„Ich will Menschen Freude vermitteln“

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Der Künstler Dieter Kunerth, Jahrgang 1940, hat sich bewussst für die Provinz entschieden. Nach dem Kunststudium in München kehr
Der Künstler Dieter Kunerth, Jahrgang 1940, hat sich bewussst für die Provinz entschieden. Nach dem Kunststudium in München kehr (Foto: Ralf Lienert)
Schwäbische Zeitung

Welcher Künstler erhält schon zu Lebzeiten ein Museum? Dem Ottobeurer Maler, Bildhauer und Medienkünstler Diether Kunerth, 74, ist das gelungen. Am Sonntag wird in seinem Wohnort Ottobeuren ein Kunsthaus eröffnet, das (vorerst) ausschließlich Werke von ihm zeigt. Bereitgestellt hat das Haus, das fünf Millionen Euro kostet, die Gemeinde, dazu flossen Gelder von der EU-Städtebauförderung sowie vom Kulturfonds Bayern. Für den Betrieb muss Kunerth mit einem Förderverein selbst sorgen. Ob das funktioniert, wird sich zeigen. Kunerth ist zuversichtlich; allerdings weiß er auch um Unwägbarkeiten. Ein Gespräch mit Klaus-Peter Mayr.

Herr Kunerth, in zwei Wochen wird Ihr Kunstmuseum in Ottobeuren eröffnet. Sind Sie im Stress?

Der hat schon nachgelassen. Die Hauptarbeit ist getan: das Aussuchen der Werke für die Eröffnungsschau, das Hängen und Stellen der 190 Arbeiten.

Erfüllt sich mit diesem Museum ein Traum für Sie?

Von jung an war es mein Traum, meine Kunst den Menschen zu geben. Ich möchte möglichst vielen Menschen Freude vermitteln. Früher haben die Künstler einen Palazzo oder eine Kirche gestaltet – das war ja auch ein bisschen wie ein Museum. Ich möchte mit dem Museum aber nicht als Primadonna glänzen. Vielmehr habe ich nur den Wunsch, dass immer mehr Menschen das Eigentliche erkennen: Kunst als Angebot des Schönen, des Aufbauenden, des Energiespendenden. Die eigentlichen Glanzlichter des Menschen sind Musik, Philosophie, Dichtung, Malerei, Architektur. Das muss wieder mehr in den Mittelpunkt gerückt werden. Dies zu vermitteln ist die Mission meines Museums.

Die Gemeinde hat – mithilfe von staatlichen und EU-Zuschüssen – das Museum gebaut und vermietet es nun an den Förderverein, der für den Betrieb sorgen muss. Wie viele Besucher jährlich benötigen Sie?

Noch wissen wir nicht, wie viele Besucher wir haben werden. Deshalb rechnen wir nicht mit den Eintrittsgeldern, sondern allein mit dem Verkauf meiner Werke. Jetzt muss ich mich von vielen Arbeiten trennen und sie zum Verkauf freigeben, damit das Museum durch mich erhalten werden kann.

Was kostet der Betrieb im Jahr?

Museumsfachleute sagen: etwa 200 000 Euro. Damit werden die laufenden Kosten des Gebäudes und das Personal bezahlt.

Glauben Sie, dass Sie die 200 000 Euro pro Jahr auf Dauer aufbringen können?

Ich hoffe. Ich konnte beispielsweise dem Sammler Reinhold Würth ein Bild für 60 000 Euro verkaufen. Wenn das so weitergeht, funktioniert es.

Es klappt also nur, wenn Sie weiterhin ihre Werke gut verkaufen können?

Ja. Wenn ich drei Bilder für 60 000 Euro verkaufe, ist ein Jahr gesichert. Wir haben ja noch Eintritts- und Sponsorengelder. Das sind aber unbekannte Größen.

Wird es nur Ausstellungen mit Kunerth-Werken geben?

Nein, es werden auch Werke anderer Künstler gezeigt. Das ist eine Auflage des Freistaats Bayern, der zum Bau 500 000 Euro beisteuerte. Aber in nächster Zeit werde erst einmal ich hier ausstellen. Später werden wir versuchen, berühmte Künstler hierher zu bekommen. Etwa den Italiener Sandro Chia, mit dem ich schon Kontakt habe.

Wie viele Ausstellungen pro Jahr planen Sie?

Mehr als eine Ausstellung ist nicht möglich. Das wird Ihnen jeder Museums-Experte sagen.

Warum zur Eröffnung das Thema Ägypten?

In meinen Plastiken war Ägypten schon immer ein zentrales Thema. Auch in meiner Malerei ist es immer wieder angeklungen. Und Ägypten ist ja derzeit auch ein politisches Thema. Die Kunst hat die Aufgabe, zur Versöhnung der Menschen beizutragen.

Wenn das Konzept nicht funktioniert, gibt es dann einen Plan B?

Wir schauen jetzt, dass das Museum Erfolg hat. Dann wäre das optimal für mein Werk und für die Gemeinde. Wenn es nicht klappt, dann müssen wir uns zusammensetzen und einen Plan B überlegen. Ich bin überzeugt: Mit diesem Gebäude kann man in der Kunstwelt punkten. Allein von der Architektur her ist es einmalig. In einem Dorf solch eine Architektur! Und wenn tolle Ausstellungen gezeigt werden, ist das, touristisch gesehen, eine große Chance für Ottobeuren. Wir haben keine Seen, keine Berge – wir haben die Kunst. Moderne Kunst im Kunerth-Museum und die Kunst in der Basilika und im Kloster.

Warum wollten Sie eigentlich ein eigenes Museum?

Der Wunsch nach einem eigenen Museum resultierte daraus, dass ich sehr produktiv war. Der finanzielle Erfolg hat mich befähigt, nur in Kunst zu investieren. Ich konnte alles großzügig realisieren – von der Ölmalerei, die teuer ist, über Grafik, Foto, Video bis zur Plastik, die auch teuer ist. Nur: Ich habe keinen Star-Status – wie Richter etwa. Ich habe nur so viele Werke verkauft, dass ich von der Kunst leben und mir auf Reisen neue Anregungen holen konnte.

Wie haben Sie Ihre Werke verkauft?

Ich hatte das Glück, dass mich gleich anfangs prominente Sammler entdeckten. Etwa Gunter Sachs bei der Akademie-Ausstellung 1966 in München. Ich wurde damals mit anderen wie Baselitz, Richter und Lüpertz angekauft.

Sie hätten ja Karriere machen können.

Das habe ich bewusst nicht getan, obwohl ich Angebote von verschiedenen Galerien hatte. Ich entschied mich für den Galeristen Gurlitt, einen Onkel des in die Schlagzeilen geratenen Kunsterben. Der stellte Werke von mir aus – ich war 23 Jahre alt und noch Student.

Warum sind Sie nicht in der Großstadt geblieben?

Weil ich ein naturverbundener Mensch bin. Ich wollte hier im Allgäu zurückgezogen arbeiten. Obwohl es Angebote gab, die mich sicher viel weitergebracht hätten. Die Galeristen wollten, dass ich immer in einer Richtung arbeite. Ich wollte nur machen, was mich bewegt, nicht was der Kunstmarkt von mir fordert. Die Gesetze des Kunstmarktes gehen ja dahin, dass der Künstler eine bestimmte Marke haben muss, mit der er überall verkauft werden kann. Das mache ich nicht mit. Ich sehe Kunst als Biografie. Ich will meine Erlebnisse formulieren.

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