Interview mit dem Architekturhistoriker Vittorio Magnago Lampugnani

Lesedauer: 12 Min
Christina Sigg

Beim schnellen Gang durch die Straßen kleben wir gerne am Smartphone – und übersehen dabei all die Details, die eine Stadt ausmachen. Laternen und Abfallkörbe, Haltestellen und Klohäuschen erzählen oft mehr vom Leben der Bewohner und vom sozialen Gefüge als die großen Gebäude. Vittorio Magnago Lampugnani spricht in seinem neuen Buch von „bedeutsamen Belanglosigkeiten“. Und das ist immer noch untertrieben. Christa Sigg hat den Architekturhistoriker getroffen.

Herr Lampugnani, bei Kanaldeckeln geraten Sie ins Schwärmen. Was ist daran so reizvoll?

Es gibt mehrere Ebenen, die Schachtdeckel für mich faszinierend machen. Zunächst: Sie können ausgesprochen schöne, liebevoll gestaltete Objekte sein, aus Gusseisen, Stahl, Zement – es gibt ganz verschiedene Arten. Und sie erzählen kleine Geschichten von ihrer Stadt. In Rom sehen Sie häufig die Wölfin, daneben steht „SPQR“, also Senatus Populusque Romanus, ein aufschlussreicher, selbstbewusster Bezug zur Antike. Die meisten Städte zeigen ihre Stadtwappen oder eigene Symbole. In München ist es das Münchner Kindl, in Augsburg die Zirbelnuss. In die Kanaldeckel der indischen Stadt Chandigarh ist hingegen der stilisierte Stadtplan von Le Corbusier eingegossen, eine großartige Hommage an den Meister.

Nimmt dieser Hang zur besonderen Gestaltung ab?

Nicht unbedingt. Ich war kürzlich in Berlin, da gibt es recht neue Schachtdeckel, auf denen einige Sehenswürdigkeiten der Stadt abgebildet sind. Man schenkt diesen Objekten, auf die man im Grunde nur mit den Füßen tritt oder über die man fährt, weiterhin Beachtung. Immerhin bilden Kanaldeckel und Ablaufgitter die dünne Membran, die zwischen der luftigen, eleganten Stadt und ihrer geheimnisvollen, durchaus düsteren Unterwelt vermittelt. Denken Sie an den Film „Der dritte Mann“ und an die Verfolgungsjagd durch die Wiener Kanalisation. Der Bösewicht Harry Limes alias Orson Welles tritt durch eine Litfaßsäule, auch eine bedeutsame Belanglosigkeit, in das unterirdische Labyrinth und kann deshalb nicht entkommen, weil er ein schweres Eisengitter, das ihm den Weg aus einem Schacht auf die Straße versperrt, nicht hochhieven kann.

Im Film spielen die „bedeutsamen Belanglosigkeiten“ wichtige Rollen.

Ja, natürlich. In Walther Ruttmans „Berlin – Die Sinfonie der Großstadt“ ist die Litfaßsäule die Metapher des Wandels der Metropole, aber auch ganz praktisch das Versteck der Filmkamera. In Alfred Hitchcocks „Vögel“ sucht Tippi Hedren in einer Telefonzelle Zuflucht vor dem mordlustigen Gefieder, „Frühstück bei Tiffany“ beginnt mit einem Schaufenster, vor dem Holly Golightly, hinreißend von Audrey Hepburn gespielt, Kaffee und Croissant zu sich nimmt. Aber auch in der Fotografie und in der Malerei nehmen die kleinen Objekte des Stadtraums eine wichtige Rolle ein: etwa beim Fotografen Eugène Atget oder bei Camille Pissarro, der die Pariser Boulevards mit ihren Bäumen, Baumscheiben, Laternen, Kiosken und Reklamesäulen malt. Und in der Literatur: bei Charles Baudelaire zum Beispiel.

Sie haben auch die Metro-Eingänge in Paris oder die Wiener Stadtbahn-Pavillons von Otto Wagner unter die „Belanglosigkeiten“ eingereiht. Ist das nicht untertrieben?

Ja und nein. Natürlich sind das richtige kleine Architekturen, die mit hohem Anspruch und Können gestaltet wurden. Aber sie sind auch pragmatische Objekte, Zugänge zu einem technischen Massenverkehrsmittel, von denen explizit verlangt wurde, dass sie im Stadtraum nicht aufdringlich auftreten sollten. Poller, Bordsteinkanten oder Bodenbeläge sind freilich bereits von ihrer Natur aus weniger auffällig. Aber auch sie können eine starke visuelle Präsenz und eine hohe ästhetische Qualität entwickeln. Und alle erzählen sie anschaulich von der Geschichte des Lebens in der Stadt und von den Ambitionen ihrer Bürger oder ihrer Herrscher.

Die öffentlichen Toiletten glichen früher manchmal Palästen.

