Geschichte: Der Hitler-Stalin Pakt von 1939

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Historische Aufnahme von 5 Männern
Am 24. August 1939 unterzeichneten der Außenminister des Deutschen Reiches, Joachim von Ribbentrop (links) und der sowjetische Außenminister Wjatscheslaw Molotow (vorn) in Moskau den deutsch-russischen Nichtangriffspakt. Hinten neben Ribbentrop Josef Stalin, Wladimir N. Pawlow und Friedrich Gaus. (Foto: dpa)
Reinhold Mann

„Der Pakt“ im Buchtitel der Historikerin Claudia Weber ist der Hitler-Stalin-Pakt, das deutsch-sowjetische Nichtangriffsabkommen vom 23. August 1939. Ihr Buch erhebt, pünktlich zum Jahrestag, den Anspruch auf eine Neubewertung. Es geht nicht mehr darum, dass Hitler „sich den Rücken freihalten“ und Stalin den Krieg hinauszögern wollte. Für Claudia Weber war der Pakt „eine mörderische Allianz“.

Und ein Schock für viele Zeitgenossen. Zwei ideologisch verfeindete Diktaturen, die sich im April noch im Spanischen Bürgerkrieg bekämpften, tun sich im August zusammen. Hitler und Stalin teilen Polen unter sich auf. Die genaue Grenzlinie und die weitere Verteilung Osteuropas legt ein geheimes Zusatzabkommen fest.

Claudia Weber lehrt Zeitgeschichte an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder). Für ihr Buch, schreibt sie, habe sie Forschungen aus Polen ausgewertet, als die „Archivrevolution“ bislang verschlossene Quellen zugänglich machte. Erstaunlicherweise lebt ihr Buch aber nicht von der Farbigkeit solcher Quellen. Es ist eine flüssige, aber eher handbuchartige Darstellung, und die Abstützung der „Neubewertung“ durch neue historische Quellen bleibt vielmehr das Handicap des Buches. Eine Neubewertung ergibt sich allenfalls gegenüber dem Stand der DDR-Geschichtswissenschaft, mit dem die Autorin vertraut ist.

14 Millionen Tote

Claudia Weber wählt eine andere Bezugsgröße: den Historiker Timothy Snyder. Sein 500-Seiten-Buch „Bloodlands“, 2011 erschienen, ist ein Kompendium über die Ermordung von 14 Millionen Menschen im „Europa zwischen Stalin und Hitler“. Vor allem in jenen neu geschaffenen Ländern Osteuropas, die in den Friedensverträgen nach dem Ersten Weltkrieg als Pufferzone zwischen Deutschem Reich und Sowjetunion konzipiert waren. Zu den Opfern zählt Snyder die ausgehungerten Bewohner der Ukraine (durch Stalin) und Leningrads (durch Hitler), die erschossenen Eliten der eroberten Länder, Tote von Lagern und Deportationen. Aber auch die zuvor schon beseitigten Kommunisten der stalinistischen Säuberungen und die europäischen Juden des noch folgenden Holocausts.

„Bloodlands“ erzählt mit großer Sprachgewalt von all diesen Massenmorden, die beide totalitäre Systeme zu verantworten haben. Claudia Weber macht in dieser international vergleichenden Betrachtung den nächsten Schritt. Sie fragt: Stehen diese Mordaktionen in Zusammenhang miteinander? Und zeigt, wie sich die beiden ideologisch verfeindeten Systeme für ihre Beutezüge 1939 ungewöhnlich schnell abstimmten.

Gemeinsamkeit der Diktatoren

Für Stalin bedeutete der Nichtangriffspakt in der außenpolitischen Konstellation des Jahres 1939 eine Machtsteigerung, die seine Isolation gegenüber den Westmächten beendete. Territorien, die diese nicht offerieren konnten, verschaffte ihm die Kooperation mit Hitler. Der konnte nun tun, was Stalin als „legitimen Revisionismus des Versailler Vertrages“ verteidigte. Und auch für sich in Anspruch nahm.

Weber beschreibt die Gemeinsamkeit nicht nur auf der Ebene der Diktatoren. Sie verfolgt die Umsetzung des Pakts, die neuen Grenzziehungen, die Umsiedlungen, benennt die Akteure, ihre Geschäftigkeit, Verhandlungen, Festessen. Der Verlag hat dafür ein sinnfälliges Titelbild gestaltet. Es zeigt, herausgeschnitten aus einem Foto von der Begegnung deutscher und sowjetischer Truppen beim Polenfeldzug 1939, den Händedruck der Kommandanten an der neuen Grenzlinie: den Beginn der alltäglichen Zusammenarbeit.

