Interview mit Ulrich Tukur

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 Er lebt schon lange in Italien, aber Verbindungen ins Schwäbische gibt es viele. Im Interview sagt Ulrich Tukur: „Gleichwohl wü
Er lebt schon lange in Italien, aber Verbindungen ins Schwäbische gibt es viele. Im Interview sagt Ulrich Tukur: „Gleichwohl würde ich die Schwäbische Alb unbedingt zu meinem Traumgebirge zählen.“ (Foto: dpa)
Dieter Oßwald

Entdeckt hat er seine Lust auf die Schauspielerei im Tübinger Zimmertheater bei einer Aufführung der „Dreigroschenoper“. Mittlerweile gilt Ulrich Tukur, 62, als einer der renommiertesten Darsteller hierzulande. Noch während seines Studiums an der Stuttgarter Hochschule für Darstellende Kunst übernahm er 1982 seine erste Hauptrolle in „Die weiße Rose“ von Michael Verhoeven, vier Jahre später engagierte ihn Reinhard Hauff als RAF-Terroristen Andreas Baader in „Stammheim“. Für seine Rolle in „Das Leben der Anderen“ wurde Tukur 2006 mit dem Deutschen Filmpreis ausgezeichnet. International ist Tukur gleichfalls gefragt, spielte mit Harvey Keitel und George Clooney. Seit 2010 ermittelt Tukur als „Tatort“-Kommissar Felix Munro. Seit mehr als 20 Jahren steht er mit seiner Tanzkapelle Rhythmus Boys auf der Bühne. Seine neue Komödie „Und wer nimmt den Hund?“ mit Martina Gedeck kommt diese Woche ins Kino. Mit dem Künstler, der in der Toskana und Venedig lebt, aber durch seine aus Ravensburg stammende Mutter immer noch mit Schwaben verbunden ist, unterhielt sich unser Mitarbeiter Dieter Oßwald.

Herr Tukur, lebt es sich in der Toskana besser als einst in Tübingen?

Anders! (Lacht) Ich lebe nicht in der typischen Zypressen-Toskana, sondern im vergessenen Teil der Region, der sogenannten Toskana perduta, an der Grenze zur Emilia Romagna. Da gibt es kleine, aussterbende Dörfer, eine unglaublich schöne Landschaft, hohe Berge und fast keinen Tourismus. Gleichwohl würde ich die Schwäbische Alb unbedingt zu meinem Traumgebirge zählen.

Was verbinden Sie mit Tübingen, wo Sie studierten und als Straßenmusiker aktiv waren?

Tübingen war für mich der Befreiungsschlag, nach Elternhaus und Bundeswehr. Es war eine wunderbare Erfahrung, die Stadt war hübsch, überschaubar und atmete so viel Geschichte. In Tübingen begann mein Leben. In den 1970er-Jahren hatte man als Student ja viel Zeit, da wurde mit gebremster Kraft studiert..

Sie haben in Ihrer Karriere fast schon alles gespielt – was würden Sie sagen, wenn man Ihnen die Rolle von Boris Palmer in einem Spielfilm anbieten würde?

Ich wäre als Boris Palmer eine eklatante Fehlbesetzung. Palmer ist flink, schmal und sehr eloquent. Das bin ich alles nicht. Aber Boris Palmer ist nicht uneitel – da wiederum treffen wir uns! Grundsätzlich finde ich es bedenklich, Zeitgenossen zu spielen. Ich sollte einmal den Uli Hoeneß in einer Komödie verkörpern, das habe ich abgelehnt .

Was halten Sie vom Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer?

Mit dem Kinofilm „Seraphine“ war ich vor Jahren bei den Französischen Filmtagen und lernte den OB persönlich kennen. Chapeau! Er ist nicht nur sehr gescheit und übrigens auch äußerst erfolgreich, er traut sich als einer der wenigen Politiker seiner Partei, auch mal gegen den Strom der moralischen und politischen Besserwisserei zu schwimmen. Und manchmal rutscht ihm dabei etwas heraus, das er vielleicht nicht hätte sagen sollen, Gott sei Dank! Palmer hat als Oberbürgermeister mit der Wirklichkeit zu tun, mit den realen Problemen einer Stadt. Aus der Ferne betrachtet scheint er das sehr gut zu machen. Er ist kein Funktionär, der nach dem Prinzip Kreißsaal, Hörsaal, Plenarsaal in der Blase abgehobener Politik herumschwimmt. Auch wenn er immer wieder linken, wie rechten Gegenwind kriegt, er sollte nicht aufgeben!

Laut Geburtsurkunde heißen Sie Ulrich Scheurlen. Was hat es mit der Anekdote Ihres Künstlernamens auf sich?

Nach meinem ersten Film „Die weiße Rose“ ließ mich Regisseur Michael Verhoeven wissen, dass er meinen Namen nicht auf der Leinwand sehen wolle, weil er immer falsch geschrieben würde und niemand wisse, wie man ihn ausspreche. Irritiert erzählte ich davon meinem Vater. Der sagte spontan: „Dann nenn’ dich doch Napoleon Tukur.“ Im 19. Jahrhundert trug ein Teil unserer Familie diesen seltsamen Nachnamen. Ein Vorfahre von mir soll sein Kind bei den französischen Behörden – es war die Zeit der napoleonischen Besatzung – mit dem Namen Napoleon angemeldet haben. Der französische Offizier fragte: „Napoleon seulement? Nur einen Vornamen?“ Und die Antwort lautete: „Napoleon tout court! Ganz kurz.“ Das wurde eingedeutscht fixiert und blieb zwei Generationen bestehen. Diesen Behördenfehler habe ich also wieder reaktiviert und erklärte Verhoeven ganz stolz: „Ich heiße jetzt Napoleon Tukur.“ Seine Antwort: „Tukur geht in Ordnung, aber Napoleon kommt mir nicht auf die Leinwand!“

Worin lag für Sie der Reiz bei „Und wer nimmt den Hund“?

