Internationales Jugendchortreffen

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Die Stimme trifft ins Herz. Da ist sich Chordirektor Michael Alber sicher. Er erfährt es gerade bei den Proben in Ochsenhausen.
Die Stimme trifft ins Herz. Da ist sich Chordirektor Michael Alber sicher. Er erfährt es gerade bei den Proben in Ochsenhausen. (Foto: Volker Strohmaier)
Katharina von Glasenapp

Wieder treffen sich in dieser Woche rund 160 junge Menschen aus aller Welt und den Partnerregionen von Baden-Württemberg zum internationalen Jugendchortreffen C.H.O.I.R in Ochsenhausen. An der Landesakademie für die musizierende Jugend proben sie in den großzügigen Räumen des ehemaligen Klosters. Im Mittelpunkt stehen die mitreißenden „Carmina Burana“ von Carl Orff in der Fassung für großen Chor, drei Solostimmen, zwei Klaviere und Schlagwerk.

Außerdem hat die Landesakademie eine Auftragskomposition an den slowenischen Komponisten Damijan Mocnik für eine Neuvertonung der „Ode an die Freude“ vergeben. Michael Alber, früher Chordirektor an der Staatsoper Stuttgart und heute Professor für Chorleitung und Leiter des Hochschulchors an der Musikhochschule Trossingen, begeistert die jungen Sängerinnen und Sänger ebenso wie sein junger Kollege Michiel Haspeslagh, der mit seinem Chor aus Flandern gekommen ist. Dazu bekommen die Teilnehmer auch Einzelstimmbildung durch die junge Sopranistin Alice Fuder, die in den Konzerten dann das Sopransolo singen wird.

Im Bräuhaussaal sitzen die jungen Menschen im Viereck. Michiel Haspeslagh arbeitet mit ihnen an den schwebenden Klängen der Frühlingslieder: „Do you know, what you sing? It’s a nightingale!“ Eine Nachtigall wird besungen, so hell und klar soll der Gesang auch sein. Gemeinsame Kurssprache ist Englisch. Doch manchmal dauert es ein wenig, bis alle Informationen angekommen sind. Ein buntes Völkchen ist hier versammelt, aus Taiwan und Japan, Russland, Polen, Bosnien-Herzegowina (mit einem Sänger aus Kroatien), der Lombardei, aus Spanien und heuer erstmals aus Ungarn sind sie auf den heiligen Berg von Ochsenhausen gekommen. Aus Baden-Württemberg und der Partnerregion Sachsen sind es 26 begeisterte Chorsänger.

Am Abend zuvor haben sich die einzelnen Gruppen in einer Serenade mit Liedern aus ihrer Heimat vorgestellt, nun widmen sie sich alle zusammen wieder den gleißend hellen Frühlingsweisen und den derben Wirtshausliedern, deren Texte Carl Orff in einer Handschrift aus dem Kloster Benediktbeuern gefunden hat. Michiel Haspeslagh tanzt auf seinem Hocker, gibt vollen Körpereinsatz für die Akzente und großen Steigerungen, lobt und ermuntert seine „very good guys“, die sich durch das Sprachfeuerwerk der derben Trinklieder hangeln. Deren lateinische Texte sind schon für unsereins fast Zungenbrecher, wie abstrakt müssen sie dann erst für Taiwanesen und Japaner sein! Doch die Energie der Musik und die pulsierenden Rhythmen reißen die Chorsänger ebenso mit wie später das Publikum, das die Aufführungen in Laupheim, Ravensburg, Stuttgart und zuletzt Ochsenhausen erleben wird. Orffs zündende Musik begeistert viele und für die, die sie zum ersten Mal lernen dürfen, sind die „Carmina Burana“ eine großartige Erfahrung, wie Michael Alber zu berichten weiß.

Das zweite Werk, das auf dem Programm steht und das von der Landesakademie in Auftrag gegeben wurde, weist auf das große Beethovenjahr 2020 zum 250. Geburtstag des Komponisten voraus: Die „Ode an die Freude“ von Damijan Mocnik vertont, natürlich, die Worte von Schiller, die Beethoven in seiner Neunten Symphonie verwendet hat. Vorgabe war die Instrumentalbegleitung mit zwei Klavieren und Schlagwerk, wie sie auch Orff in seinen „Carmina“ vorgesehen hat. Michael Alber macht neugierig auf das Stück, in dem die berühmten Beethovenmotive im Hinterkopf immer vorhanden sind und aufblitzen: „Es ist eigentlich unglaublich klar, worauf es sich bezieht und trotzdem wird es nie direkt ausgesprochen. Es ist ein erfrischendes, assoziatives Spiel mit Beethoven, ein Freudenstück.“

Der erfahrene Chordirigent genießt sichtlich die Arbeit mit den jungen Musikern und ist noch ganz erfüllt von der Serenade am Vorabend: „Wenn wir erleben, wie die zusammen singen, wie sie miteinander atmen, wie sie nach dem Konzert noch in den Gängen weitersingen, bringt uns das näher im Verständnis füreinander als manches andere.“ Auch Beethovens und Schillers Gedanken vom völkerverbindenden „Götterfunken“ schwingt mit hinein in die Kraft des gemeinsamen Singens: „Wir brauchen diesen Funken, und nichts ergreift uns so unmittelbar wie die menschliche Stimme. Das geht einem ins Herz, das vermag Stimme! Vor 30 Jahren war Chorsingen vielleicht nicht so populär, aber jetzt wächst es wieder an. Das Bedürfnis nach dem gemeinsamen Singen bleibt, da bin ich mir ganz sicher.“

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