Interview: Stargeigerin Janine Jansen

Lesedauer: 8 Min
 Die Geigerin Janine Jansen arbeitet regelmäßig mit den renommiertesten Orchestern der Welt zusammen. Bekannt ist die 41-jährige
Die Geigerin Janine Jansen arbeitet regelmäßig mit den renommiertesten Orchestern der Welt zusammen. Bekannt ist die 41-jährige Niederländerin auch für ihren Erfolg in den digitalen Musikcharts. Jetzt ist sie Artist in Residence beim Bodenseefestival. (Foto: Marco Bourggreve)
Christoph Forsthoff

Janine Jansen zählt nicht nur daheim zu den größten Stars ihres Landes – und dabei gehört die 41-Jährige weder zum niederländischen Königshaus, noch pflegt sie die Liebe zu einem Top-Kicker. Nein, die ebenso selbstbewusste wie natürliche Frau mit dem ansteckenden Lachen spielt Violine – und zwar derart strahlend im Klang, dass ihr das Publikum von Europa bis Amerika zu Füßen liegt. Vor ihren Gastspielen mit dem SWR Symphonieorchester in Stuttgart sowie ihrer vier Konzerte umfassenden Residence beim Bodenseefestival hat Christoph Forsthoff die große Geigerin getroffen.

Plattenfirmen verpassen Geigerinnen schon aus Promotion-Gründen gern ein bestimmtes Image. Wie sieht denn das Ihre aus?

Ich kann mit dem Begriff Image wenig anfangen. Für mich klingt es auf eine bestimmte Weise negativ, denn Image ist etwas, das einem übergestülpt wird. Ein solches Image möchte ich aber gar nicht haben – ich bin ich! Natürlich verkörpere ich auf den Cover-Fotos meiner CDs ein Image – aber das ist doch nur für das Foto! Nein, über ein Image für mich denke ich gar nicht nach, und ich möchte auch nicht, dass meine Plattenfirma darüber für mich nachdenkt.

Das sind also alles inszenierte Fotos, die keineswegs ein Image verkörpern sollen ...

Mein Image ist, dass die Menschen mich so sehen wie ich bin ...

Und wie sind Sie?

Das ist sehr schwierig (lacht) … Musikalisch sind für mich Emotionen unglaublich wichtig, und diese Gefühle möchte ich auch immer in einer spontanen und unmittelbaren Art ausdrücken.

In Stuttgart wie in Friedrichshafen treten Sie als Solistin mit Orchester auf, doch ebenso häufig sind Sie wie auch beim Bodenseefestival als Kammermusikerin zu erleben. Was ziehen Sie vor?

Keines von beiden, mir ist beides gleich lieb. Das ist jetzt ziemlich langweilig, nicht wahr? Aber wenn die anderen sehr kommunikativ sind und man gegenseitig aufeinander reagiert, ist es ganz gleich, ob man mit einem Orchester spielt oder nur mit einem Musikerkollegen. Denn selbst mit einem großen Orchester ist musikalische Intimität möglich, auch wenn es natürlich einfacher ist, zwei oder drei Menschen auf eine Linie zu bringen als 80 Menschen.

Zumal mancher Orchestermusiker einem Solisten auch erst einmal skeptisch begegnet.

Aber das ist auch die Herausforderung: zu einem Orchester zu kommen, einander kennenzulernen und miteinander zu spielen. Von Anfang mache ich stets klar, dass ich nicht als Solistin, sondern als Musikerin da bin und jeden einladen möchte, miteinander Musik zu machen. Und wenn alle dafür wirklich offen sind, dann können selbst Repertoire-stücke zu etwas ganz Besonderem werden.

Nun geht man ja an ein Werk nicht immer mit denselben künstlerischen Vorstellungen heran – ist es schwieriger, sich gegen einen Dirigenten durchzusetzen oder gegen einen Kammermusikpartner?

Das hängt ganz von den Musikern ab und ihren Einstellungen. Dass jemand auf seinem Standpunkt beharrt, kann ebenso mit einem Dirigenten passieren wie mit einem Pianisten, Cellisten oder Geiger. Ich persönlich mag solch eine Sturheit aber grundsätzlich nicht: Musik ist nun einmal nicht auf einen einzigen Weg festgelegt. Mein ehemaliger Geigenprofessor hat mich gelehrt, stets verschiedene, überzeugende Wege für jede einzelne Phrase zu suchen. Und entsprechend schätze ich am meisten die künstlerische Flexibilität.

Nimmt die mit dem Alter ab?

Vielleicht ist es in der Tat auch eine Frage der Generation, wenn ich an meine eigenen Erfahrungen denke – nicht nur bei den Dirigenten, sondern auch in der Kammermusik. Natürlich bin ich sehr glücklich, mit älteren Kollegen zusammenzuarbeiten, denn sie bringen einen großen Erfahrungsschatz mit. Doch zugleich kann es auch schwieriger sein als mit jungen Kollegen, etwa wenn man ihnen sagen möchte: Lass uns doch einmal dieses oder jenes ausprobieren, denn die denken natürlich: Dann zeig‘ mir doch erst einmal, dass du spielen kannst, bevor wir hier anfangen über Musik zu diskutieren.

Fällt es Ihnen schwer nachzugeben bei solchen künstlerischen Diskussionen?

Auch das hängt sehr vom Gegenüber ab. Wenn etwas so stark meiner Natur widerstrebt, dass ich einfach nicht fähig wäre, ein Werk auf eine bestimmte Art überzeugend zu musizieren, dann kann das Ganze auch schon einmal zu einem kleinen Ringkampf werden – wobei: Solch ein Kampf ist selbst mit meinen engsten Kammermusikpartnern nicht ausgeschlossen, denn auch dort herrscht keineswegs immer Friede, Freude, Eierkuchen.

Beeinträchtigt solch eine Auseinandersetzung dann die Güte der Interpretation?

Wir machen Musik, weil Musik unsere Leidenschaft ist. Und insofern kämpfst du natürlich auch für das, woran du glaubst. Doch bei aller Überzeugung von der und bei allem Glauben an die eigene Idee, was zählt, ist die Art des Kampfes – und da ist letztlich immer wieder die Offenheit dem und den anderen gegenüber entscheidend.

Wer Ihre Leidenschaft für die Musik auf der Bühne erlebt, kann sich kaum vorstellen, dass Sie Ihre Geige jemals mehr als einen Tag aus der Hand legen.

Oh, doch, das schaffe ich schon – jeweils eine Woche im Januar und eine Woche im Sommer. Es ist einfach wichtig, den Fokus auch einmal auf etwas ganz anderes zu richten: Nicht allein, einmal nicht zu üben, sondern auch den Kopf frei zu bekommen von allem, was mit Musik zu tun hat, denn es gibt immer zahlreiche Sachen, die getan werden könnten. Und da versuche ich dann einfach, abzuschalten. In der Vergangenheit hat das oft gut funktioniert, wenn ich in die Berge gefahren bin.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen