Krimi um jüdische Komponisten

Lesedauer: 5 Min
Dem Gönner der schönen Künste, Walter Loving (Hans Hollmann), vergeht beim Konzert eines jüdischen Orchesters bald das Lachen.
Dem Gönner der schönen Künste, Walter Loving (Hans Hollmann), vergeht beim Konzert eines jüdischen Orchesters bald das Lachen. (Foto: dpa)
Werner M. Grimmel

Die TV-Kritik zu diesem „Tatort“ lesen Sie auf der Fernsehseite.

Ravensburg - Was haben jüdische Komponisten, die in Vernichtungslagern getötet wurden, mit einem modernen „Tatort“-Fall heute zu tun? Der Schweizer Filmregisseur Dani Levy hat für seinen Fernsehkrimi „Die Musik stirbt zuletzt“, der am Sonntag läuft, einen geheimnisvollen Plot mit Giftanschlag bei einem Benefizkonzert in Szene gesetzt. Ein besinnlicher Abend mit dem Jewish Chamber Orchestra Buenos Aires im Luzerner Kultur- und Kongresszentrum (KKL) mündet unversehens in ein Drama um ungesühnte Schuld.

Die Rolle des fiktiven argentinischen Kammerorchesters übernimmt das real existierende Jewish Chamber Orchestra Munich (JCOM). Auf dem Programm des nach und nach aus den Fugen geratenden Konzerts stehen Werke von Erwin Schulhoff, Viktor Ullmann, Marcel Tyberg und Gideon Klein. Im Film erklingen Ausschnitte aus Schulhoffs zweiter Sinfonie und seiner Jazzorchester-Suite „Kassandra“, Ullmanns Klavierkonzert, Tybergs Sinfonie Nr. 2 und Gideon Kleins Streicher-Partita. Für den Dreh hat Daniel Grossmann, Gründer und Leiter des JCOM, den Darsteller des Dirigenten gecoacht.

Schulhoff wurde 1904 als Zehnjähriger auf Empfehlung von Antonín Dvořák in das Prager Konservatorium aufgenommen. In Wien setzte er seine pianistische Ausbildung fort, in Leipzig studierte er Komposition bei Max Reger. Nach dem Ersten Weltkrieg wandte er sich sozialistischen Ideen zu und ließ sich von Dadaismus, Jazz und anderen radikalen Strömungen der Kunstmusik inspirieren. Als brillanter Interpret setzte er sich für zeitgenössische Klaviermusik ein. 1941 wurde er in das KZ Wülzburg deportiert, wo er 1942 an Tuberkulose starb.

Ullmann war vier Jahre jünger als Schulhoff, dessen Klavierklasse er in Wien besuchte. Komposition lernte er dort bei Arnold Schönberg, Dirigieren in Prag bei Alexander Zemlinsky, wo er dann als Kapellmeister am Neuen deutschen Theater wirkte. Anfang der 30er-Jahre betrieb er in Stuttgart eine anthroposophische Buchhandlung. 1933 kehrte er nach Prag zurück, nahm dort auch Kompositionsunterricht bei Alois Habá und hatte international Erfolg mit eigenen Werken. 1942 wurde er im KZ Theresienstadt inhaftiert und zwei Jahre später in Auschwitz ermordet.

Der Komponist, Dirigent und Pianist Marcel Tyberg (Jahrgang 1893) stammte aus einer prominenten Wiener Musikerfamilie, die 1927 ins heutige Kroatien umzog. Seine Orchesterwerke stehen in der Nachfolge Bruckners und Mahlers. Kurz vor Kriegsende wurde Tyberg nach Auschwitz verschleppt und dort ermordet. Seine Partituren wurden über Italien nach Amerika gebracht und lagerten dort bis 2005 im Keller von dessen Sohn. Erst seit zehn Jahren wird Tybergs Musik für die Öffentlichkeit erschlossen (CDs bei Naxos).

Dani Levys „Tatort“ spielt im Kultur- und Kongresszentrum Luzern (KKL), das vor 20 Jahren von Stararchitekt Jean Nouvel erbaut wurde und einen der besten Konzertsäle der Welt bietet. Einen besonderen Reiz erzeugt Levys gewagte Konzeption, alles mit nur einer einzigen Kamera-Einstellung (Filip Zumbronn) aufzunehmen.

Weil das KKL nur ein knapp zehntägiges Zeitfenster für Dreharbeiten anbot, mussten Abläufe mit Kamera und Ton schon vorher wie ein Theaterstück geprobt werden. In vier Takes mit jeweils mehr als 1500 Konzertbesucher-Statisten wurden dann die vom Sendeformat vorgegebenen 88 Minuten am Stück gefilmt.

Die TV-Kritik zu diesem „Tatort“ lesen Sie auf der Fernsehseite.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen