Kulturgeschichte: Die Currywurst

Lesedauer: 8 Min
In Berlin wird die Currywurst gern mit Pommes serviert. Puristen jedoch bevorzugen die Variante mit Brötchen. Mayo dazu? Manchma
In Berlin wird die Currywurst gern mit Pommes serviert. Puristen jedoch bevorzugen die Variante mit Brötchen. Mayo dazu? Manchmal eine Glaubensfrage, asuf jeden Fall Geschmackssache. (Foto: dpa)
Welf Grombacher

Herbert Grönemeyer hat ihr ein Lied gewidmet. Der Weltfußballer Ronaldo und der Schauspieler Leonardo DiCaprio haben sich als Fans von ihr geoutet. Und Komiker Atze Schröder sieht in ihr (chauvinistisch) den Beweis dafür, dass Gott ein Mann ist. Ganz klar: Es geht um die Wurst. Genauer: die Currywurst. Vor 70 Jahren wurde sie erfunden und ist lange schon ein Stück deutsches Kulturgut. Im Jahr 2008 wurde „Currywurst“ vom Goethe-Institut und dem Deutschen Sprachrat zum zweitschönsten Wort mit Migrationshintergrund gewählt. „Ein Traumpaar: die urdeutsche Wurst lebt mit Curry in glücklicher Ehe.“

800 Millionen Currywürste werden jedes Jahr bundesweit verkauft. Das macht etwa zehn Würste pro Kopf. Im Ruhrgebiet wird sie als „Schimanski-Teller“, „Bottroper Schlemmerplatte“ oder „Ruhrpott-Carpaccio“ angeboten. Andere nennen sie „Phosphat-Stange“ oder „Maurerpimmel“. Und in Hamburg heißt sie schon mal „Hafenlümmel“. Probleme bei der Bestellung gibt es nicht. Sagte Fernsehkoch Tim Mälzer doch mal so schön: „Eine Wurst versteht jeder!“

Politiker schwören auf die Currywurst, gilt dieses „Steak des armen Mannes“ doch als Bekenntnis zur arbeitenden Bevölkerung. In Insiderkreisen heißt es, jede in der Öffentlichkeit verzehrte Wurst bringe 100 Wählerstimmen. Keiner hat das mehr verinnerlicht als Altkanzler Gerhard Schröder, der sich nur allzu gerne am Imbissstand mit einer Curry und einem Bier ablichten ließ, was ihm den Namen „Curry-Kanzler“ einbrachte. Die Ständige Vertretung in Berlin, in der Politiker gerne ein- und ausgehen, nannte das Leibgericht Schröders auf der Speisekarte deswegen lange nur das „Kanzler-Filet“. Heute wird es als „Altkanzler-Filet“ angepriesen.

Ob Schröders „fleischliche Vorlieben“ der Grund waren, warum er sich 1997 von seiner Frau Hillu, einer bekennenden Vegetarierin, habe scheiden lassen, will der 1963 in Berlin geborene Journalist Marc Reisner in seinem launigen Buch „Alles über die Currywurst“ (Edition BoD, 170 Seiten, 12,90 Euro) nicht bestätigen. Ganz genau weiß er dagegen, wie sich der 2016 verstorbene FDP-Politiker Guido Westerwelle im Januar 2009 in einer Bundestagsdebatte einmal wenig volksnah als „Nicht-Currywurst-Esser“ offenbarte, als er vorrechnete, dass die vereinbarten Steuersenkungen gerade mal 3,10 Euro pro Kopf ausmachten: „Das ist eine Currywurst mit Mayo – ohne Pommes.“ Dabei weiß der eingefleischte Fan doch, dass weder Pommes noch Mayo typisch sind und die Curry mit Schrippe und warmer Tomatensoße gegessen wird.

Bei der Tomatensoße wird’s kniffelig. Macht die die Currywurst doch erst zur Currywurst, wohingegen die Wurst selbst eher eine untergeordnete Rolle spielt und aus Schweine- oder auch Rindfleisch gemacht sein kann. Es gibt mittlerweile sogar Kreationen aus Pangasius, Garnelen oder Braunalgen und eine, die mit Blattgold belegt ist. Mit der Soße aber fing alles an als Herta Heuwer am 4. September 1949 in Berlin die Currywurst erfand. Was mitunter einen Kulturstreit auslöst, behaupten Curry-Hanseaten doch gerne, die Wurst habe im schönen Hamburg bereits 1947 das Licht der Welt erblickt. Das allerdings geht auf Uwe Timms 1993 veröffentlichten und 2008 verfilmten Roman „Die Entdeckung der Currywurst“ zurück und ist eine Legende.

