Die mecklenburgischen Herzöge hatten im großen Stil Kunstwerke von berühmten Meistern wie Rubens, Rembrandt und Hals erworben. Auch die weltweit größte Sammlung des französischen Tiermalers Jean-Baptiste Oudry besitzt das Haus. Nicht zu vergessen die Kollektion zu Marcel Duchamps, die fast alle Aspekte des Künstlers repräsentiert.

Umfangreiche Bestände

Weniger bekannt sind dagegen die umfangreichen Bestände zu Kunst aus der DDR. Dabei umfasst diese Abteilung rund 620 Gemälde, 160 Skulpturen und mehr als 3000 Arbeiten auf Papier. Man kaufte in Schwerin keine großformatigen Agitationswerke an, sondern erwarb vor allem mittel- und kleinformatige Arbeiten von Künstlerinnen und Künstlern, die sich oftmals ideologischen Vorgaben verweigerten. Traditionelle Gattungen wie Porträt, Landschaft und Stillleben ermöglichen so einen unerwarteten Blick auf die DDR-Wirklichkeit. In der ständigen Sammlung hängen aber nur wenige dieser Bilder. Sprich, ein Großteil der rund 100 Arbeiten, die jetzt in Achberg gezeigt werden, stammen aus dem Museumsdepot. Kuratiert hat die Schau Kunsthistorikerin Doris Blübaum, die mit Oberschwaben schon lange beruflich verbunden ist.

Zu den Höhepunkten zählen „Ursula“ (1960) und „Kahnfahrer“ (1970) von Wolfgang Mattheuer, „Ostsee mit Eisschollen“ (1969) von Otto Niemeyer-Holstein, ein Brotstillleben von Theodor Rosenhauer, „Sowjetische Soldaten“ (1987) von Thomas Ziegler sowie die Plastiken von Wieland Förster. In unserer Region sind Kunstfreunden auch die Figuren von Waldemar Grzimek ein Begriff. Der Bildhauer wurde schon früh in den Westen abgeschoben und lebte später zeitweise in Friedrichshafen. Sein Kontakt zur Kunstszene im Osten brach aber nie völlig ab.

Hinweis auf Enteignungsaktion

Beeindruckend sind vor allem Mattheuers Gemälde, er greift dort auf die Neue Sachlichkeit zurück. In „Ursula“ etwa konzentriert er sich aber nicht nur auf die Person – seine Ehefrau –, sondern legt der Dargestellten ein Kunstbuch auf den Schoß, und mit der lieblichen Landschaft vor dem Fenster kommt eine entspannte Urlaubsstimmung im Hotelzimmer auf. Interessant ist die Rose, die Ursula in der Hand hält. Sie könnte ein versteckter Hinweis auf die „Aktion Rose“ sein, bei der 1953 an der Ostseeküste rund 400 Hotels und Pensionen auf einen Streich enteignet wurden.

Technisch hervorragend sind ebenso die Malereien aus der Ära des sogenannten Bitterfelder Weges. Die SED strebte um 1960 eine Kulturpolitik an, in der die Trennung von Künstler und Volk überwunden werden sollte. Entsprechend sind die Themen: Typische Brigadebilder zeigen den Alltag von Bauarbeitern, Fischern und Erntehelferinnen. Ihr Leben wird idealisiert und somit zählen diese Beispiele zu den wenigen in der Schweriner Sammlung, die der Staatskunst zuzurechnen sind.

Weniger konform sind im Vergleich dazu die Porträts von Malern wie Werner Tübke, Ulrich Hachulla oder Volker Stelzmann. Während Tübkes „Rosaalba“ (1974) in Komposition und Technik an altmeisterliche Vorbilder anknüpft, zeigt Stelzmann mit „Christine“ (1974) eine Frau in lässiger Kleidung mit Zigarette, die wohl kaum dem gewünschten sozialistischen Menschenbild entsprach.

Beim Rundgang durchs Haus fällt vor allem eines auf: Die meisten Exponate sind dem Figurativen verhaftet. Abstrakte Formensprachen, die nach 1945 im Westen eine große Rolle spielten, finden sich nur selten. Und wenn, dann wirken sie eher unbeholfen. Die Gründe dafür sind offensichtlich: Die Künstler in der DDR hatten von Seiten des Regimes ihre Vorgaben, und sie waren durch den Eisernen Vorhang von den Entwicklungen im Rest der Welt weitgehend abgeschnitten. Wer nicht ausgewiesen werden wollte, dem blieb nichts anderes übrig, als sich stilistisch anzupassen. Hermann Glöckner zum Beispiel, der mit geometrischen Formen und Farbflächen experimentierte, musste im Verborgenen arbeiten und wurde erst nach der Wende entdeckt. Kunsthistorisch relevant war in der DDR vor allem die Leipziger Schule, deren Einfluss bis heute anhält. Interessant ist die Ausstellung trotzdem. Besonders der Aspekt, dass es auch jenseits verordneter Staatskunst ein breites Spektrum künstlerischer Positionen gab.

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