Interview mit der Dirigentin Joana Mallwitz

Lesedauer: 6 Min
 Die Dirigentin Joana Mallwitz (33) wird europaweit gefeiert. Mit 19 Jahren begann sie ihre Laufbahn als Solorepetitorin am Thea
Die Dirigentin Joana Mallwitz (33) wird europaweit gefeiert. Mit 19 Jahren begann sie ihre Laufbahn als Solorepetitorin am Theater Heidelberg, wo sie nach ihrer ersten Spielzeit zur Kapellmeisterin aufstieg. Zur Spielzeit 2014/2015 wechselte sie ans Theater Erfurt als damals jüngste Generalmusikdirektorin Europas. Seit zwei Jahren ist Mallwitz Generalmusikdirektorin am Staatstheater Nürnberg. (Foto: Daniel Karmann)
Deutsche Presse-Agentur
Irene Güttel

Eigentlich wäre der Terminkalender von Nürnbergs Generalmusikdirektorin Joana Mallwitz voll gewesen. Die 33-Jährige ist eine gefragte Dirigentin. Im August sollte sie bei den Salzburger Festspielen mit Mozarts „Zauberflöte“ debütieren. Doch die Corona-Krise bremst ihre Pläne aus. „Man muss ganz neu denken – in jeglicher Hinsicht“, sagt sie im Interview mit Irena Güttel. Große Opern und Sinfonien zu spielen wird auf absehbare Zeit nicht möglich sein. Mallwitz sieht darin aber auch eine Chance.

Was beschäftigt Sie vor allem?

Wir Kulturschaffenden haben jetzt die große Aufgabe, Alternativen zu finden. Die Alternative sollte nicht ausschließlich darin bestehen, das, was wir normalerweise tun, jetzt in einer reduzierteren, kleineren Version anzubieten. Wir sollten die Chance dazu nutzen, unsere normalen Denkstrukturen zu verlassen und aus dieser Situation neue Formate und dadurch ein anderes Theatererlebnis zu kreieren. Im Moment arbeiten wir hier von früh bis spät auf Hochtouren, um für die nächsten Wochen und Monate einen alternativen Spielplan aufzustellen. Man ist hauptsächlich in Gesprächen, in Videokonferenzen, mit E-Mails beschäftigt.

Wie kann es für große Orchester wie die Staatsphilharmonie Nürnberg weitergehen?

Im Moment gibt es eine Explosion der Kreativität, um mit kleinen Formaten der Lust an Musik und Kultur gerecht zu werden. Wir müssen auch beim Repertoire in Gebieten recherchieren, in denen wir sonst nicht so viel unterwegs sind. Das ist und wird sicherlich auch weiterhin spannend, und vielleicht wird man das ein oder andere später in die Normalität übernehmen können. Aber der große Wunsch und das Ziel bleibt, wieder mit voller Stärke und Besetzung planen und spielen zu können.

Wie kann ein alternativer Spielplan konkret aussehen?

Das Repertoire, das sonst am Staatstheater gespielt wird – die großen Mahler-Sinfonien und die großen Opern von Puccini, Wagner oder Strauss – wird nicht möglich sein. Natürlich kann man Richtung ältere Musik gehen, weil im Barock und in ganz frühen Bereichen vieles zu finden ist, was auch mit weniger Musikern machbar ist. Aber es gibt auch moderne und ausgefallene Stücke oder Werke, die sogar von einer räumlichen Verteilung und vom Raumklang leben. Wir wollen keine Notfall-Antwort, sondern eine künstlerische Antwort auf die Situation zurzeit finden.

Wie viele andere Theater experimentieren Sie auch mit digitalen Formaten. In einem Videorundgang führen Sie durch Beethovens 7. Sinfonie. Sehen Sie das auch als Chance?

Die digitalen Formate sind sicherlich eine Chance, da sie theoretisch ein großes Publikum erreichen können. Unser Ziel war aber vorrangig, unserem Publikum in Nürnberg, für das wir gerade nicht live spielen können, etwas zu bieten. Wir haben uns bewusst dafür entschieden, ein Format zu kreieren, das die Sehnsucht nach den echten, also mit allen Sinnen erfahrbaren Konzerten befeuert und Menschen neugierig macht, sich die Siebte, sobald man wieder darf, live im Konzert anzuhören. Denn eine Aufnahme kann niemals ein Ersatz für das Live-Erlebnis sein.

Wieso?

Was ein Konzert, Theater und Oper ausmacht, ist genau das, was gerade nicht möglich ist. Das ist ein Ort der Verdichtung. Wenn man im Konzert sitzt, die Kontrabässe spielen und der Boden bebt, wenn die Vibration eines ganzen Orchesters den Ton eines Sängers zu einem in den Zuschauerraum trägt, live, ohne Verstärkung: Das ist eine körperliche und seelische Erfahrung. Das sind die Momente, in denen ein Live-Konzert unersetzbar wird durch jegliche Aufnahme, durch jegliches Video. Und jeder, der das einmal erlebt hat, wird immer wieder ins Konzert und in die Oper laufen, um diese Momente zu finden.

Trotzdem kann man im Fernsehen oder im Kino ganze Opern schauen.

Das halte ich für ein schwieriges Thema. Denn auch noch so schöne Aufnahmen können niemals den kreativen Schaffensprozess eines lebendigen Theaters und Konzertbetriebes ersetzen. Auch bezweifele ich, dass man dadurch wirklich ein neues Publikum erreichen kann, das noch keine Berührungspunkte mit der Oper hatte.

Die Kommentarfunktion ist für Sie aktuell gesperrt. Bitte wenden Sie sich an unseren Kundenservice für weitere Infos.
Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen

Mehr Themen

Leser lesen gerade