Interview mit Meeresbiologin Frauke Bagusche

Lesedauer: 13 Min
Christa Sigg

Am liebsten schwimmt sie mit einem Matarochen. „Es gibt unter Wasser kaum ein eleganteres Wesen“, findet Frauke Bagusche. Die Meeresbiologin erforscht die Lebensräume der Ozeane und stellt diesen faszinierenden Kosmos in ihrem Buch „Das blaue Wunder“ vor. Mit Christa Sigg sprach sie über gesprächige Heringe und sich prostituierende Pinguindamen, über den fatalen Rückgang der Korallenriffe und Nemos wahre Geschichte.

Frau Bagusche, eigentlich ist es ein schöner Gedanke, dass wir überall Meerluft atmen.

Es riecht nur nicht überall so gut, und die Luft ist auch nicht überall so heilsam. Aber es stimmt schon, die marinen Mikroalgen produzieren 50, wenn nicht sogar bis zu 90 Prozent des globalen Sauerstoffs. Deshalb verdanken wir mindestens jeden zweiten Atemzug dem Meer.

Als Landratte hat man eher den Wald im Kopf.

Das ist auch richtig, aber die Ozeane liefern mehr Sauerstoff. Natürlich beschäftigen wir uns vor allem mit dem, was wir an Land vor uns haben. Das Meer ist immer noch ein großes Mysterium, und damit verbunden sitzen viele Vorurteile und Ängste in unseren Köpfen.

Apropos Angst, Sie sind viel mit Haien geschwommen, waren Sie schon einmal in Gefahr?

Nein, es gab keinen einzigen Angriff. Es hat sich auch kein Hai jemals für mich als Mittagssnack interessiert, wenn ich blutigen Schrammen am Bein hatte. Und Haie riechen einen Tropfen Blut in einer Million Liter Wasser. Man wird schon gemustert, Haie sind sehr neugierig, aber auch scheu.

Dann haben Sie mit Steven Spielberg noch eine Rechnung offen?

Auf jeden Fall! „Der weiße Hai“ hat unsere Vorstellung vom menschenfressenden Monster geprägt. Wenn ein Hai plötzlich neben mir auftaucht, habe ich auch erst mal ein flaues Gefühl. Immerhin ist Peter Benchley, der Autor des Romans, reumütig zum Haischützer geworden.

Wir haben noch ganz andere Irrtümer im Kopf wie das Märchen von den stummen Fischen.

Dabei kann deren Lautäußerung sogar sehr lustig sein: Heringe, die im Schwarm leben, unterhalten sich nämlich über Fürze. Aus der Schwimmblase lassen die Tiere Luft über den Rektalbereich ab. Wenn ein Raubfisch daherkommt, müssen die Kollegen schließlich informiert werden. Ich bin übrigens selbst schon von einem kleinen Nemo angeknurrt worden, als ich zu nahe an die Anemonen kam. Das war eine klare Drohgebärde.

Mit Nemo sind die Clownfische sehr populär geworden.

Das hat leider dazu geführt, dass viele davon Nemos Schicksal ereilt hat und sie für den Verkauf in Zoohandlungen gefangen wurden. Wobei die rührende Geschichte in der Realität einen ganz anderen Dreh hätte.

Wie wäre die Geschichte korrekt?

Nemos Mutter wird doch von einem Barrakuda verspeist und lässt Vater und Sohn alleine zurück. Davon ausgehend würde der Vater mit der Umwandlung zum Weibchen beginnen, und Nemo sich parallel zu einem fortpflanzungsfähigen Männchen entwickeln. Da Nemo nun aber das einzige geschlechtsreife Männchen weit und breit ist, paaren sich die beiden und zeugen inzestuösen Nachwuchs. Stirbt Nemos Partnerin, die ja zuvor sein Vater war, entwickelt er sich zum Weibchen und geht auf Suche nach einem neuen Partner. Das würde allerdings nicht ins Schema einer Disney-Kindergeschichte passen.

Es geht auch sonst ziemlich wild zu im Meer. Man liest bei Ihnen von Vergewaltigungen und Prostitution.

Und das betrifft ausgerechnet Publikumslieblinge wie Pinguine und Fischotter. Bei den kleinen Adeliepinguinen am Südpol ist Prostitution gang und gäbe.

Aber was hat ein Tier davon, wenn es sich prostituiert?

Gutes Nistmaterial, das Ei muss ja sicher aufliegen – etwa auf einem erhöhten Nest aus Kieselsteinchen. Das ist die heißeste Währung am Südpol. Und dafür geht Frau Pinguin schon mal fremd ganz am Rande der Pinguinkolonie. Denn da leben die Junggesellen, die keine abbekommen haben. Durch einen kecken Tanz sind die Singles mit ihrer angestauten sexuellen Energie leicht zu bezirzen. Ist der Akt vollzogen, schnappen sich die Weibchen einen Kieselstein. Die Männer sammeln sie ganz bewusst an, weil sie wissen, dass es dafür Sex gibt. Es wurden auch schon Pinguindamen beobachtet, die ohne Sexarbeit mit dem Stein abzogen sind – zum Lebenspartner, der treu und brav das Ei hütet.

Und die Otter?

Die Männchen leben in einem Harem, und bei der Paarung kommt es immer wieder zu betrüblichem Schwund. Das flauschige Fell der Fischotter ist extrem rutschig, und um nicht von der Partnerin abzugleiten, beißen sich die Ottermänner oft an ihr fest. Da fehlt dann schon mal eine Nase. Darauf haben die Weibchen verständlicherweise keine Lust. Um sie gefügig zu machen, werden sie unter Wasser gedrückt. Das ist regelrechtes Waterboarding, das manches Weibchen nicht überlebt. Wenn übrigens keine Otterfrau in der Nähe ist, müssen auch Seehundbabys dran glauben.

