Halbzeit in Bregenz

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François Sarhan entwirft die „Wunderwandelwelt“.
François Sarhan entwirft die „Wunderwandelwelt“. (Foto: Roland Rasemann)
Katharina von Glasenapp

Die ausverkauften Vorstellungen auf der Seebühne sind bei den Bregenzer Festspielen die Grundlage dafür, was im Haus, auf der Werkstattbühne oder im Opernstudio im Kornmarkttheater passieren kann. 10 Tage vor der letzten „Rigoletto“-Vorstellung wächst bei der Intendantin Elisabeth Sobotka die Vorfreude auf die Premiere von Tschaikowskys „Eugen Onegin“ am kommenden Montag und auf die Uraufführung von „Wunderwandelwelt“. Dies ist ein „Gesamtkunstwerk“ des französischen Künstlers François Sarhan, der für Musik, Text, Bühnenbild und Konzeption verantwortlich zeichnet. Die Vorstellungen finden am 16. und 17. August auf der Werkstattbühne statt, hängen wohl miteinander zusammen, können aber auch einzeln besucht werden.

Der Blick in die Probe auf der Werkstattbühne ist ebenso wundersam wie der Titel des neuen Werks: eine große Collage von Zeichnungen, Schriften, Texten („Adorno was right!“) bildet die Rückwand des Bühnenbilds. Objekte wie ein Konzertflügel, eine Kaffeekanne oder eine Motorsäge hängen aus Pappe ausgeschnitten im Raum, ebenso wie ein zerteilter italienischer Kleinwagen. Musiker an E-Gitarren, Keyboard, Schlagzeug und Synthesizer spielen und sprechen. Text, Klang und Theateraktion wirken zusammen. Ein Teil ist in einer Partitur festgeschrieben, andererseits spielt Sarhan mit Freiheit und Improvisation. Auch das Publikum darf sich frei fühlen, kann mit leichten Pappstühlen durch den Raum wandern oder das Geschehen auch an einem Platz bleibend auf sich wirken lassen. Was für eine Geschichte Sarhan hier erzählt, blieb beim Probenbesuch offen, doch dürfte ein spezielles Mosaik aus Klängen, Bildern und Sprache entstehen. Elisabeth Sobotka erkennt vielleicht unverhofft eine Parallele zum sonstigen Festspielprogramm: „François Sarhan ist der Don Quichotte der Musik: er macht sich seine Welt selbst.“

Vertrauter ist die musikalische Welt dagegen im Opernstudio mit „Eugen Onegin“, den „lyrischen Szenen“ nach dem Versroman von Alexander Puschkin. Doch machen auch der Regisseur Jan Eßinger, der Dirigent Valentin Uryupin und die Sopranistin Shira Patchornik, die die Rolle der Tatjana verkörpern wird, neugierig auf ihren frischen Blick auf Tschaikowskys Werk. Ist es ihnen doch möglich, mit einem jungen internationalen Sängerensemble im kleinen Kornmarkttheater eine Kammerspielatmosphäre für die Emotionen und Beziehungsgeschichten junger Menschen zu schaffen. Dabei wollen sie die Oper weder in Russland noch im 19. Jahrhundert verorten, sodass sich jeder darin wiederfinden kann. Tschaikowsky hatte sich vorgestellt, diese Oper mit Sängerinnen und Sängern vom Konservatorium zu besetzen: Dem kommen die Festspiele mit ihrem Ensemble von jungen Preisträgern wohl sehr nahe.

Ob Uraufführung oder freier Blick auf die Tradition: Für Elisabeth Sobotka zeigen sich in diesen beiden Werken die Pole, zwischen denen Musiktheater heute ausgespannt sein kann.

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