Hilary Mantel schließt Tudor-Trilogie ab

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Sir Thomas Cromwell (1485-1540): Die letzten Lebensjahre des genialen Strippenziehers zu Zeiten Heinrich VIII. zeichnet Hilary M
Sir Thomas Cromwell (1485-1540): Die letzten Lebensjahre des genialen Strippenziehers zu Zeiten Heinrich VIII. zeichnet Hilary Mantel im letzten Teil ihrer historischen Trilogie nach. (Foto: imago stock&people)
Sebastian Borger

Mit ihrer Schilderung der Zustände am Hofe Heinrichs VIII (1509-47) hat die englische Autorin Hilary Mantel ohne Zweifel nicht nur das Genre des historischen Romans neu erfunden. Tief ist ihr Einfluss auch in die Gegenwartskultur des Landes eingesickert. So weiß man, dass die Angestellten des Thronfolgers ihren Arbeitsplatz scherzhaft nach Mantels überaus erfolgreichem Roman „Wolf Hall“ nennen. Begründung: Am Hofe von Prinz Charles gebe es ähnlich brutale Machtkämpfe wie dereinst unter dem Tudor-König.

„Wolf Hall“ („Wölfe“, 2009) und der zweite Band der Trilogie „Bring Up the Bodies“ („Falken“, 2012) waren ein Welterfolg, beide Bücher gewannen den Bookerpreis, Großbritanniens wichtigste Literaturauszeichnung. Mit achtjährigem Abstand hat die 67-Jährige nun den dritten und letzten Band der Trilogie vorgelegt, in dem Leben und Wirken von Heinrichs Chefberater Thomas Cromwell (1485-1540) erzählt werden.

Die Kritiker sind, jedenfalls überwiegend, begeistert „The Mirrow and the Light“ („Spiegel und Licht“), die Mantel-Fans reißen den Buchhändlern das Werk aus den Händen, vergangene Woche durchschnittlich alle sieben Sekunden ein Exemplar.

Auch in den deutschsprachigen Ländern verkauften sich „Wölfe“ und „Falken“ so gut, dass mittlerweile viele deutsche Leser beim Stichwort Cromwell eher an Mantels Helden Thomas denken, als an dessen historisch viel bedeutenderen Urgroßneffen Oliver, den Lordprotektor des 17. Jahrhunderts. Der ließ immerhin einen König, nämlich 1649 Karl I., köpfen – anstatt wie Thomas Cromwell 1540 selbst das Schafott zu besteigen.

Dass Mantels neues Werk mit diesem Moment endet, darf schon deshalb verraten werden, weil ihre Beschäftigung mit dem rätselhaften Aufsteiger nach mehr als 15 Jahren nun endgültig vorbei ist. In Interviews hat Mantel allerdings unmissverständlich zu verstehen gegeben, sie sei deshalb gar nicht sentimental, schließlich habe sie auch weiterhin alle Hände voll zu tun.

Das zeugt von der ungeheuren Willensstärke und Energie der klein gewachsenen Frau, die schwerste Widerstände zu überwinden hatte: die schwierige Trennung der Eltern, eine lange falsch diagnostizierte Endometriose-Erkrankung, die zur Einnahme von Psychopharmaka und schweren Operationen führte. Mantel hat im Alter von 27 Jahren mit brutaler Offenheit in einem autobiographischen Bericht geschrieben, man habe sie durch die Entfernung ihrer Gebärmutter „meiner Fertilität beraubt und meine Innereien neu geordnet“.

Einbildungskraft und Kreativität hat Mantel aber nie eingebüßt. Die Stärke der auch schon zuvor erfolgreichen Autorin besteht ja gerade darin, die eher trockenen Daten und Fakten der bekannten Geschichte mit Leben zu erfüllen. Als „Königin des historischen Romans“ hat die „Süddeutsche Zeitung“ sie deshalb bezeichnet. Präsidentin wäre wohl angemessener, mit der modernen Monarchie nämlich mag die Autorin wenig zu tun haben.

Kate Middleton, als Frau von Prinz William zukünftige Königin Englands, denunzierte Hilary Mantel vor Jahren als „Schaufensterpuppe ohne jede Persönlichkeit“. Die kürzliche Abkehr von Williams Bruder Prinz Harry von der königlichen Familie legte Mantel der Institution zur Last, sprach von „schlimmem Rassismus“ gegen Harrys Gattin Meghan, die Tochter einer schwarzen Mutter und eines weißen Vaters.

Monarchie im 21. Jahrhundert gehört also nicht zu Mantels Lieblingsgenres. Was aber vor knapp 500 Jahren geschah, erzählt sie auf unglaublich anschauliche, lebendige Weise nach. Es bedarf der Lektüre nur weniger Seiten, und schon tauchen die Leser mitten in die brutale, blutige Welt der Tudors ein.

Buchstäblich blutig, beginnt „Spiegel und Licht“ doch mit der Hinrichtung Anne Boleyns, Heinrichs zweiter Frau, 1536. Gerade mal vier Jahre später wird Cromwell selbst einen Kopf kürzer gemacht. Der Meister blutiger Intrigen, mit denen er seinen Aufstieg aus kleinsten Verhältnissen beschleunigt hatte, fällt selbst einer Verschwörung seiner zahlreichen Feinde zum Opfer.

In der deutschen Übersetzung von Werner Löcher-Lawrence kommt das Werk auf 1104 Seiten – diese Länge hat von der einen oder anderen Seite Kritik hervorgerufen. Peter Kemp, der Kritiker der „Sunday Times“, fühlte sich schon von einer fünfeinhalbseitigen Liste der Charaktere eingeschüchtert. Das Buch sei überbevölkert und überladen, deshalb „schmerzlich langsam zu lesen“, findet Kemp. Auch Kritikerkollege Robbie Millen von „The Times“ erwähnt die Überlänge des Werkes, kommt aber zum entgegengesetzten Schluss: „Akzeptieren Sie, dass es nur langsam vorangeht.“ Genau richtig also für all jene, die nach Ablenkung vom Coronavirus suchen.

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