Grigory Sokolov in Friedrichshafen

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Der russische Pianist Grigory Sokolov.
Der russische Pianist Grigory Sokolov. (Foto: dpa)
Katharina von Glasenapp

Wieder tourt der russische Meisterpianist Grigory Sokolov durch die großen und kleinen Konzertsäle, kehrte zwischen Stuttgart und Berlin dankenswerterweise auch in Friedrichshafen am Bodensee ein, um diesmal bei Beethoven und Brahms in die Tiefen der kürzeren Klavierstücke zu tauchen.

Es gibt wohl kaum einen zweiten Pianisten, der sogenannte leichte Literatur wie die Bagatellen op. 119 von Beethoven mit so viel Gewicht aufzuladen vermag und sie in kostbare Miniaturen verwandelt wie Sokolov. Mit der Sonate op. 2/3 zu Beginn konnte man sich vorstellen, wie sich der junge Feuerkopf Beethoven seinem Publikum in Wien präsentierte: mit starker Dynamik, eigenwilligen Formen, kühner Harmonik oder einem Feuerwerk hochschießender Stakkatoläufe. Sokolov musiziert sie mit der ihm eigenen Unbedingtheit und Klarheit, die Akkorde und Melodien leuchten auf vielstimmige Weise wie ein ganzes Orchester.

Den zweiten Teil seines Programms im Graf-Zeppelin-Haus widmete Sokolov den Klavierstücken op. 118 und 119 von Johannes Brahms. Der Komponist hatte hier frühere Werke gesichtet und mit neuen verbunden. Sokolov versenkt sich tief in die romantische Literatur, erschafft einen Kosmos wunderbar warmer Farben in den lyrischen Stücken, bettet die Melodien ein in ebenmäßige oder dunkel schmerzliche Begleitung. Es ist höchste Differenzierungskunst, durchzogen von Melancholie oder überschäumender Kraft, fein abgestuft in Ausdruck und Gestaltung.

Und da jeder Abend mit Sokolov in einen dritten Teil mit feinsinnigen Zugaben mündet, wurde man mitgerissen nochmals zu Brahms, zu Sokolovs glasklaren Rameau-Interpretationen, zu russischer Romantik mit Rachmaninow und dem hierzulande unbekannten Alexander Gribojedow und zuletzt zu Schuberts Ungarischer Melodie.

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