Frauenpower beim Landesjazzfestival in Ravensburg

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Mit dabei beim Jazzfestival: US-Amerikanerin Rickie Lee Jones.
Mit dabei beim Jazzfestival: US-Amerikanerin Rickie Lee Jones. (Foto: PR)
Bernd Guido Weber

„Jazztime Ravensburg proudly presents“... – ja, da können die Aktiven um Gerhard Reuter stolz sein. Zum zweiten Mal, nach 2003, hat der rührige Verein das Landesjazzfestival nach Ravensburg geholt. Damals ein Achtungserfolg, mit guten Jazzern, aber durchaus übersichtlich. Jetzt mit vielen internationalen Acts, wobei Kurator Thomas Fuchs weniger Wert auf Namen, sondern mehr auf das Besondere gelegt hat. Starke Frauen. Die vibrierende Londoner Szene. Die Jazzlegende Rolf Kühn. Dazu ein breites Rahmenprogramm. Kunst. Film. Tanz. Musiktheater für Kinder. Bigband-Sound auf der Straße.

Dabei sind beim Landesjazzfestival die Grenzen zwischen Jazz, Pop, Folk, Rock fließend, natürlich. Schubladen sind für Buchhalter. Becca Stevens aus Northcarolina /USA ist ausgebildete Jazzsängerin, ebenso im Folk zu Hause, mit Gitarre, Ukulele, Charango und Stimme. Rebekka Bakken, Oslo, fasziniert viele Fans, die Bakkens ganz eigene Interpretationen bekannter und weniger bekannten Songs lieben. Die in Frankreich lebende Koreanerin You Sun Nah ist preisgekrönt, hat bei internationalen Events die Großen der Welt erfreut. In kleinem Rahmen natürlich intensiver, intimer. Die Französin Kimberly Rose Kitson Mills – Kimberose – gilt (noch) als Shooting Star, jazziger Soulpop in der Tradition von Nina Simone und dem Einfluss von Amy Winehouse. Die US-Amerikanerin Rickie Lee Jones muss nicht vorgestellt werden, sie ist ein Solitär. Sprengt alle Genres. Besonders freuen darf sich das Publikum auf Eivør Palsdottir, die bodenständige, sphärenhafte Elfe von den Faröer Inseln. Sie beschließt am 24. November das Landesjazzfestival in der Liebfrauenkirche Ravensburg. Frauenpower auch instrumental: Lisa Wulff spielt bei Yellow & Blue den Bass.

Zur Eröffnung am 6. November feiert die Jazzkantine aus Braunschweig in Ravensburg ihr 25-jähriges Bestehen. Zufall, das sie ebenso lange besteht wie der lebendige Verein Jazztime Ravensburg. Gute Laune ist garantiert, Hiphop, Jazz, Dancefloor. Was auf die Ohren gibt es wohl beim Auftritt von Billy Cobham. Der 1944 in Panama geborene Drummer hat die Entwicklung des Jazzrock geprägt, Miles Davis, Mahavishnu-Orchester, bei den ganz Großen. Mit eigenen Projekten. Niemals leise.

Längst nicht alle Briten kommen so merkwürdig daher wie Brexit-Boris. Beim Doppelkonzert „London Calling“ kann man die quirlige Jazzszene Londons kennenlernen: offen, alles andere als engstirnig. Experimentell geht es bei Me & Mobi zu, der gebürtige Ravensburger Philipp Schlotter kreiert mit Piano, Synthesizern und elektronischem Equipment den urbanen Sound der Jetztzeit, mit dabei der Schweizer Drummer Fred Bürki. Ebenfalls einen Bezug zu Ravensburg hat das in New York beheimatete Sirius-Quartett. Geiger und Composer Gregor Hübner ist im Schussental aufgewachsen, bei ganz verschiedenen Projekten dabei, von Berta Epple über Tango bis El Violin Latino. Ein Klangkosmopolit mit hochvirtuosem Spiel und zutiefst menschenfreundlicher Botschaft.

Die besten Nachwuchsjazzer Deutschlands sind im Bundesjazzorchester vereint, Leader Jiggs Wigham bringt aktuell das Schaffen der Kenny Clarke/Francy Boland Big Band näher, gegründet 1961, damals, eine führende Stimme im Jazz für große Ensemble. Die zehnköpfige Münchner Band Moop Mama steht für urbanen Brass – und für Ruhestörung mit politischen Aktionen. Mal schauen, was da im altehrwürdigen Konzerthaus Ravensburg abgehen wird. Brav sind die bayerischen Buben sicherlich nicht.

Wer kürzlich den Dokumentarfilm „Brüder Kühn – Zwei Musiker spielen sich frei“ gesehen hat, ist dem etwas eigenem Pianisten Joachim Kühn und seinem 15 Jahre älteren Bruder, dem Klarinettisten Rolf, schon ziemlich nahegekommen. Persönlich erleben kann man Rolf Kühn mit seiner Band Yellow & Blue in der Linse Weingarten. Im Konzert, und im Gespräch mit dem Ravensburger Schauspieler, Autor und Jazzkenner Wolfram Frommlet. Ein deutsches Leben, Ost und West, im Jazz. Ein jetzt 90-jähriger Musiker, der den deutschen Jazz geprägt hat wie kaum ein anderer. Der immer noch dabei ist, positiv. Hingehen, zuhören!

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