Uwe Timm schreibt darin wie die Hamburgerin Lena Brückner ihren Pelzmantel im Nachkriegsdeutschland gegen 30 Flaschen Ketchup und eine Dose Curry eintauscht. Auf der Treppe fallen die Flaschen herunter, zerbrechen. Zunächst beginnt sie zu heulen. Dann aber macht sie aus der Not eine Tugend und kocht aus dem Matsch eine Soße. Dass es sich um eine fiktive Geschichte handelt, übersah der ehemalige, rechte Innensenator Ronald Schill dabei, als er 2003 einer (nicht ganz ernst gemeinten) Kampagne der Hamburger Morgenpost aufsprang, die gegen die „Dreistigkeit der Berliner Geschichtsfälscher“ polterte. Weil kurz zuvor eine Gedächtnistafel in Berlin für Herta Heuwer aufgehängt worden war, ließ Schill eine in Hamburg aufhängen (die mittlerweile wieder entfernt wurde).

So erinnert heute nur noch in der Hauptstadt eine Tafel an die „Erfinderin der Currywurst“, als die gemeinhin Herta Heuwer (1913-1999) gilt, die in Berlin-Wilmersdorf an der Ecke Kant-/Kaiser-Friedrich-Straße eine Imbissbude besaß. Dort probierte sie mit den wenigen Lebensmitteln, die es nach dem Krieg gab, neue Rezepte aus. Dabei entstand mit Tomatenextrakt und Gewürzen eine Soße, die sie sich samt Schriftzug 1959 unter dem Namen „Chillup“ schützen ließ. Die genaue Rezeptur vernichtete sie 1978 und behielt die Ingredienzen bis zu ihrem Lebensende für sich. Wie sie behauptete, habe sie die Currysoße am 4. September 1949 entdeckt. „Es goss kleene Kinderköppe, keen Mensch war in meener Bude.“ Genug Zeit zum Tüfteln also. Weil Wetteraufzeichnungen für diesen Tag aber belegen, dass es trocken war, bezweifeln Skeptiker, dass es sich wirklich um den 4. handelt, oder nicht doch eher um den 3. September, an dem es in der Tat geregnet haben soll.

Wie dem auch sei. Die Soße samt Wurst entwickelte sich zum Renner. Bald beschäftigte Heuer 19 Verkäuferinnen an ihrer Bude und konnte sogar Angebote von Kraft und Knorr ablehnen. Im Kino warb sie selbst für ihre Wurst und vermarktete ihren Imbiss als „1. Currywurst-Braterei der Welt“. Bis ins hohe Alter erzählte sie ihre Geschichte bei Thomas Gottschalk und Harald Schmidt. In der Kantstraße 101 erinnert seit 2003 besagte Gedenktafel an die findige Wurstbraterin. Die Currywurst ist also genauso alt wie die Bundesrepublik. Das gibt ihr eine besondere Bedeutung. So mancher will in ihrer exotischen Kreation einen ironischen Kommentar auf die deutschtümelnde NS-Zeit sehen. Sie wurde zur gesamtdeutschen Erfolgsgeschichte. Im Westen wurde sie mit Pelle gegessen, im Osten meist ohne, war in der DDR-Mangelwirtschaft Naturdarm doch oft rar.

Max und Charlotte Konoppke schrieben in Ostberlin unter den U-Bahnbögen Wurstgeschichte. Morgens um 4.30 Uhr sollen bis zu 150 Werktätige vor ihrem Imbiss Schlange gestanden haben. Bis heute gibt es ihre Imbissstube in der Schönhauser Allee. Sie zählt mit Curry 36 und Biers Ku‘Damm 195 zu den bekanntesten Currybuden in Berlin und hat es bis in den Reiseführer gebracht. Das 2009 eröffnete Deutsche Currywurst Museum dagegen musste 2018 wieder schließen. Alles hat ein Ende …

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen