„Häuser des Jahres“: Das Eigenheim - Nie war es so wertvoll wie heute

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 Das rote Haus von SoHo Architekten gehört zu den Häusern des Jahres.
Das rote Haus von SoHo Architekten gehört zu den Häusern des Jahres. (Foto: Sebastian Schels)
Reinhold Mann

Häuser des Jahres 2020: Der neue Band dieser Buchreihe porträtiert 50 Einfamilienhäuser. Er kommt zum idealen Zeitpunkt. Nachdem im Lockdown privater Wohnraum mit größter Selbstverständlichkeit und ohne Beschwörung von Bürokratie-Monstern als Arbeitsplatz requiriert wurde, soll nun, unter scharfem Protest, das Homeoffice zum zweitägigen Bürgerrecht erklärt werden. Nirgends gelingt diese raumgreifende Konversion umstandsloser als im Eigenheim, und je größer es ist, desto besser. Bislang war das Arbeitszimmer das rote Tuch fürs Finanzamt, das einem Theaterkritiker das Recht auf seinen Schreibtisch absprach: Er könne ja im Theater schreiben. Und das Einfamilienhaus gar, von Bausparkassen als „Wohnglück“ beworben, ist das klassische Hass-Objekt diverser Gesellschaftsideologien, die das Heil der Welt in der Wohnmaschine oder im Zellenbau mit Fernheizung sahen. Für sie war die Häusle-Bauerei eine antimoderne Gegenwelt. Jetzt aber, zu Corona-Zeiten, ist das Haus plötzlich die feste Burg. „Nie war es so wertvoll wie heute“ – mit dem Slogan des Melissengeists bringt die Journalistin Katharina Matzig im Vorwort des neuen Buches die Situation auf den Punkt.

Banale Dinge wie Fenster zum Öffnen werden zur Grundlage von Versammlungsfreiheit und Infektionsabwehr. Und das Gebot von Social Distancing macht den bislang stets kritisierten Flächenverbrauch zur Überlebensstrategie. Architektur ist Gesellschaftskunst. Und wir erleben gerade eine Umwertung der Werte: Das Eigenheim ist obenauf.

In diesem Rahmen präsentiert sich der Band 2020 des Architekturbuch-Klassikers als eine der interessantesten Ausgaben der letzten Jahre. Nicht weil die neuen Häuser Homeoffices hätten, sondern weil das Buch von ungewohnter Breite ist. Zwar gibt es den üblichen Aufgalopp derjenigen Architekten, die in dieser Reihe immer wieder auftauchen. Aber bei Baukosten, Bauaufgaben, Wohnraumgröße, beim Verhältnis von Neubau und Umbau, selbst bei der regionalen Streuung der vorgestellten Häuser geht die Schere weit auseinander. Vor zehn Jahren hatte man noch den Eindruck, um die Jury in Bann zu schlagen, genüge es, in Vorarlberg einen Fensterrahmen aufzustellen, der Berg, Wald und Wiese zur schönen Aussicht arrangiert. Jetzt tauchen sogar Häuser auf, deren Ausblick nur bis zum Jägerzaun des Nachbarn reicht.

Andererseits dokumentiert der Band auch, dass der Vorarlberger Baustil, dessen Schlichtheit sich aus Nachbarschaftshilfe, Material-Sparsamkeit und einer an den Zisterziensern geschulten Klar- wie Kargheit entwickelt hat, beim Überspringen der Landesgrenze zum Luxus-Label geworden ist.

Mit der Vergabe des 1. Preises setzt die Jury diesmal den Akzent auf die Bautechnik: auf die Kombination von Holzbau und Stahlskelett. Die Hybrid-Bauweise macht ein filigranes Tragwerk mit großen Spannweiten möglich. Und Räume, die ohne feste Trennwände flexibel nutzbar sind. Das Homeoffice kann kommen.

Das prämierte Projekt (Bild 2), von Kölner Architekten im Bergischen Land errichtet, wird im Buch als „Langhaus“ gefeiert, weil die Form an die Polynesien-Abteilung im Völkermuseum erinnert. Der Unterschied ist die Transparenz. Die Durchsicht fordert den Bewohnern Mut zur Selbstdarstellung ab. Das Haus ist an den Längsseiten bis ans Satteldach verglast. Es ähnelt hierzulande dem verbliebenen Ausstellungsraum des örtlichen Autohändlers, bevor er ins Industriegebiet verzogen ist.