Webers Musterbeispiel dafür sind die „deutsch-sowjetischen Kommissionen“. Sie zeichnen im ausradierten Polen penibel neue Grenzen in die Landkarten, sprechen sich ab, wie mit dem polnischen Widerstand zu verfahren und wie die Völkerverschiebung zu organisieren ist. Die Deutschen sortieren nach Rassen, die Sowjets nach Klassen. Die Juden will keiner. Die Deutschen schaffen sie über die grüne Grenze („entschwindet in die herbstliche Landschaft!“), die Sowjets treiben sie zurück. „Über die Bugbrücke bei Sokol sollte ein Judentransport in die UdSSR abgeschoben werden. Die Sowjetunion ließ die Juden nicht passieren. Der Sowjetoffizier sagte: Die Deutschen nach Deutschland, die Russen nach Russland und die Juden in den Bug! Und ließ die Juden mit Maschinengewehren niederschießen.“

Dass diese „Abgrenzung der beiderseitigen Interessensphären in Osteuropa“ (mit diesem Begriff) in einem geheimen Zusatzprotokoll zum Hitler-Stalin-Pakt festgehalten ist, haben Stalin und sein Außenkommissar Molotow stets geleugnet. Noch 1973: Molotow nannte es in seinen Gesprächen mit dem Schriftsteller Felix Chuez „ein bewusst gestreutes Gerücht, unzweifelhaft eine Fälschung“. Seit 2004 ist das Zusatzabkommen veröffentlicht. Weber benennt diese Kollaboration und demontiert den Mythos vom kommunistischen Antifaschismus.

Wie virulent der Mythos war und ist, erläutert sie in der Einleitung. Michail Gorbatschow hatte im Zuge von Glasnost die Aufarbeitung des Stalinismus angekündigt und sah sich gezwungen, die Massenerschießungen polnischer Offiziere in Katyn durch den sowjetischen Geheimdienst zuzugeben. Er zögerte so lange, bis Außenminister Schewardnadse, Walentin Falin und KGB-Chef Krjutschkow ihn drängten, Katyn zuzugeben, um nicht „eine Diskussion des Hitler-Stalin-Pakts“ in Gang zu setzen.

Die Annäherung des Deutschen Reichs an die Sowjetunion hatte schon 1922 mit dem Rapallo-Vertrag begonnen. Das unter Reparationen stöhnende Reich gewährte Russland Kredite für den Kauf von deutschen Industriegütern. Ein Flugzeugwerk wurde errichtet (bei Moskau), eine Giftgasfabrik (an der Wolga). Russland lieferte Bodenschätze, Öl und Nahrungsmittel und bot die Möglichkeit zur geheimen militärischen Kooperation: Übungsgelände für Panzer und Flugzeuge. Unmittelbar vor dem Hitler-Stalin-Pakt wurde wieder ein Handelsabkommen unterzeichnet: Die Sowjetunion exportierte Futtergetreide, Erdöl, Baumwolle, Chrom-Erz und Platin, Deutschland Industriegüter und Kriegsgerät.

Molotow gratuliert

Zusammen mit dem Handelsabkommen machte der Pakt den Krieg für Hitler erst möglich, schreibt Weber. Er bot ihm die ökonomische Absicherung. Und Stalin konnte dann seinerseits das Baltikum und Südosteuropa der Sowjetunion einverleiben. Weber sieht in Stalins Strategie, mit Bedacht den zweiten Schritt zu tun, eine Kalkulation auf die kollektive Erinnerung. Auch als Hitler in Polen einfiel, hatte die Rote Armee abgewartet. Molotow gratulierte Berlin zur Einnahme von Warschau. Erst dann rückte die Rote Armee vor – in den, wie der Außenkommissar formulierte, „polnisch-deutschen Krieg“. Weber schreibt dazu: „Für die historische Erinnerung bedeuten jene zwei Wochen, die Stalin Hitler den Vortritt ließ, dass der Beginn des Zweiten Weltkriegs im Kontext des nationalsozialistischen Aggressionspotenzials erinnert worden ist. Durch den späten Einmarsch gelang es der Propaganda, die Sowjetunion als Gegenmacht zu den imperialistischen Kräften zu präsentieren.“

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