Künstler aus dem Südwesten im Dialog

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 In der großen Halle der Galerie Wohlhüter hängen unter anderem Lackbilder des Bernsteinschülers Kurt Frank (links) neben einem
In der großen Halle der Galerie Wohlhüter hängen unter anderem Lackbilder des Bernsteinschülers Kurt Frank (links) neben einem Objekt aus Altpapier und Leim an einem Ast von Josef Bücheler. (Foto: Galerie)

Galeriearbeit auf dem Land ist im Vergleich zur Stadt nicht einfach, denn da kommt keine Laufkundschaft vorbei. Werner Wohlhüter betreibt im abgeschiedenen Leibertingen-Thalheim nahe Meßkirch seit vielen Jahren eine Galerie. Sein Rezept: qualitätsvolle Kunst. In seiner neuen Schau stellt er fünf Bernsteinschüler in einen gelungenen Dialog mit Zeitgenossen und Gegenwartskünstlern aus der Region. Was sie miteinander verbindet oder verband, sind persönliche oder künstlerische Kontakte.

Schwebende Farbfelder, Chaos und Struktur: Nach Jahren der nationalsozialistischen Mal- und Denkverbote begann nach 1945 eine Phase des Aufbruchs und der Neuorientierung. Von der damals noch vorherrschenden gegenständlichen Malerei wandten sich die Künstler ebenso ab wie von der geometrischen Abstraktion der Vorkriegsjahre. Stattdessen betonten sie mit ihrer Kunst die individuelle Geste.

Der Bernstein, ein ehemaliges Kloster bei Sulz am Neckar, war nach dem Zweiten Weltkrieg eine wichtige Keimzelle der Avantgarde im Südwesten. In aller Munde war die Schule vor allem zu Zeiten des großen Holzschneiders und Lehrers HAP Grieshaber. Er, der selber dem Figürlichen treu blieb, ermunterte seine Schüler neue Wege zu gehen. Das ist lange her. Von den einst rund 70 Studenten leben nur noch wenige, aber einige sind bis heute bekannt.

Allen voran der Bildhauer Roland Martin aus Tuttlingen. Von den jetzt ausgestellten fünf Bernsteinschülern ist er der einzige, der in den 1970er-Jahren eine radikale Wende vom Ungegenständlichen zum Figürlichen vollzogen hat. Sein Maß ist der Mensch. In seinen Bronzefiguren versteht er es, „wie kaum ein anderer die Befindlichkeiten des Menschen auszudrücken“, sagt Werner Wohlhüter. Die anderen blieben abstrakt, wobei jeder seine eigene Ausdrucksweise gefunden hat.

Da wäre Emil Kiess aus Hüfingen, in dessen Farblandschaften sich Harmonie mit Spannung, Licht mit Dunkelheit verbindet. Außergewöhnlich ist beispielsweise sein „Wolken“-Bild von 1981, das in der Eingangshalle hängt. Bei Lothar Quinte schätzt der Galerist besonders sein Spätwerk, in dem ruhige Farbwolken und magisch aufgeladene Energiefelder dominieren. Ein paar herrliche Blätter auf Japanpapier werden in der Schau gezeigt. Franz Buchers Plastiken will man am liebsten berühren. Schlanke Holzstelen mit polierter Oberfläche streben nach oben, die in der Halle aus Linde ist mehrere Meter hoch. Haptisch reizvoll sind auch seine kleinformatigen Reliefs aus Aluminium.

Wieder entdeckt: Kurt Frank

Der letzte im Bunde ist Kurt Frank, der zwar zu den begabtesten Bernsteinern gehörte, aber später sehr zurückgezogen lebte und erst jetzt wiederentdeckt wird. Wohlhüter hat für die Ausstellung aus dem Nachlass ein paar Schokoladenstücke aufgetrieben: Farbfelder aus Lack auf Japanpapier oder ein malerisches Emailbild in Schwarz und Weiß. Alles Werke von kontemplativer Kraft.

2014 wurden drei von diesen fünf Malern und Bildhauern schon einmal in Thalheim gezeigt. Ein neuer Dreh entsteht jetzt im Dialog mit acht weiteren Künstlern. Einige von ihnen gehören zwar auch nicht mehr zu den Jüngsten oder leben nicht mehr, aber ihre Arbeiten sind jung geblieben. Immer wieder tun sich Parallelen auf: Ein flirrendes Quadrat in Rot von Quinte korrespondiert wunderbar mit einem Viereck aus duftigen Distelsamen von Angela M. Flaig aus Rottweil. Farbschichtungen finden sich nicht nur in den Lackbildern von Kurt Frank, sondern auch in den Ölgemälden von Romuald Hengstler oder in den Altpapierobjekten von Josef Bücheler, Flaigs Ehemann. Reizvoll können ebenso Gegensätze sein, wie etwa die strenge Stahlpyramide des Rottweiler Bildhauers Jürgen Knubben im Vergleich zu den wuseligen Bronzefiguren von Roland Martin.

Sprich: Die Kunstwerke sind gut gehängt, in der Gegenüberstellung ergeben sich neue Blickwinkel für den Betrachter. Eine Schau, die den Weg aufs Land lohnt.

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