Der eigensinnigste Entwurf (Bild 3) kommt, bereits international belobigt, aus der französischsprachigen Schweiz: Architektur mit philosophischem Überbau – ein handfester Kommentar zur inneren Widersprüchlichkeit in unserem Verhältnis zur Natur. Das Erschließen wunderbarer Fernblicke auf Berglandschaften wird mit der Verhunzung des Standorts erkauft, wie ein Blick auf Wintersportdörfer im Sommer zeigt. Der neue Band zitiert die beiden Lausanner Architekten Maurizio Tempesta und Antonio Tramparulo mit ihrem Unbehagen an gestalterisch „verschmutzten Wohngebieten“, als wären sie Kronzeugen für die Kritik am Einfamilienhaus.

Nun ist das Objekt der beiden ebenfalls ein Einfamilienhaus mit stattlicher Grundfläche. Bei genauerer Betrachtung wenden sich die beiden nicht gegen einen Gebäudetyp, sondern gegen städtische Bauformen, die ins Umland hinüberwuchern. Dieses Ausufern der Zentren und die Verdichtung des Einzugsgebiets zur „Agglomeration“ ist ein Thema, das in der Schweiz viel diskutiert wird. Meist ist Zürich das Beispiel, in diesem Fall aber die Regionalmetropole Sitten im Rhonetal, deren Einpendler in den letzten Jahrzehnten die Anhöhen erklommen haben. Wo ehemals nur Herrenhaus und Kirche standen, stapelt sich nun auf vormaligen Weiden und Rebhängen eine Schlafstadt-Architektur.

Der Neubau von Tempesta und Tramparulo richtet sich dezidiert gegen den Trend, die Bergwelt zur Vorstadt zu machen. Ihr Holzhaus, das eher nach Lattenzaun aussieht und schon den Spitznamen „die Raupe“ hat, erstreckt sich, ja wandelt förmlich im kargen bäuerlichen Gewand durch die raue Flur. Und das Finish der Innenräume verrät den Präzisionshandwerker vom Schlage Wilhelm Tells.

Das Thema der städtebaulichen Einbindung eines neuen Hauses in sein Umfeld ist ein Aspekt, der bei den Baubeschreibungen, auch in der Bebilderung, in der Regel zu kurz kommt. In einem weiteren Fall wird aber darauf eigens eingegangen. Und dort zeigt sich genau die gegenteilige Haltung zu den Architekten aus Lausanne und ihrem Projekt im Rhonetal. Statt um Distanzierung geht es um Adaption. Das ist insofern bemerkenswert, weil in diesem Beispiel das Umfeld eine Münchner NS-Siedlung von 1934 ist. Termingerecht zu Führers Geburtstag eröffnet wurden 190 Siedlungshäuser vorgestellt, sortiert nach 34 Bautypen, natürlich nebst evangelischem Muster-Gotteshaus.

Am Ende der Gartenschau wurden die Häuser verkauft. Heute genießt die Siedlung in Ramersdorf Ensembleschutz. Aus ihr heraus hat sich allerdings kein Grundmodell zur Behausung des Volksgenossen abgeleitet, vielmehr wurden die vorgeführten Varianten wegen moderner Bautechnik und Größe verworfen. Je nach Typ boten sie 56 bis 129 Quadratmeter Wohnraum. Zum Vergleich: Die Münchner „Maikäfer-Siedlung“, ebenfalls aus der frühen NS-Zeit, teilt einer Familie mit zwei Kindern in der Etagenwohnung 35, im Eigenheim 50 Quadratmeter zu.

Nun haben die jungen Münchner Architekten Speier, Unger und Zielinski ein Ramersdorfer Modell nachgebaut und die Siedlung nachverdichtet, aber mit einer verspielteren Lochfassade, anderer Aufteilung und einer kommoden, hellen Wohnfläche von 170 Quadratmetern (Bild 5).

Das Verhältnis zu Altbauten ist auch das Thema von weiteren Beispielen aus Süddeutschland. So hat der Memminger Architekt Alexander Nägele für eine Familie im Unterallgäu einen markanten, ochsenblutroten Neubau erstellt (Bild 1). Die Baukosten von 1950 Euro pro Quadratmeter waren günstiger als die Alternative, das alte Bauernhaus nebenan zu sanieren. Eine Entscheidung in umgekehrter Richtung ist am Starnberger See gefallen. Hier wurde ein 200 Jahre altes, baufälliges Bauernhaus saniert (Bild 4). Man darf von einem Liebhaber-Objekt sprechen: Es kostete 1,8 Millionen. Für eine große Familie gibt es nun 480 Quadratmeter Wohnfläche.

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