Immer noch Schwachpunkte bei der Rechtschreibreform

Lesedauer: 11 Min
Schwäbische Zeitung
Rolf Waldvogel

Was bringt eine Reform? Eine Wende zum Besseren. Sollte man meinen. Bei der Rechtschreibreform hat das nicht unbedingt geklappt. Beschlossen wurde sie schon vor 20 Jahren, aber dann gingen noch einmal zehn Jahre ins Land, bis sie nach langen politischen Streitereien und hastigen Überarbeitungen am 1. August 2006 in den Schulen eingeführt wurde. Weitere zehn Jahre später ist es ruhiger um sie geworden. Aber das will gar nichts heißen. Ab Montag hebt landauf, landab in den Schulen wieder der Kampf um die richtigen Buchstaben an.

Schreckensmeldungen in den Medien

Ganz ruhig ist es ohnehin nicht. Obwohl das Jubiläum in die Hauptferienzeit fiel, gingen Schreckensmeldungen durch die Medien. Die Reform sei ein Flop, wurde der Saarbrücker Bildungsforscher Uwe Grund zitiert. Rund die Hälfte aller Schüler der 9. Klasse verfüge bundesweit über „nicht ausreichende“ Rechtschreibkenntnisse. Vor allem bei der Getrennt-/Zusammenschreibung, Groß-/Kleinschreibung und bei der Unterscheidung von ss und ß hätten sich die Erwartungen nicht erfüllt. Mit dieser Ansicht ist Grund nicht allein. Auch etliche andere Studien belegen eine abnehmende Rechtschreibsicherheit.

Reaktionen blieben nicht aus. Heinz-Peter Meidinger, der Vorsitzende des Deutschen Philologenverbands, verwies sofort auf außerschulische Einflüsse. Nicht die Reform sei die Hauptursache für zunehmende Rechtschreibschwäche, sondern das Leseverhalten. Vor allem Jungen würden immer weniger lesen. Ohne intensives Lesen erwerbe man aber keine ausreichende Rechtschreibkompetenz. Damit kreist nun der Schwarze Peter.

Wortsplitter und Kürzel

Dass die Kulturtechniken des Lesens und des Schreibens nicht unbeeinflusst bleiben vom rasanten Wandel in einer Welt der elektronischen Medien, liegt auf der Hand. Jugendliche lesen in der Tat unterm Strich weniger, und in E-Mails, SMS, Blogs und Chats hat sich eine Schreibe eingebürgert, die mit ihren Satzbruchstücken, Wortsplittern und Kürzeln jeder Sprachnorm Hohn spricht. Ham fete alta – klingt irgendwie altindisch, aber es heißt schlicht: Wir machen eine Party, Alter. Forscher betonen treuherzig, da sei immerhin eine enorme Kreativität am Wirken. Mag sein, aber fürs Diktat am nächsten Morgen bringt das gar nichts.

Auch der springflutartig wachsende Einfluss des Englischen wird von Experten gerne kleingeredet. Was unsere Werbetexter mit ihrem hirnrissigen Mischmasch anstellen, ist allerdings verheerend. Der softe Body ist super magic, das Müsli crossig und die blue Dusche Breeze macht active… Das bleibt nicht ohne Folgen, gerade für Jugendliche. Sich ständig nebenbei in einer Sprache zu bewegen, die man ohnehin nicht korrekt beherrscht, zweigt Energien ab. Und die fehlen anderswo – zuvörderst bei der Beherrschung der Muttersprache.

Unausgegoren und widersprüchlich

Aber so sehr auch andere Ursachen für grassierende Rechtschreibschwäche verantwortlich sind, die Reformer haben ein gerüttelt Maß an Schuld. Über Jahre hinweg fast ausschließlich unter Sprachwissenschaftlern getagt zu haben, quasi ohne Kontakt zu Anwendern wie Schulpraktikern, Journalisten oder Schriftstellern, rächte sich. So wurde die Reform von 1996 von der Mehrheit als überkandidelt, unausgegoren und widersprüchlich abgelehnt. Erst der 2004 eingesetzte „Rat für Rechtschreibung“ schaffte es, durch Kurskorrekturen für mehr Ruhe an der Front zu sorgen. So wurde etwa aus dem absurden Eis laufen wieder eislaufen.

Allerdings entschloss er sich, bei strittigen Fragen jeweils zwei Varianten zuzulassen. Das kann man zu erklären versuchen. Die Geschäftsführerin des Rates, Kerstin Güthert, betont, man habe damit Ungereimtheiten der alten Rechtschreibung vor 1996 zur Diskussion stellen wollen, um nach einer gewissen Zeit sehen zu können, zu welcher Variante die Schreiber tendieren. Aber die Variantenschreibung hatte auch einen ganz anderen Grund: Da der 40-köpfige Rat aus sechs Ländern – Deutschland, Österreich, Schweiz, Liechtenstein, Italien (Südtirol) und Belgien – immer mit Zweidrittelmehrheit beschließen musste, entschied er sich bei Uneinigkeit notgedrungen für Varianten. Vor 1996 war nur kennenlernen richtig, nach 1996 nur kennen lernen, heute darf man kennen lernen schreiben oder kennenlernen.

