Gerade gelesen: „Der Outsider“ von Stephen King

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Stephen King hat einen neuen Roman geschrieben: „Der Outsider“.
Stephen King hat einen neuen Roman geschrieben: „Der Outsider“. (Foto: Fotos: dpa/Randomhouse)
Stefan Rother

Stephen King: Der Outsider. Aus dem Amerikanischen von Bernhard Kleinschmidt. 752 Seiten. Heyne Verlag. 26 Euro.

Ein Vielschreiber war Stephen King schon immer – sowohl was den Umfang (gerne im hohen dreistelligen Seitenzahlen-Bereich) als auch die Zahl seiner Bücher (fast 60 Romane) angeht. In letzter Zeit scheint der 70-jährige Autor aber noch einmal einen Zahn zugelegt zu haben. Vor knapp einem Jahr erst wurde der zusammen mit seinem Sohn Owen veröffentlichte Wälzer „Sleeping Beauties“ als feministischer Beitrag zum Grusel-Genre gewürdigt, jetzt erscheint bereits die nächste epische Geschichte. Dazwischen veröffentlicht der Amerikaner regelmäßig 100-200 Seiten starke „Novellas“ quasi als Fingerübung.

Die Qualität scheint unter der hochtourigen Produktion nicht zu leiden – nach einigen durchwachsenen Jahren ist diese bei King wieder konstant und auch „Der Outsider“ liest sich insbesondere in der ersten Hälfte ausgesprochen gut. Vielleicht liegt es daran, dass hier das Unheimliche noch als allenfalls absurdes Gedankenspiel im Hintergrund lauert und dieser Teil des Romans eher wie eine Detektivgeschichte aufgebaut ist. Gerade der Auftakt wird von Vernehmungsprotokollen geprägt, mit denen ein unfassbares Verbrechen rekonstruiert werden soll: Im Stadtpark von Flint City wird am helllichten Tage ein elfjähriger Junge brutal ermordet. Zahlreiche Zeugenaussagen lassen kaum einen Zweifel daran, dass als Täter nur einer der angesehensten Bürger der Kleinstadt in Frage kommt: Terry Maitland, Englischlehrer und Coach der Jugendbaseballmannschaft.

Dies erschüttert Detective Ralph Anderson umso mehr, als auch sein Sohn von dem Coach trainiert wurde. Daher beschließt er, die Verhaftung in maximaler Öffentlichkeit vornehmen zu lassen: Bei einem Spiel der Baseballmannschaft, vor den Augen von Maitlands Frau und seinen beiden kleinen Töchtern. Das sendet erwartungsgemäß Schockwellen durch den kleinen Ort und in einem zunehmend vergifteten Klima versucht Maitland, mit Hilfe seiner wenigen Unterstützer seine Unschuld zu beweisen. Denn er hat ein scheinbar wasserdichtes Alibi …

Seinen Reiz bezieht dieser Teil des Romans daraus, dass King hier auf weniger die ihm sonst eigene Schwarz-Weiß-Malerei setzt. Sicherlich, Maitland erscheint wie ein makelloser Musterbürger, aber man würde erwarten, dass Detective Anderson im Team mit einem ehrgeizigen jungen Staatsanwalt skrupellos alle Indizien für seine Unschuld vernichtet. Tatsächlich kommen aber auch diesen beiden Zweifel bei der Suche nach Antworten auf die Frage, wie ein Mann zur selben Zeit an zwei Orten sein kann.

So geraten festgefügte Glaubensgrundsätze ins Wanken, und man kann diesen Einbruch des Unfassbaren durchaus als elementare Verunsicherung in Zeiten der Trump-Ära verstehen. Statt wie meist im liberalen kleinen Bundesstaat Maine ist das Geschehen dieses Mal in Oklahoma angesiedelt, Trump-Country durch und durch. So versammelt sich auch schnell ein Mob an Wutbürgern vor dem Gericht, darüber hinaus verzichtet King aber auf zu offenkundige Parallelen und nutzt das aktuelle politische Klima in Amerika eher als atmosphärischen Beitrag zu seiner Erzählung. Da finden sich vergilbte „Hilary“-Autoaufkleber ebenso wie Trump-Baseballkappen und gleich im ersten Absatz des Buches wird auf die „black lives matter“-Bewegung Bezug genommen.

In der zweiten Hälfte nimmt der Roman dann aber eine ziemlich scharfe Wende, neue Charaktere treten in den Vordergrund, darunter eine Figur aus Kings Bill-Hodges-Trilogie, ebenfalls eine Detektiv-Serie. Ab hier wird eher solider King-Horror-Standard geboten, der immerhin die reizvolle Frage des ersten Teils aufgreift: Wenn sich schon in der „realen“ Welt so viel unglaubliche Grausamkeit findet , fällt es dann nicht sogar leichter, auch Schrecken übernatürlichen Ursprungs zu glauben?

Stephen King: Der Outsider. Aus dem Amerikanischen von Bernhard Kleinschmidt. 752 Seiten. Heyne Verlag. 26 Euro.

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