Gleich drei deutsche Filme junger Autoren starten diese Woche im Kino

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Rüdiger Suchsland

Diese Woche laufen gleich drei deutsche Filme an, die als kleine Juwelen im Einerlei des deutschen Kinos bezeichnet werden können: „Golden Twenties“, „Frau Stern“ und „Prélude“. Alle drei Filme wurden von jungen, deutschen Filmemachern mit wenig Geld gedreht.

Ava (Henriette Confurius) ist nach Abschluss ihres Studiums wieder in die Altbauwohnung ihrer Mutter gezogen, aber nur kurz. So richtig Platz hat die Mutter auch gar nicht. Die Eltern des Großbürgertums wollen die Kinder lieber auf Distanz halten, sie jedenfalls nicht zu Hause herumlungern haben. Sie brauchen ihre Freiheit um sich selber wieder ein bisschen infantil zu geben. Distanz will Ava aber auch selbst. Sie bewirbt sich, will arbeiten, ist optimistisch, aber oft genug prallt sie an die weichen Wattewände der ganz alltäglichen Absurdität.

„Golden Twenties“ ist eine Komödie für Erwachsene, also nicht immer nur zum Lachen. Sie erzählt von einer jungen Frau auf der Suche. Aber was sucht sie? Sich selbst schon mal nicht, im Gegenteil hat diese Ava sich selbst längst gefunden.

Die Regisseurin Sophie Kluge, Tochter des Schriftstellers und Filmproduzenten Alexander Kluge, zeigt sich in ihrem Debüt als sehr genaue Beobachterin und als sensible Erzählerin. Man darf vermuten, dass sie auch eigene Erfahrungen in ihren Film hineinwebt, dass sie persönlich genau kennt, wovon sie in kleinen Szenen erzählt. Aber Ava – herausragend und nuancenreich gespielt von Henriette Confurius – ist die Repräsentantin einer ganzen Generation.

Mit Jan-Ole Gersters Welterfolg „Oh Boy“ haben viele „Golden Twenties“ nach seiner Münchner Premiere beim Filmfest vor ein paar Wochen verglichen. Das ist ein Kompliment, und nicht ganz falsch, denn Ava ist auch eine Drifterin, allerdings notgedrungen. Aber richtig zutreffend ist der Vergleich auch wieder nicht, denn Ava ist kein Hipster, keine haltlos Suchende. Kluge schildert eine junge Frau, der es nichts nutzt erwachsen geworden zu sein, der es nichts nutzt studiert zu haben. Ava stellt sich den Werten und der Vorstellungswelt der Erwachsenen keineswegs entgegen. Sie haben ihr nur nichts Subtanzielles zu sagen. Es sind die Erwachsenen, die hier haltlos sind, die nicht wissen was sie wollen, und die Ava auf ihrem geraden Weg zu Kurven und Umwegen zwingen. Oft genug wirkt Ava wie die reifste Person im Raum, eine Erwachsene, melancholisch angesichts der kindischen Eltern, aber auch nachsichtig – denn es sind ja nur Erwachsene.

Auch die beiden anderen Filme mit Kinostart am Donnerstag ähneln in Charakter, der Machart und den Geschichten dem Film von Sophie Kluge: gedreht ohne Besuch einer Filmhochschule, ohne deren Geld oder dem eines Fernsehsenders. Wie „Frau Stern“ von Anatol Schuster. Dieser Film erzählt von einer alten Frau in Berlin: Frau Stern ist 90 und hat den Holocaust überlebt. Doch nun hat das Leben ihr nichts mehr zu bieten, findet sie, und sagt gleich zu Beginn des Films: „Ich will sterben!“ Sie will eine Pistole kaufen und sich erschießen. Alle versuchen, ihr das auszureden. Und seltsamerweise erweist sich das Sterben auch als gar nicht so einfach. Im Folgenden bringt ihr und dem Publikum jeder Versuch dazu den Wert des Lebens wieder näher.

Viele Episoden dieser filmischen Versuchsanordnung bewegen sich zwischen Komik und philosophischem Diskurs über das Tabuthema Tod, das auch zu den groteskesten Situationen führt. Der Film spürt konsequent das Kluge im Naiven auf und entwickelt mit „Sterns Stunde“ sogar ein neues Talkshow-Format zum Thema. Parallel dazu führt uns die umtriebige junge Enkelin von Frau Stern (Kara Schröder) vor, wie schön gedankenlos man die Zeit auch einfach totschlagen kann – und dabei trotzdem vollkommen lebenswert existiert.

Oberflächlich betrachtet sind beide Filme sehr verschieden, aber sie verbindet, dass ihre Stoffe nicht geschmeidig sind, nicht nett. Deutsche Mainstream-Filme verklären die Jugend der Mittzwanziger gern als „beste Zeit“. Kluge und Schuster haben mit derartiger Verlogenheit nichts gemein. Sie beschreiben einen Abschied von den Eltern, den man vergleichen könnte mit einem Abschied der Filmemacher von Filmförderern und Fernsehsendern, die genauso finanzieren wie einschränken. Diese Unabhängigkeit merkt man den beiden Filmen im positiven Sinne an.

Auch der dritte deutsche Start in dieser Woche, ebenfalls ein Regiedebüt, lohnt den Kinobesuch. Sabrina Sarabis „Prélude“ beschreibt den Weg des 19-jährigen David (Louis Hofmann), der von einem Leben als Konzertpianist auf den großen Bühnen der Welt träumt. Als Student am Musikkonservatorium merkt er schnell, dass er nur ein Talent unter vielen ist. Sein Kommilitone Walter ist sein größter Konkurrent, und das nicht nur musikalisch. Nur die Affäre mit der selbstbewussten Gesangsstudentin Marie (Liv Lisa Fries) gibt ihm die Kraft, für ein hoch begehrtes Stipendium in New York zu kämpfen. Doch mit wachsenden Erwartungen von allen Seiten beginnt David, die Kontrolle über sein Leben zu verlieren. Die Grenzen zwischen Realität und Wahn verschwimmen.

Golden Twenties. Regie: Sophie Kluge. Mit Henriette Confurius, Max Krause. Deutschland 2019. 93 Minuten. Ohne Altersbeschränkung.

Frau Stern. Regie: Anatol Schuster. Mit Ahuva Sommerfeld, Kara Schröder. Deutschland 2019. 79 Minuten. FSK ab 12.

Prélude. Regie: Sabrina Sarabi. Mit Louis Hofmann, Liv Lisa Fries. Deutschland 2019. 95 Minuten. FSK ab 12.

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