Joseph Roths Frühwerk „Die Rebellion“ in einer neuen Edition

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Der legendäre Josef Meinrad spielte 1962 die Rolle des Andreas Pum in Wolfgang Staudtes Verfilmung von Joseph Roths Roman „Die R
Der legendäre Josef Meinrad spielte 1962 die Rolle des Andreas Pum in Wolfgang Staudtes Verfilmung von Joseph Roths Roman „Die Rebellion“. (Foto: imago images)
Reinhold Mann

Der österreichische Schriftsteller Joseph Roth (1894-1939) gilt, gemäß gängiger Einschätzung, nicht als Sympathisant von Umsturz und Rebellion. Ganz im Gegenteil: als Monarchist, als Verklärer der Habsburger-Monarchie, als Nostalgiker mit Alkohol im Blut, der im Pariser Exil im Delirium starb. Freilich muss eine solche Einschätzung damit leben, dass der Alkoholiker Roth den Gang der Weltgeschichte realistischer einschätzte als die nüchterne Mehrheit.

Zu dieser Einsicht trägt eine neue Werkausgabe bei, die Schludrigkeiten bisheriger Editionen beseitigt. Die Mängel hatten der Wirkung der Romane und dem Renommee des Autors keinen Abbruch getan. Man kann das an der langen Liste der Verfilmungen ablesen. Der Roman „Die Rebellion“ von 1924 wurde gleich zweimal verfilmt: 1962 von Wolfgang Staudte und 1993 von Michael Haneke.

Jetzt ist „Die Rebellion“ in einer neuen Ausgabe beim Wallstein-Verlag erschienen, mit Staudtes Hauptdarsteller Josef Meinrad auf dem Umschlag. Sie folgt dem Manuskript, das im Literaturarchiv in Marbach verwahrt wird, listet alle neuen Textstellen im Vergleich zur Erstausgabe auf und bietet Erklärungen für Begriffe, die heute unverständlich sind. Vor allem lässt sie dem Roman 25 „Feuilletons“ folgen. Für diese Idee muss man besonders dankbar sein.

Auch der Begriff des Feuilletons ist heute erklärungsbedürftig. Feuilletons sind journalistische Texte, die ins Literarische hinüberwechseln und in denen sich eine Beobachtung ins Allgemeine auswächst. So hat Roth dem ersten dieser Feuilletons den Titel „Arbeitslos (Ein Zeitbild)“ gegeben.

Feuilletons gehören in die 1920er-Jahre, als die Zeitungen ein breites gesellschaftliches Spektrum abdeckten. Und mehrfach am Tag erschienen. Die Herstellungstechnik war so schnell, dass Korrespondentenberichte bis 20 Minuten vor Produktionsbeginn verarbeitet werden konnten. Das Zeitungsviertel in Berlin war 1919 der Ort der Revolution.

Joseph Roth kam 1920 nach Berlin. 1923 galt er bereits, wie es im Nachwort des Bandes heißt, als „einer der umtriebigsten, begehrtesten und bestbezahlten Journalisten“. Er schrieb für viele Blätter, unter anderem für den sozialistischen „Vorwärts“. Hier firmierte er als „Der rote Joseph“. Der „Vorwärts“ druckte seine Feuilletons. Und „Die Rebellion“. Ein Roman, der in der Welt vor 100 Jahren spielt.

Ein Blick auf die Feuilletons ist ein Blick in Roths Werkstatt. Hier lässt sich nachvollziehen, wie er Themen entwickelt, die in seinen Romanen wiederkehren. Der einbeinige Soldat, der an einer Krücke aus dem Krieg kommt, ist eines der ältesten Motive: Es gibt bei Roth ein halbes Dutzend invalider Romanhelden. Sie alle haben diesen festen Glauben an Gerechtigkeit und Obrigkeit.

