Große Van-Gogh-Ausstellung im Städel

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Reinhold Mann

Das ist eine Ausstellung über ein Bild, das gar nicht da ist. „Auf der Glatze Locken drehen“, könnte man nennen, was das Städel aus dieser Situation macht: eine üppige Lockenpracht. Die neue Ausstellung, die am Frankfurter Museumsufer in diesem Herbst gezeigt wird, ist ausgedehnter als sonst. Der Anbau für die Sonderausstellungen ist gerade eine Baustelle. Und so weichen die Kuratoren – Felix Krämer (inzwischen in Düsseldorf) und sein Nachfolger Alexander Eiling – auf den weitgespannten Neubau aus, der unter dem Museumsgarten liegt. Hier ist Platz in Hülle und Fülle. Die Themen können sich verästeln, das Publikum kommt in Scharen. Dafür sorgt der Name: Vincent van Gogh.

Die Ausstellung folgt dem bewährten Konzept des Städels. Seine Sammlung ist von repräsentativer Breite, und dadurch pointiert. Und so umstellt es bei seinen Sonderschauen regelmäßig die eignen Bilder mit dem, was ihm Sammler und Museen der Welt ausleihen. Van Gogh ist nun ein Sonderfall. Das Porträt „Bildnis des Dr. Gachet“ von 1890 war einmal eine der Attraktionen dieses Hauses. 1937 wurde das Bild von den Nationalsozialisten beschlagnahmt und gegen Devisen nach Amsterdam verkauft. Seitdem tingelt es durch die weite reiche Welt. Als es 1990 zum Spitzenpreis von 82,5 Millionen Dollar verkauft wurde, galt es als das teuerste Gemälde. Danach gelangte es in japanische und österreichische Hände, in Schweizer Villen mit Seeblick und eine Zelle von Zollfreilagern. Dem Städel jedenfalls ist von seinem renommierten Bild nur der Rahmen geblieben. Und den zeigt es.

Um diese Leerstelle herum entwickelt es eine breitangelegte Ausstellung. Die reichen Informationen, die das Haus ohnehin als digitale Appetit-Häppchen serviert, sind jetzt um Podcasts bereichert. Sie handeln gerade dieses Themenfeld des Kunstmarkts, von Kunsthändlern und ihren Kunden, von Kunst als Kapitalanlage und Vermögensabsicherung eigenständig ab. Und erschöpfend. Abrufbereit sind zwei Stunden Redseligkeit.

Werke abseits der Sonnenblumen

Die Ausstellung selbst widmet sich zielstrebig der Wirkungsgeschichte van Goghs in Deutschland. Es ist eine Liebesgeschichte, schreibt Felix Krämer im Katalog. Aber doch eine mit Zwischentönen, wie er zeigen kann. Am Anfang steckt darin sogar eine unterschwellige Revolte: Museumsdirektoren stellten sich gegen die kaiserzeitliche Ausrichtung der Malerei auf die Darstellung von Staatsakten mit unsichtbar glatten Pinselstrichen und fotografischer Wirkung. Van Goghs Bilder sind das Gegenteil, in jeder Hinsicht.

Ein Raum zeigt, was diese Direktoren nach der Jahrhundertwende angeschafft haben: van Goghs, die aber auch wenig zu tun haben mit dem, was wir heute mit seinem Namen verbinden. Keine vor Hitze flirrende Provence mit Sonnenblumen und Getreidefeldern. Berlin erwarb eine Ansicht vom Pariser Stadtrand mit Windmühle, Mannheim und Dresden kauften Stilleben, München und Greifswald Blicke auf Arles. Den Anfang hatte 1902 das Folkwang-Museum, damals noch in Hagen, mit einem frühen Porträt gemacht, das heute noch mit seinem frisch-forschen Gelb den Besuchern ins Auge springt. Der Städelsche Museumsverein zog 1908 zunächst mit einem düsteren „Bauernhaus“ nach, einem Frühwerk von 1885. 1911 folgte dann ebenfalls ein Porträt, aber ein spätes, ja das letzte Gemälde, das van Gogh 1890 vor seinem Selbstmord vollendet hat: Städeldirektor Georg Swarzenski konnte den berühmten Dr. Gachet begrüßen.

Die Ausstellung dokumentiert darüber hinaus, welche Privatpersonen in Deutschland van Goghs kauften, welche Museen den Maler populär machten, welche Bilder in den ersten Ausstellungen zu sehen waren, welche Kunsthändler van Gogh am Markt durchsetzten, welche Kunstkritiker ihn mit ihren Büchern, Geschichten und Legenden populär machten, ja selbst welche Fälscher vom allgemeinen Boom profitierten. Interessant sind auch die Besucherreaktionen in den ersten Ausstellungen: Lovis Corinth berichtet von ironischem Gelächter und Achselzucken.

Van Gogh ist – so die These der Ausstellung – vor allem ein Künstler-Künstler geworden. Die Stilrichtungen des Expressionismus orientierten sich an der Maltechnik, dem Rhythmus und den Farbkontrasten seiner Bilder. Künstlergruppen ahmten ihn nach und entwickelten ihn weiter. So „Die Brücke“ und „Der Blaue Reiter“. „Überall van Goghelt’s“, beschrieb Ferdinand Avenarius 1910 in seiner Zeitschrift „Der Kunstwart“ die deutsche Maler-Szene.

Dabei erzielt allein schon die Hängung frappierende Ergebnisse. Otto Dix’ „Sonnenaufgang“ von 1913, den man auch als Bombenexplosion im Weltkrieg 1914 wahrzunehmen bereit wäre, ist van Goghs „Sonnenuntergang“ von 1888 gegenübergestellt. So zeichnet sich das Bizarre bei Dix als Bezug auf van Goghs Motiv und Maltechnik ab.

Das Städel zeigt aber auch, welche van Goghs Inspirationsquellen waren. Er griff vor allem Jean-Francois Millet (1814-1875) auf und dessen Motive vom mühevollen Leben der Bauern. Und entwickelte eindrucksvolle Blumenbilder, nachdem er japanische Farbdrucke studiert hatte.

Das Städel hat aus der Not, sein berühmtes „Bildnis des Dr. Gachet“ nicht zeigen zu können, eine Tugend gemacht. Es ist die erfreulich andere van Gogh-Ausstellung entstanden.

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