Interview mit Christian Berkel zum Ende der Serie „Der Kriminalist“

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Mann liegt an Mauer auf dem Boden und streckt die Hand nach oben
Christian Berkel als Bruno Schumann in der vorletzten Staffel von „Der Kriminalist“. (Foto: Oliver Feist/ZDF)
Cornelia Wystrichowski

Seit 13 Jahren ermittelt Christian Berkel in der Serie „Der Kriminalist“ nun schon als Kommissar Bruno Schumann in Berlin. Doch damit ist bald Schluss: Der neuerdings auch als Romanautor erfolgreiche Schauspieler will sich künftig auf andere Rollen und aufs Schreiben konzentrieren. Ab kommenden Freitag zeigt das ZDF die vorletzte Staffel des Dauerbrenners mit sechs neuen Folgen, nächstes Jahr wird die Serie nach 109 Folgen eingestellt. Cornelia Wystrichowski hat sich mit ihm über den Rechtsruck in Deutschland und die Freiheit im Alter unterhalten.

Ist Ihr Abschied aus der Krimireihe „Der Kriminalist“ von Ihnen ausgegangen?

Ja. Ich wollte nicht erst Schluss machen, wenn Bruno Schumann an Altersschwäche stirbt. Man kann an Politikern oft genug sehen, was passiert, wenn jemand zu lange an seinem Stuhl klebt. Ich wollte den richtigen Augenblick nicht verpassen. Und natürlich hatte es auch mit der Arbeit an meinem Buch zu tun.

Sie sprechen von Ihrem Debütroman „Der Apfelbaum“ …

Ich habe eine extrem intensive Zeit hinter mir. Durch die gleichzeitige Arbeit am Buch und die Dreharbeiten hatte ich permanent Sieben-Tage-Wochen, das ging an meine Grenzen. Ich will aber künftig sowohl weiter schreiben als auch drehen, und da nimmt der Kriminalist mit seinen 100 Drehtagen im Jahr einfach zu viel Raum ein, ich könnte auf Dauer gar keine anderen Rollen mehr spielen.

In dem Roman schildern Sie eine fiktionalisierte Form Ihrer deutsch-jüdischen Familiengeschichte. Sind Sie seit dieser intensiven Auseinandersetzung mit dem Thema dünnhäutiger geworden, was den wieder aufkeimenden Antisemitismus angeht?

Ja. Früher gab es Phasen, in denen ich dachte, dass da womöglich auch etwas herbeigeredet wird. Aber mittlerweile muss man den Tatsachen ins Auge sehen: In den letzten Jahren sind in einem irrwitzigen Tempo nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa und darüber hinaus, Dinge passiert, die man nicht für möglich gehalten hätte. Dieser extreme Rechtsruck, der vielleicht eine Reaktion auf die Ratlosigkeit der Politik ist, wird immer gefährlicher.

Sind Sie persönlich auch betroffen?

Ich habe mich zu meinem Entsetzen auf einer Liste wiedergefunden, in der sogenannte „Verräter an der weißen Rasse“ aufgelistet werden. Das ist eine internationale Liste, die Urheber sind unbekannt, aus Deutschland sind etwa 300 Namen darauf – das geht von Angela Merkel quer durch Politik, Kultur und Wissenschaft. Der Gipfel ist, dass bei allen Juden noch ein Davidstern abgebildet ist.

Aber von solchen Erfahrungen wollen Sie sich nicht davon abhalten lassen, eine Fortsetzung Ihres Buches zu schreiben?

Nein, da bin ich auch schon eine Weile dran. Ich möchte Teile meiner Familie in die 60er-Jahre begleiten, die Geschichte wird dann noch stärker fiktionalisiert als im ersten Teil. Ich habe gelesen, wie stark das Wirtschaftswunder der 1950er-Jahre von hochrangigen Alt-Nazis ermöglicht wurde, und wie lange diese Leute in der Bundesrepublik in hohen politischen Positionen fungierten, zum Beispiel Hans Globke als rechte Hand von Adenauer. Das finde ich schockierend, und vor dieser Folie wird die Fortsetzung spielen.

Zuletzt haben Sie in den Serien „Beat“ von Amazon Prime und „Criminal“ von Netflix gespielt. Machen Sie und Ihre Frau auch lange Bingewatching-Abende auf dem Sofa?

Am Anfang schon, als das Ganze neu war, aber jetzt nicht mehr. Die Plattformen müssen aufpassen, dass nicht irgendwann ein Overkill da ist. Sie werden mit der Qualität Probleme kriegen, wenn sie zu viel machen. Es gibt nur eine begrenzte Zahl von guten Stoffen und Autoren, man kann nicht jedes Jahr 50 tolle neue Serien rausbringen.

Sie werden bald 62. Macht Ihnen das Älterwerden Angst?

Mich erschreckt es nicht. Noch verspüre ich keine fürchterlichen körperlichen Einschränkungen. Ich fühle mich eigentlich sogar befreit, denn in der Jugend macht einem jeder Misserfolg Angst, heute weiß ich, dass jede Krise auch mal vorüber ist. Was ich wirklich absurd finde ist, dass man es in unserer Branche und unserer Welt als älter werdender Mann leichter hat. Ich finde das Altern bei Frauen genauso spannend und interessant wie bei Männern. Ein gesunder Wald hat doch nicht nur junge, sondern auch alte und mittelalte Bäume.

Info: Christian Berkel kam 1957 in Berlin zur Welt und lebte in seiner Jugend zeitweise in Frankreich. Er absolvierte eine Ausbildung an der Deutschen Film- und Fernsehakademie und spielte schon mit 19 Jahren in Ingmar Bergmans Film „Das Schlangenei“ mit. Der 61-Jährige war in großen deutschen und internationalen Produktionen wie „Der Untergang“, „Operation Walküre“ und „Inglourious Basterds“ zu sehen. Seit 2006 ermittelt er in der Reihe „Der Kriminalist“, voriges Jahr veröffentlichte er mit dem Familienepos „Der Apfelbaum“ sein viel beachtetes Romandebüt. Christian Berkel lebt mit seiner Ehefrau, der Schauspielerin Andrea Sawatzki, und den beiden gemeinsamen Söhnen in Berlin. (ski)

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