Davon ist nicht mehr viel übrig geblieben. Dabei müssen die modernen Menschen auf der Straße, die Walter Benjamin einmal die Wohnung des Kollektivs genannt hat, nicht nur laufen, sich ausruhen, trinken und essen, sondern manchmal eben auch ihre Notdurft verrichten. Toiletten sind deshalb eine durchaus wichtige Institution. Daraus hatten sich im frühen 20. Jahrhundert mancherorts luxuriöse Orte der Hygiene entwickelt, wo man sich frisch machen konnte, wo es Duschen gab, manchmal sogar einen Friseur und Maniküre. Solche Wellness-Orte in der Stadt würde man sich heute noch wünschen.

Waren Toiletten nicht auch kommunikative Orte?

Sicher. In der Antike waren städtische Toiletten etwas durchaus Selbstverständliches, man saß überdacht, aber an der frischen Luft, hatte fließendes Wasser. Die römischen Latrinen waren Orte der Hygiene, der Geselligkeit und auch eines gewissen Luxus – man musste in der Regel Eintritt zahlen, sie wurden also von der Mittelschicht benutzt, die sich das leisten konnte. Und die dort Konversation trieb, zuweilen auch Politik und Geschäfte machte. Noch Marcel Proust beschrieb, wie die Pariser Pissoirs zu sozial wichtigen Treffpunkten der Homosexuellen geworden waren.

Diese Orte des Verweilens werden weniger, sind wir heute einfach zu schnell unterwegs?

Der Flaneur ist am Aussterben, die meisten Menschen sind heute geschäftig, wenn nicht gleich gestresst und halten sich eher kurz auf der Straße auf, weil sie schnell von einem Punkt zum anderen gelangen wollen. Doch die Unaufmerksamkeit, mit der die Stadt wahrgenommen wird, ist nichts Neues. Die Details des Stadtraums werden im eiligen Vorbeigehen und entsprechend zerstreut wahrgenommen; deswegen sind sie aber nicht weniger wichtig, weil sie insgesamt den Charakter und die Stimmung der Stadt prägen.

Was sagen städtische Möbel aus? In U-Bahnhöfen gibt es kaum noch zusammenhängende Bänke.

Mit diesen kleinen Dingen wurde und wird auch Sozialpolitik gemacht, und gerade die Bänke sind ein gutes Demonstrationsobjekt. Es gibt extreme Beispiele: Im Dritten Reich durften sich Juden nur auf bestimmte Bänke setzen und wurden sogar auf diese Weise diffamiert. In Südafrika gab es Apartheidsbänke – entweder nur für Schwarze oder nur für Weiße. Heute möchte man die randständige Bevölkerung möglichst fernhalten, also die Obdachlosen. Die Tendenz, immer weniger Bänke in den Städten zuzulassen, und auch nur solche, auf denen man nicht schlafen kann, weil sie in der Mitte Bügel aufweisen, zeugt nicht von Humanität.

Wie individuell, wie privat darf der Stadtraum sein?

Überhaupt nicht! Der Stadtraum ist kein Ort der Individualität. Der Stadtraum gehört der Öffentlichkeit und muss auch öffentlichen Charakter haben. Selbst die Toiletten oder die Telefonhäuschen müssen, wenngleich geschützt, öffentlich verfügbar sein.

Beobachten Sie nicht auch die Tendenz, durch Mobiliar kleine Lounges und Rückzugsorte auf Plätzen zu schaffen?

Die Tendenz, Plätze und Straßen wie Wohnzimmer zu möblieren und von den jeweiligen Etablissements entsprechend vereinnahmen zu lassen, ist unübersehbar. Aber sie ist für den öffentlichen Raum verheerend. Ich habe nichts gegen Außenbestuhlungen von Cafés und Restaurants, wenn genügend Platz vorhanden ist. Die Stadt ist ein Lebensort. Aber die Stadt ist keine Lounge.

Dahinter steht ja meistens wirtschaftliche Potenz. Kann man dagegen etwas tun?

Selbstverständlich kann und muss man dagegen etwas tun. Der öffentliche Raum gehört den Bürgerinnen und den Bürgern. Er darf nicht ausverkauft werden.

Wie orientieren Sie sich in einer Stadt?

Wie wir alle durch Straßenschilder und Hausnummern, durch Monumente und markante Gebäude. Aber, und auch das tun wir alle, wenngleich wohl meistens unbewusst, genauso durch die kleinen Dinge im Stadtraum: Kioske, Haltestellen, Telefonzellen, Laternen, Uhren, Poller, Reklamesäulen, Schaufenster, Straßenpflaster, Bürgersteige. Alle diese Dinge sind immer präsent, meistens prägnant und charakteristisch. Und sie machen das Sich-Zurechtfinden leichter.

Mittlerweile hängen aber viele am Smartphone.

Dass man die eigene Orientierung Google Maps überlässt, ist ein ganz neues Phänomen. Ich meine, es wird die direkte Anschauung nicht ersetzen. Wir werden lernen, mit dem Smartphone umzugehen und dennoch die physische Stadt mit unseren Sinnen zu erkunden. Es wird Zeit brauchen. Wir haben noch nicht gelernt, im Freien zu telefonieren. Doch wir machen Fortschritte. Immerhin ist das mobile Telefon kein Prestigeobjekt mehr, das man im Restaurant sofort neben seinen Teller auf den Tisch legt, um es zu zeigen.

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