„Halt die Fresse und verrecke!“ - Wie der Hass unsere Gesellschaft bedroht

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Hetze im Internet
Woher kommt diese Wut, dieser Hass, diese Maßlosigkeit, ja dieser Kontrollverlust in Tonalität und Sprache? (Foto: Lukas Schulze / dpa)
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"Halt einfach die Fresse und verrecke Wollny".

Unter den unzähligen Beleidigungen und Hassbotschaften, die ich als Online-Journalist bis heute erhalten habe, haben sich zwei wie Ätzkalk ins Gedächtnis gebrannt.

Die zitierte Aufforderung zum stillen Ableben, weil dies mein allererster Kontakt mit digitalem Hass war. Fast auf den Tag genau vor zehn Jahren. Ich hatte gerade bei Eurosport angefangen und einen kritischen Text über Lance Armstrong geschrieben, "Unter dem Gipfel über dem Zenit".

Ich war irritiert, konnte die Form der "Kritik" nicht einordnen. Kannte mich der Typ?

Nicht alles prallt an einem ab

"Alles halb so wild", beruhigte mich damals ein Kollege. "Daran gewöhnst Du Dich. Mit der Zeit bekommt man ein dickes Fell."

Es wurde Krokodilhaut. Gewöhnt habe ich mich bis heute dennoch nicht daran, will mich auch gar nicht daran gewöhnen. Denn das würde bedeuten, diesen Hass zu akzeptieren.

Ebenso die eigene Ohnmacht, das Entsetzen, die Wut und den Schmerz, wenn man lesen muss, dass die eigene Tochter "bei diesem Vater" heute besser dran wäre, wenn man sie "damals abgetrieben" hätte.

Die zweite Hassbotschaft, einige Jahre später. Sie wurde zwar gelöscht, für meine Erinnerung aber bleibt sie unauslöschlich. Jedes einzelne Wort, das mir damals die Tränen in die Augen trieb.

Meine Erfahrung ist alles andere als exklusiv. In der digitalen Welt leiden unzählige Menschen. Jeden Tag. Sie werden gequält und bisweilen regelrecht vernichtet.

Wie soll sich ein Mensch an so etwas gewöhnen? Und warum sollte man sich als Mensch an diese Unmenschlichkeit gewöhnen? Gewöhnung wäre gleichbedeutend mit Kapitulation.

Mehr denn je in Zeiten, in denen sich Dummheit und Frust addieren, Vernunft und Anstand subtrahieren und "soziale" Medien das Ergebnis mit dem Faktor Hass zu einem asozialen Endprodukt multiplizieren.

Woher kommt diese Wut, dieser Hass, diese Maßlosigkeit, ja dieser Kontrollverlust in Tonalität und Sprache?

Kursiert ein virales  Wut-Virus?

Ist das nach der babylonischen Sprachverwirrung die misanthropische Sprachverirrung oder gar die linguistische Zombie-Apokalypse, in der ein Wut-Virus die Menschen befällt, weshalb sie sich gegenseitig verbal zerfleischen?

Diese gesellschaftliche Rücksichtslosigkeit ist nicht neu. Neu aber ist die Dynamik, mit der sie sich heute auf digitalen Kommunikationswegen in aller Öffentlichkeit lautstark fortbewegt.

Meinungsautobahnen, wo in der Mitte die Moral mit Lichthupe drängelt, Arroganz und Ignoranz mit Vollgas links vorbei jagen und rechtsaußen der Stumpfsinn mit erhobenem Mittelfinger auf dem Pannenstreifen überholt.

Die Sachlichkeit, sie bleibt dabei sprichwörtlich auf der Strecke und verblasst alsbald als vage Erinnerung im Rückspiegel.

Wenn aber eine Gesellschaft in der digitalen Welt so rücksichtslos unterwegs ist, führt das unweigerlich auch im realen Leben zur Karambolage, zu Stau und somit Stillstand. Und es wird Opfer geben, weil niemand für die Vernunft eine Rettungsgasse bildet.

Das Problem ist erkannt, einige zivilgesellschaftliche Bewegungen stellen sich der digitalen Enthemmung entgegen - und setzen sich dem Hass aus.

Bei "Reconquista Internet" etwa ist der Name Programm. Das Internet soll nicht den Wütenden überlassen werden, nicht den Trollen und Menschenfeinden, die vor allem Rechtsextremismus und Fremdenhass in digitalen Echokammern klangverstärken.

Mit eskalierender Rhetorik wird das "Overton-Fenster", das moralische Sprachgrenzen definiert, verschoben - auch vom Digitalen ins Reale. Und längst nicht mehr nur im Schutz der Anonymität, sondern immer häufiger mit Klarnamen.

Der digitale Hass vergiftet den analogen Alltag

Mit dem Anspruch, etwas "ja wohl noch sagen" zu dürfen, wird so auch wieder Unsägliches scheinbar sagbar.

Politiker diktieren Journalisten Begriffe wie "Asyltourismus" und "Anti-Abschiebe-Industrie" in die Blöcke, als sei das etwa kein widerliches Framing, sondern schlichtweg ein Faktum.