In der „Rebellion“ erzählt Roth, wie sich das Grundvertrauen ins Gegenteil verkehrt. Andreas Pum, der statt mit einer Prothese an einer Krücke entlassen wird, bekommt eine Lizenz fürs Leierkastenspiel, die er wegen eines Streits bei einer Trambahnfahrt verliert. Und damit die Grundlage seiner Existenz. Das letzte Kapitel des Romans – im vorletzten stirbt Pum – ist wie eine weiterlaufende Gehirnaktivität angelegt, ein Wahnsinnsakt, eine imaginierte Rede vor Gericht, in der Pum Gott und die Welt verflucht: „Ich will in die Hölle.“

Mit diesem Motiv steuert Roth freilich Themen an, die aus seinem biografischen Zusammenhang kommen, den er ansonsten tabuisierte. Sein Vater war Getreidehändler. Bei einer Reise von Hamburg, wo er Bericht erstatten musste über Ware, die hinter seinem Rücken veruntreut wurde, erlitt er im Zug einen Anfall und musste in eine Heilanstalt gebracht werden. Er war seitdem unzurechnungsfähig. Die Familie brachte einen Selbstmord in Umlauf, weil der Wahnsinn des Vaters eine weit stärkere Stigmatisierung bedeutet hätte.

In seinen Lebenszeugnissen beschreibt Roth zwei weitere Ereignisse, die er als Vatertod erlebte: den Tod des Kaisers 1916 und den Untergang des Habsburgerreichs. Es war, wie er schreibt, eine „zwiespältige Trauer“.

„Die Rebellion“ hat durchgängig eine sozialkritische Perspektive. Auch in seinen Feuilletons finden sich Beschreibungen von Not und Elend. Das nostalgische Hauptwerk „Radetzkymarsch“ ist keine unkritische Gesellschaftszeichnung. Es ist eine Zeichnung aus einer besonderen Perspektive.

Die galizischen Wurzeln

Die beschreibt der österreichische Historiker Börries Kuzmany in seinem Porträt der Stadt Brody in Galizien (Brody. Eine galizische Grenzstadt im langen 19. Jahrhundert. Wien/Köln/Weimar, Böhlau, 2011). Joseph Roth stammt aus Brody, dem letzten Bahnhof der Donaumonarchie vor der russischen Grenze. Die Stadt war im 17. und auch noch im 18. Jahrhundert größer als Innsbruck oder Salzburg: Handelsstadt, Marktplatz und Freihandelszone. In der politischen Geografie lag sie am Rand des Habsburgerreichs. Im internationalen Handelsnetz aber war sie der Knotenpunkt zwischen Leipzig, Russland und dem Osmanenreich.

Brody war, wie Kuzmany schreibt, „Österreichs jüdischste Stadt“. Die Familien der reichen Juden betrieben den Fernhandel und waren Anhänger des aufgeklärten Judentums. Die Stadt war ein regionales Bildungszentrum. Am Gymnasium war die Unterrichtssprache Deutsch und Joseph Roth der berühmteste Schüler.

Er erlebte die Stadt allerdings im ökonomischen und gesellschaftlichen Niedergang. Immer wieder porträtiert er sie in seinen Romanen, verschweigt aber stets den Namen, sogar in einer Reisereportage von 1927. Roth ließ sich auch bescheinigen, weiter im Westen geboren zu sein. Galizien war im Wien der Kaiserzeit das Symbol für Rückständigkeit. Brody, von Sümpfen umgeben, war sprichwörtlich für Schmutz, Ungeziefer und Verfall.

Kuzmany zeigt, wie sich die Stadt nach 1880 veränderte, der Handel andere Wege nahm und der aufkommende Nationalismus der polnischen und ukrainischen Minderheiten die Juden bedrängte. Sie hatten eine religiös geprägte Identität, ihre Handelskontakte waren international, und im Habsburger-Reich setzten sie auf den Kaiser als übernationale Instanz. Daher auch jenes Urvertrauen in die staatliche Autorität, mit dem Roth seine Helden ausstattet. Und sie dann scheitern lässt.

Die letzten Anhänger der Monarchie leben nicht im Zentrum, sondern an der Peripherie des Kaiserreichs – das ist das große Thema im „Radetzkymarsch“ von 1932, den Roth mit dem Beginn des Weltkriegs 1914 enden lässt. In der „Rebellion“, die unmittelbar in der Nachkriegszeit spielt, ist es der Staat selbst, der morbide ist.

Die Menschen an der Peripherie, das war Roths Überzeugung, sehen früher, was auf sie zukommt, als die Menschen im Zentrum. Am 30. Januar 1933, als Hitler Reichskanzler wurde, ging er ins Exil: „Die Hölle regiert.“

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