Kompromisse mit fatalen Folgen

Diese Kompromisslösungen haben allerdings sehr negative Folgen. Alle Erfahrungen mit der Reform – in den Schulen, aber auch in der Bevölkerung – zeigen, dass eindeutig geänderte Schreibweisen weniger Probleme machten. Stängel statt Stengel, Schifffahrt statt Schiffahrt, Biss statt Biß – das ließ sich lernen. Die Wahlfreiheit aber verunsicherte zutiefst. Und viel schlimmer noch: Sie verleitete zu einer Gleichgültigkeit, die nur allzu oft in Willkür umgeschlagen ist. Wenn die Neuregelung mir die Möglichkeit lässt, nichts sagend zu schreiben oder nichtssagend, warum soll ich mich dann bei nichtswürdig an eine einzige vorgeschriebene Form halten? Wenn ich die Wahl habe zwischen mithilfe und mit Hilfe, warum dann nicht bei infolge? So fragt sich der sprachwissenschaftlich unbedarfte Schreiber – und schludert fort-an vor sich hin.

Die beiden Wörterbuchverlage Duden und Wahrig trugen ihrerseits noch zur Verwirrung bei. Entgegen der Intention des Rates, der die Entwicklung bei Varianten abwarten wollte, preschten die beiden vor – natürlich nicht im Gleichschritt. Wahrig gab Ende 2006 eine eigene Hausorthografie heraus. Der Duden hatte zuvor schon seinen Duden Nr. 24 mit gelb unterlegten Empfehlungen bei Varianten serviert. Wie schwer nachvollziehbar solche Empfehlungen für Otto Normalschreiber sind, lässt sich zigfach belegen. Nur ein Beispiel aus dem Bereich der sogenannten festen Verbindungen mit grün: Der grüne Star muss man verbindlich kleinschreiben, die Grüne Woche groß, bei die grüne Lunge oder die Grüne Lunge hat man die Wahl, ebenso bei das Grüne Trikot oder das grüne Trikot. Bei Lunge empfiehlt der Duden die Kleinschreibung, also die grüne Lunge, bei Trikot die Großschreibung, also das Grüne Trikot… Kommentar überflüssig.

„Uns wäre mehr Einheitlichkeit auch lieber. Von vielen unserer Nutzerinnen und Nutzer wissen wir, dass sie es vorziehen würden, nur eine Möglichkeit zu haben“, erklärt Melanie Kunkel aus der Dudenredaktion. Die gelben Kästchen beruhten unter anderem auf der Überprüfung des tatsächlichen Sprachgebrauchs in den Sprachkorpora, in die Abertausende von publizierten Texten einfließen. Hier ließen sich durchaus Tendenzen erkennen. Ein weiteres Kriterium sei die optimale Erfassbarkeit von Texten.

Verschiedene Varianten

Wie auch immer, hier noch ein Schlaglicht auf die Praxis: Leidtragende dieser Uneinheitlichkeit waren die deutschsprachigen Nachrichtenagenturen, die unbedingt auf eine Rechtschreibung aus einem Guss angewiesen sind. Wie Bernward Loheide, Chef von dpa Bayern und seit 2006 im Rechtschreibrat, erklärt, gaben sie deswegen gemeinsam eine eigene Liste mit 1500 Wörtern heraus. Darin entschied man sich bei Uneinigkeit von Duden und Wahrig jeweils für die alte Schreibweise vor der Reform, wenn sie denn dem heutigen Regelwerk entspricht. Empfahlen Duden und Wahrig unisono die neue Form, nahm man diese. So konnte das Chaos zumindest eingedämmt werden. Und man will dranbleiben. Der dpa-Sprachexperte plaudert schon etwas aus dem Nähkästchen. Im Dezember wird ein neuer Bericht des Rechtschreibrates herauskommen, und darin sollen einige der Variantenschreibungen wieder aufgehoben werden – nicht zuletzt auf Betreiben von Loheide und Gleichgesinnten.

Von Grabesruhe sprechen derzeit viele, wenn es um die Rechtschreibung geht. In der Tat gibt es seit Langem Tendenzen in der Bildungspolitik, das korrekte Schreiben als weniger wichtig einzustufen, um Schüler nicht von den eigentlichen Lerninhalten abzulenken. Das ist sicher auch einer der Gründe, warum die Reform viele eher kalt lässt. Nur ein kleines Indiz: Gibt man auf der Homepage des Stuttgarter Kultusministeriums Rechtschreibreform als Suchbegriff ein, so erscheint da eine schlichte 0.

Kurzsichtig ist die Vernachlässigung der Orthografie aber allemal. Denn ihre Beherrschung bleibt ein Tor zur Welt, bleibt Grundbedingung für schnelles Erfassen von Texten, für das Blättern im Lexikon, für die Suche im Internet et cetera. Und nicht zuletzt ist ein gutes schriftliches Ausdrucksvermögen im Berufsleben unverzichtbar. Das fängt bei der Bewerbung an. Wer gibt schon jemandem eine Lehrstelle, der eine Leerstelle sucht?

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen