Hoziers neue CD „Wasteland Baby!“

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„Wasteland, Baby!“ ist ein optimistisch klingendes, manchmal gar überschwengliches Werk, doch es steht laut Hozier auch im Konte
„Wasteland, Baby!“ ist ein optimistisch klingendes, manchmal gar überschwengliches Werk, doch es steht laut Hozier auch im Kontext des Weltgeschehens seit 2016. (Foto: Universal Music)
Steffen Rüth

Der schlaksige, dabei hünenhafte Ire Andrew Hozier-Byrne, kurz Hozier, hat sich fünf Jahre lang Zeit gelassen, um nach dem überwältigenden Erfolg des Songs „Take Me to Church“ sein zweites Album „Wasteland, Baby!“ aufzunehmen. Verlernt hat der 28-Jährige glücklicherweise nichts.

Was tun, wenn man auf dem Dachboden seines Elternhauses ein Lied geschrieben hat, das so einzigartig und kraftvoll ist, dass es das am häufigsten gestreamte Stück des Jahres 2014 wird und überall auf der Welt für dermaßen begeisterte Reaktionen sorgt, dass man drei Jahre lang praktisch auf Dauertournee ist? Hozier kam erst mal wieder heim nach Wicklow, einem kleinen Ort an der irischen Küste, etwa eine Autostunde entfernt von Dublin. „Ich zog bei meinen Eltern aus und allein in einen hübschen Bungalow ganz in der Nähe“, erzählt er. „Das Haus liegt wirklich wunderschön, und ich konnte nach und nach das Tourleben abschütteln und wieder total alltägliche Sachen machen – aufstehen, einkaufen, kochen, putzen. Das hört sich vielleicht bescheuert an, aber wenn du so lange unterwegs warst, empfindest du es als großes Glück, dir endlich mal wieder deinen eigenen Kaffee machen zu können.“

Auf der Suche nach Substanz

Kein Wunder, dass Hozier den Lärm und die Überdrehtheit seines neuen Lebens für eine Weile auf Abstand halten wollte. Mit „Take Me to Church“ und seinem auch „Hozier“ genannten Debütalbum sammelte er Chartplatzierungen und Auszeichnungen en masse, zugleich sorgte er mit dem Video zur mitreißenden Blues-Gospel-Pop-Single, in dem er Homophobie, Frauenhass und die einschlägigen Verfehlungen christlicher Glaubensträger scharf anprangerte, für Diskussionen. „Ich denke nicht, dass es sich ausschließen muss, Popmusik zu machen und positive Botschaften zu verbreiten“, so Hozier. „Mein Song war ein sehr ungewöhnlicher Hit. Guck dir die Top Ten an und sag mir Bescheid, wenn du dort etwas Substanzielles findest. Ich bin skeptisch, dass Musik die Welt verändern kann, aber es ist ein lohnendes Abenteuer, über Dinge zu singen, die einem wichtig sind.“

Mit diesem Ansatz näherte er sich auch seinem zweiten Album „Wasteland, Baby!“, das erneut glänzend und leidenschaftlich beseelt geworden ist, selbst wenn ein Überhit wie „Take Me to Church“ dieses Mal nicht dabei ist. Wieder setzt Hozier auf mitreißende und dramatische Kompositionen, wie etwa in der Bürgerrechts-, Zusammenhalts- und Feminismus-Hymne „Nina Cried Power“, auf der die 79-jährige Soulsängerin Mavis Staples einen Gastauftritt hat. „Mavis und ich standen schon länger in Kontakt. Ich bewundere sie. Mavis war dabei, als Martin Luther King auf Kundgebungen gegen Rassendiskriminierung eintrat, sie hatte ein wirklich unglaubliches Leben und ist immer noch voller Energie.“ Barack Obama wählte „Nine Cried Power“ für seine Lieblingssong-des-Jahres-Liste aus.

Eine Überdosis Nachrichten

„Wasteland, Baby!“ ist ein optimistisch klingendes, manchmal gar überschwengliches Werk, doch es steht laut Hozier auch im Kontext des Weltgeschehens seit 2016, seit Trump und Brexit, den der Musiker für ein „lächerliches und völlig realitätsfernes Projekt der herrschenden Klasse“ hält. „Ich habe mich in meiner Pause wohl einer Überdosis Nachrichten ausgesetzt, und mir Sorgen gemacht um das Überleben unserer Zivilisation. Seit 1960 sind so viele Tierarten auf dem Planeten ausgerottet worden, während viele Menschen sich unversöhnlich und mit spaltender Rhetorik und Verachtung gegenüberstehen. Unterschwellig hat die allgegenwärtige Weltuntergangsstimmung das Album fraglos beeinflusst.“ Doch das hört man „Wasteland, Baby!“ kaum an. Nach wie vor spielt Hozier gern mit euphorischen Gospeleinflüssen wie in „To Noise Making (Sing)“, es überwiegen klar die aufbauenden, zur Bewegung auffordernden Stücke wie „Movement“ oder das leicht jazzige „Almost“. Auch Blues und Soul sind weiterhin Komponenten des Hozier-Sounds, und im Titelsong, in dem er über das Festhalten an der Liebe singt, wird Hozier auch mal ganz ruhig und innig-akustisch. „Ich denke, ich habe ein klassisches, vielleicht auch ein altmodisches, Album gemacht“, sagt der Ire. „Es ist auch gut möglich, dass diese Kunstform unwiederbringlich zu Ende geht. Doch so lange es noch möglich ist, will ich an der schönen Tradition, ein Album zu machen, das den Zeitgeist widerspiegelt und nicht völlig inhaltshohl ist, sehr gern festhalten.“

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