Interview mit dem Künstler Manfred Scharpf

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Die beiden Künstler Denis Lacroix, der immer mit Maske unterwegs ist (li.), und Manfred Scharpf haben sich im Juni 2017 in Pari
Die beiden Künstler Denis Lacroix, der immer mit Maske unterwegs ist (li.), und Manfred Scharpf haben sich im Juni 2017 in Paris auf der Straße kennengelernt. (Foto: Roland Rasemann)

Der eine ist ein reifer Maler, der andere ein junger Straßenkünstler. Manfred Scharpf aus Leutkirch und Denis Lacroix aus Paris haben unter dem Titel „Blind Date“ ein Experiment gewagt und jetzt gemeinsam im Allgäu ein großformatiges Bild gemalt. Das Ergebnis samt Vorstudien zeigen die beiden Künstler ab 8. November in der Landesvertretung von Baden-Württemberg bei der EU in Brüssel. Manfred Scharpf (72) erzählt im Gespräch mit Antje Merke, wie es zu dem Projekt kam und was dahinter steckt.

Ihr Projekt nennt sich Blind Date. Was steckt hinter diesem Titel?

Blind Date steht für mich für alle Begegnungen mit Lebenssituationen und mit Menschen, die wir im Lauf unseres Lebens treffen. Wir wissen nie genau, was auf uns zukommt. Wobei ich die frivole Komponente, da nicht ausschließen möchte. Im Wesentlichen geht es aber um den Umgang mit dem für uns noch Unbekannten.

Wie haben Sie ihren französischen Kollegen Denis Lacroix kennengelernt?

Ich war mit dem Fotografen Roland Rasemann im Juni 2017 in Paris auf der Suche nach einer geheimnisvollen schwarzen Madonna aus dem Mittelalter. Aber ich habe sie an dem beschriebenen Ort leider nicht gefunden. Anschließend sind wir ziellos durch die Stadt gelaufen, und da stand plötzlich ein junger Mann mit Maske an einer Wand und malte. Ich bin auf ihn zugegangen und wir kamen ins Gespräch.

Wie entstand die Idee, gemeinsam ein Bild zu schaffen?

Durch verschiedene Begegnungen pflege ich schon seit längerer Zeit Kontakt zu verschiedenen jungen Streetart-Künstlern, zum Beispiel in Tschechien, und habe mich von ihren Motiven künstlerisch inspirieren lassen. Diesmal sollte es jedoch authentisch sein, da waren wir uns schnell einig. Das heißt: Er hat jetzt mit seinen synthetischen und neuzeitlichen Farbmitteln auf mein mit Eitempera vorbereitetes Bild gemalt.

Die Kluft in stilistischer Hinsicht zwischen Ihnen beiden ist groß. Was reizt Sie daran?

Ja, Altmeister trifft Straßenkünstler – das ist schon eine Herausforderung, sowohl von der Technik als auch von der Farbigkeit her. Außerdem hat er im Vergleich zu mir ein hartes Leben auf der Straße hinter sich. Aber diese Gegensätze und das offene Ergebnis machen gerade den Reiz aus. Tatsächlich hat sich unser kreatives Treffen dann als ein wunderbares Blind Date herausgestellt. Denn obwohl er ein Fremder für mich war, bin ich ihm offen begegnet und er mir umgekehrt auch.

Wie kam es zu dem Motiv?

Ich hatte den Vorschlag, dass wir etwas zu Dionysos machen. Das ist mein Lieblingsthema, denn es ist der zeitgemäßeste griechische Gott. Dabei geht es aber nicht um den Säufer, sondern die anderen Aspekte, die er hat. Dionysos ist aus meiner Sicht eine Metapher für die Bedürfnisse unserer Zeit – nämlich dass wir nicht in den Gewohnheiten verharren, sondern auf das Fremde zugehen und kreativ sind. Ich habe Denis immer die einzelnen Schritte per Mail nach Paris geschickt, und so konnte er auch Einfluss auf das Bild nehmen.

Was ist die größte Herausforderung für Sie bei diesem Projekt?

Die künstlerische Vorgehensweise von Denis. Er ist im Gegensatz zu mir vollkommen ohne Planung an die Sache herangegangen. Wobei das für mich kein Problem ist, sondern ich bewundere das, wenn jemand so frei aus dem Bauch heraus arbeiten kann. Ich dagegen plane meine Bilder lange vorher. Inzwischen hat er damit begonnen, diesen planerischen Ansatz teilweise von mir zu übernehmen, was ich sehr bedauere.

Wie kann man aus Ihrer Sicht die Barriere gegenüber dem Fremden, dem Unbekannten überwinden?

Ich glaube, die Probleme mit dem äußeren Fremden beruhen immer auf der Nicht-Akzeptanz des eigenen inneren Fremden. Also zum Beispiel das Wilde, Kreative im Menschen, das leider viele heutzutage verleugnen. Ausnahmen sind Künstler. Die haben sich schon immer dem Unbekannten angenommen und sich damit auseinandergesetzt. Es geht aber natürlich auch darum, in der Gesellschaft den Blickwinkel zu verändern, wie man sich dem Fremden nähern kann – mit Neugier zum Beispiel.

Was haben Sie von ihrem jungen Kollegen gelernt?

Ich habe gelernt, dass ich in meinen Arbeiten viel mehr Freiraum lassen muss und dass ich nicht alles so ernst nehmen sollte, wie ich es bislang getan habe. Sprich, dass ich spontaner werde. Umgekehrt will Denis jetzt von mir lernen, wie man altmeisterlich malt. Ich bin aber der Meinung, dass er da aufpassen sollte. Denn allein schon seine Farbpalette ist einmalig und wunderbar spirituell.

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