Wutbürger verhöhnen auf einem Marktplatz das Massensterben im Mittelmeer mit "Absaufen!"-Sprechchören. Zurück im Netz hetzt man gegen "linksgrünversiffte Gutmenschen" und das "Gesindel aus Afrika", das "wie Sondermüll entsorgt" werden sollte oder verspricht "Systempolitikern" und "Schmierfinken der Lügenpresse", dass "nach der Machtergreifung aufgeräumt" wird. Man werde schon sehen.

Dabei rechtfertigen ausgerechnet jene, die den Rechtsstaat verachten, ihre hasserfüllte Sprache mit Verweis auf rechtsstaatlich garantierte Meinungsfreiheit.

Es macht fassungslos, wenn diese perfide Taktik dann tatsächlich rechtsstaatlich legitimiert wird. Denn was nützt etwa ein Netzwerkdurchsuchungsgesetz gegen Hasskommentare, wenn irrlichternde Juristen in ihrer Beurteilung den Verstand verloren zu haben scheinen wie jüngst am Landgericht Berlin?

Zur Beantwortung der Frage muss man zurück in eine Zeit, in der Vergewaltigung in der Ehe noch keine Straftat war und der NRW-Landesverband der Grünen einen innerhalb der Partei äußerst umstrittenen Antrag einbrachte, mit dem einvernehmlicher Sex mit Minderjährigen entkriminalisiert werden sollte. Das war 1985.

Während einer Debatte im Berliner Abgeordnetenhaus ein Jahr später hatte ein CDU-Abgeordneter - bewusst oder unbewusst - in einem Zwischenruf falsch aus dem Antrag zitiert und die Gewaltlosigkeit unterschlagen.

Renate Künast, die den umstrittenen NRW-Antrag selbst ablehnte, korrigierte mit einem eigenen Zwischenruf und dem Hinweis: "Komma, wenn keine Gewalt im Spiel ist!"

"Stück Scheiße" ist "eine Auseinandersetzung in der Sache"

In einem "Welt"-Artikel von 2015 wurde das Zitat dann aus dem Kontext gerissen, ein rechter Blogger berief sich später darauf und verfälschte Künasts Zwischenruf in einem Facebook-Post mit den Worten "Komma, wenn keine Gewalt im Spiel ist, ist Sex mit Kindern doch ganz ok. Ist mal gut jetzt."

Unter dem Post explodierte daraufhin der Hass, gegen den Künast juristisch vorging.

So musste die Grünen-Politikerin über sich lesen, sie sei "als Kind ein wenig viel gef… worden", man müsse dieses "Stück Scheiße" und diese "Drecksfotze" mal "richtig durchknattern". Man könnte ihr "die Fresse polieren". Sie sei eine "Schlampe", ein "Dreckschwein" und weiteres Menschenverachtendes - nein, Menschenzerstörendes mehr.

Die Berliner Richter wollten jedoch in keiner dieser Scheußlichkeiten eine Beleidigung erkennen und bewerteten sie stattdessen als "eine Auseinandersetzung in der Sache" und "zulässige Meinungsäußerungen".

Eine haarsträubende juristische Fehlleistung, die auf breiter Front Ungläubigkeit und Entsetzen auslöste.

So dachte die gemeinnützige Gesellschaft "HateAid" die Argumentation der Richter zu Ende und stellte zu Recht fest, dass mit dem Urteil Menschen von öffentlichen Ämtern abgeschreckt würden, wenn sie sich solchem Hass schutzlos aussetzen müssten.

Gleiches gelte für Ehrenamtliche, die sich gegen diesen Hass engagierten. Sie würden sich die Frage stellen, ob ihr Engagement überhaupt noch Sinn ergebe.

Muss diese Frage mit Nein beantwortet werden, dann obsiegt der Hass, denn er gewinnt die Diskurshoheit. Es wäre Wahnsinn.

Am Anfang das Wort - am Ende Mord

Ein Wahnsinn, wie er vor wenigen Tagen dem bayerischen SPD-Generalsekretär Uli Grötsch ins Mail-Postfach gespült wurde: "Tötet Uli Grötsch! Genickschuss! Wie Lübcke!"

Der rechtsextrem motivierte Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke im Juni dieses Jahres dokumentiert auf grausame Weise einen Zusammenhang zwischen dieser digitalen Vernichtungslust und realer Gewalt.

Es ist bisweilen eben zuerst das Wort, das Hass und Bösartigkeit zum Ausdruck bringt, bevor es von Hassenden und Bösartigen in Taten umgesetzt wird. So wie nun in Halle.

Wenn man also annehmen darf, dass Sprache nicht nur ein Spiegelbild des Charakters, sondern auch die "Kleidung unserer Gedanken" ist, wie der britische Linguist Samuel Johnson bereits im 18. Jahrhundert feststellte, dann ist klar, was wir drei Jahrhunderte später in unserem digitalen Spiegelbild erblicken: eine Gesellschaft mit heruntergelassenen Hosen.

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