Das Thema selbst ist ja ein alter Hut. Spannend wird es jedoch, wenn das Drehbuch pointiert geschrieben ist und die Dialoge vor Witz sprühen. Wenn man dann noch die wunderbare Martina Gedeck als Partnerin bekommt, und einen geistreichen Regisseur hat, kann eigentlich nichts mehr schiefgehen. Reizvoll ist zudem, dass ich mich in der Welt der Scheidungen und der Kräche, die unweigerlich daraus folgen, ganz gut auskenne.

Benötigen Sie Schnittmengen mit Ihren Figuren?

Es gibt fast nichts, was ich nicht spielen würde. Nahezu jede Figur, egal wie sehr sie moralisch ausgleitet, hat eine nachvollziehbare Geschichte, die man vorführen kann. Das Faszinierende an diesem Beruf ist ja, dass man eine Art Anwalt seiner Rollen ist. Ein Schauspieler darf seine Figur niemals verurteilen, egal was sie verbrochen hat. Das gilt für den übergriffigen Schuldirektor, den Terroristen wie auch für den nationalsozialistischen General. Man muss sie lieben, Ja zur Figur sagen, die man verkörpert, sonst kann man sie nicht spielen. Urteilen soll der Zuschauer – dann wird es spannend.

Gibt es die perfekte Tukur-Szene, bei der Sie 100 Prozent zufrieden sind?

Nein, es gibt immer nur eine Annäherung an ein Perfektum, von dem man nicht weiß, was es genau ist. Man hat die Sehnsucht, wenigstens einmal über den eigenen Schatten zu springen. Jeder spürt seine Talentlosigkeiten und fühlt die Grenzen, die ihm gesetzt sind. Die versucht man, in einem inspirierten Moment, zu überwinden, um zu etwas vorzustoßen, das man gar nicht für möglich hält – und manchmal stellt er sich tatsächlich ein, dieser magische Augenblick der Befreiung und man fliegt wie ein Vogel im Wind.

Mit Ihrem Musikprogramm reisen Sie durch die ganze Republik. Wird einem das nicht irgendwann zu viel?

Ich liebe diese Art von Musik und das Spiel mit dem Publikum. Für mich ist es nicht anstrengend als Musiker oder Schauspieler auf der Bühne zu stehen, ganz im Gegenteil: Das entspannt mich ungemein. Schlimm ist das normale Leben, das ich auch führen muss und die Organisiererei. Umziehen. Steuern. Behörden. Das Leben ist die Pflicht, Kunst ist die Kür.

Die Kunst ist um das Schreiben erweitert, zur Buchmesse im Oktober soll Ihr Roman-Debüt erscheinen. Worum geht es in „Der Ursprung der Welt“?

Nach ersten Versuchen mit einem Erzähl- und Gedichtband, einer Novelle, die alle bei Ullstein erschienen sind, hatte ich mir vorgenommen, zum Abschluss einen Roman zu schreiben. Ich hatte große Zweifel, ob ich das schaffe und habe drei Jahre lang daran gesessen. Die Geschichte spielt in Stuttgart und Südfrankreich im Jahr 2033. Der Protagonist findet ein Fotoalbum aus den 1920er-Jahren, in dem er sich selbst dutzendfach in alten Fotografien abgebildet sieht und feststellt, dass er ein anderer war. Er begibt sich auf die Suche nach dem, der er vielleicht einmal gewesen sein könnte und macht eine furchtbare Entdeckung.

Woody Allen erzählt gerne, dass er jeden Morgen um 8 Uhr am Schreibtisch sitzt und loslegt – sind Sie ähnlich diszipliniert?

Schreiben braucht tatsächlich Disziplin, wobei ich eher am Nachmittag als morgens beginne. Aber das ist bei jedem Autor unterschiedlich, Thomas Mann schrieb nur von acht bis zwölf, und danach gar nichts mehr. Wichtig ist die Regelmäßigkeit, auch wenn in den ersten Tagen oder Wochen das Blatt leer bleibt – es passiert etwas im Gehirn, und das braucht manchmal Zeit. Schreiben, nur wenn man Lust dazu hat, wäre das falsche Prinzip.

Was ist die wichtigste Qualität im Schauspielberuf?

Für einen nachhaltigen Erfolg in der Schauspielerei braucht es außer Talent auch soziale Kompetenz. Das ist nicht zu unterschätzen. Man arbeitet immer mit Menschen zusammen. Du bist nicht der einsame Star, der ganz auf sich gestellt vor der Kamera oder auf der Bühne leuchtet. Es arbeiten dir im Dunkeln viele Menschen zu, und das muss man wertschätzen. Du bist immer nur so gut, wie es die anderen, wie deine Partner es sind. Es geht um Respekt und darum, einander aufmerksam zuzuhören. Sonst schaffst du es nicht – und es macht auch keinen Spaß.

Sie sind auch als „Tatort“-Kommissar populär. Lesen Sie während der Ausstrahlung, was die Zuschauer auf Twitter dazu kommentieren?

Ich will das gar nicht wissen, das würde mich krank machen. Vieles, was dort geschrieben wird, ist so brachial, so dumm und bösartig, dass mich das wahrscheinlich behindern würde. Man sollte nicht in diese Niederungen hinabsteigen – ganz so wie der Held in meinem Roman, der sich in den wirklichen, den analogen Raum zurückzieht.

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