Da sind die kleinen Fische im Korallenriff besser geschützt.

Oh ja, da gibt es ganz erstaunliche Formen des Zusammenlebens oder der Symbiose. Man darf sich so ein Riff als wuselige Großstadt vorstellen mit Krankenhaus und allem Drum und Dran. Wir sprechen auch von der Kinderstube der Ozeane. Korallenriffe bedecken zwar weniger als ein Prozent des Meeresbodens, aber sie dienen einem Viertel der Fische weltweit als Lebensraum, und sie sind allein durch ihre immense Artendichte unglaublich produktiv. Von der Mikroalge bis zum großen Mantarochen finden die Tiere im Korallenriff alles, was sie brauchen.

Und was hat es mit dem Krankenhaus auf sich?

In tropischen Gewässern findet man häufig Blaustreifenputzerlippfische, die sind etwa 10 Zentimeter groß und bieten ihre Dienste an. Ich habe regelmäßig beobachtet, wie Fische am Riff auf ihre Behandlung warten, also darauf, von Parasiten befreit zu werden oder Wunden verarzten zu lassen.

Wie darf man sich das vorstellen?

Die Putzerfische fressen Wundränder sauber oder zupfen die Parasiten aus den Schuppen. Dabei würden sie lieber den Schleim und die frischen Schuppen abfressen. Genau das mögen die Kunden natürlich nicht, das tut weh. Doch für den Putzerfisch ist Kundenpflege alles, deshalb machen sie brav ihren Job, obwohl sie das gar nicht so gerne tun. Das Ganze wird ja auch noch von anderen Kunden beobachtet, der Druck ist also groß, einen guten Service zu bieten, weil die Fische sonst zur Konkurrenz abwandern.

Leider werden immer mehr Korallenriffe zerstört. Darauf weisen auch Margaret und Christine Wertheim mit ihren kunstvoll gehäkelten Korallenriffen hin, die jetzt auf der Biennale in Venedig zu sehen sind.

Interessanterweise sind die Korallen der Wertheim-Schwestern auch noch aus recyceltem Kunststoff gefertigt, also aus dem Material, dass für Korallen und überhaupt Meerestieren so gefährlich ist. Wir machen uns das immer noch nicht wirklich klar: Viele tropische Inseln werden von Riffen geschützt. Fehlen sie, können Sturmfluten quasi ungehindert über die Inseln fegen. Die Süßwasserreservoirs versalzen, Obst- oder Gemüseanbau ist dann nicht mehr möglich.

Was setzt den Korallenriffen am meisten zu?

Wenn das Wasser zu warm wird, kommt es zum Korallensterben. In den Korallen wohnen Algen, die sie mit Nährstoffen versorgen. Steigen die Temperaturen durch die Klimaerwärmung, fangen die Algen an, Toxine zu produzieren. Um nicht vergiftet zu werden, stoßen die kleinen Korallenpolypen die Algen ab. Ohne deren Nährstoffe können die Korallen aber nur einige Tage überleben, dann sterben sie ab und bleichen aus. Das sind dann weiße Kalkskelette, die keinen Lebensraum mehr für Fische und andere Tiere bieten können.

Das gleiche Desaster ist die Vermüllung der Meere. Gibt es überhaupt einen Ausweg?

Der Müll, der jetzt schon da ist, hat sich längst in die Tiefsee abgesetzt, da ist wohl nichts mehr zu machen. Aber wir haben natürlich in der Hand, den Plastikmüll zu dezimieren. Jede Minute landet derzeit eine Müllwagenladung im Meer, das meiste kommt über die Flüsse in die Ozeane. In Australien werden schon Netze entwickelt, die das auffangen, und auch andere Initiativen wie der „Ocean Cleanup“ beschäftigen sich mit dem Thema. Aber da ist noch viel Forschung nötig, denn diese Techniken bedeuten natürlich auch Eingriffe in die verschiedenen Lebensräume.

Und Mikroplastik?

Wir haben leider keine Chance, das omnipräsente Mikroplastik jemals aus der Erde oder aus den Gewässern zu bekommen. Da helfen nur Verbote und bessere Filteranlagen. In der Kosmetik kann man darauf wirklich verzichten, die Industrie hat da zum Teil schon reagiert. Schwieriger wird es etwa beim Abrieb von Autoreifen oder Kleidung aus Kunstfasern. Bei jeder Wäsche gehen Fasern mit dem Wasser ab.

Das macht nicht gerade hoffnungsvoll.

Man darf sich aber auch nicht entmutigen lassen. Wenn Sie Ihr Leben komplett ändern, sind Sie schnell überfordert und geben auf. Mir geht es ja nicht anders. Es ist besser, ein paar schlechte Gewohnheiten abzulegen und nachhaltiger leben. Wenn das viele tun, kommt am Ende etwas Gutes dabei heraus.

Unsere Zukunft scheint im Meer zu liegen.

Anders: Die Zukunft des Menschen hängt am Meer. Neben der Produktion von Sauerstoff bestimmen die Ozeane das Weltklima und sie geben uns Nahrungsmittel. Das wahre Potenzial an gesundheitsfördernden und vor allem heilenden Substanzen kennen wir noch gar nicht. Die Abwehrstoffe von Schwämmen könnten zum Beispiel im Kampf gegen den Krebs eine ganz entscheidende Rolle spielen. Das Meer zu schützen kann also nur in unserem ureigenen Interesse liegen.

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