Frappierend aktuell: die Philosophin Hannah Arendt

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 Das Foto von Hannah Arendt ist 1961 oder 1962 an der Wesleyan University entstanden.
Das Foto von Hannah Arendt ist 1961 oder 1962 an der Wesleyan University entstanden. (Foto: Wesleyan University/DHM)
Rüdiger Suchsland

Zurzeit ist sie in Mode, jedes Jahr erscheinen neue Bücher über Hannah Arendt (1906 - 1975). Gerade auch junge Leute – seien es die engagierten Schüler der Fridays-for-Future-Bewegung oder feministisch bewegte Studenten – berufen sich auf sie.

Wer war diese Hannah Arendt? Was macht sie so interessant?

Heute ist sogar ein ICE nach ihr benannt und ihr Fernsehgespräch von 1964 mit Günter Gaus ein Renner auf YouTube. Diese Woche eröffnete das Deutsche Historische Museum in Berlin eine große Einzelausstellung, die dem Werk der Philosophin gewidmet ist, die 1906 in Hannover als Kind jüdischer Eltern geboren wurde und 1975 in New York als Amerikanerin starb. Dazwischen lag ein abenteuerliches, wechselhaftes Leben mit Verfolgung, Vertreibung und Ausgrenzung. Ihr denkerisches Werk ist von intellektueller Brillanz ebenso geprägt wie von eigenen Erlebnissen. Es atmet Zeitzeugenschaft. Hannah Arendt hat den Zivilisationsbrüchen des Jahrhunderts mutig ins Auge gesehen.

Sie hat provoziert, und sie wollte provozieren. Sie nahm Verletzungen in Kauf als Preis für ihr kompromissloses Denken. Sie wählte ein Leben als öffentliche Intellektuelle, die sich wie ihre Vorbilder Karl Jaspers und Jean-Paul Sartre einmischen wollte. „Denken ohne Geländer“, wie ihre berühmte Selbstbeschreibung lautet.

Mit zwei komplett unterschiedlichen Texten wurde die gerade 40-jährige Emigrantin um 1950 in der Bundesrepublik bekannt. „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ erschien zuerst in Amerika, dann in einer selbstgefertigten, an einigen Stellen markant abweichenden Übersetzung, auf Deutsch. Vielen gilt dies bis heute als Arendts wichtigstes Werk. Eine historische zugleich philosophische Studie, die das Trauma des Nationalsozialismus dadurch geistig verarbeitet, dass sie den Bogen über Antisemitismus, Rassismus und Imperialismus bis hin zur „totalen Herrschaft“ schlägt, zu Propaganda, Unterwerfung und Ichverlust als deren Bedingungen. Das einzige Gegenmittel: „Nicht mitmachen, selber urteilen. Dazu gehört, dass man nicht Wir sagt, sondern dass man Ich sagt.“ Arendt entwickelt hier bis heute gültige Kategorien der Politikwissenschaft, allen voran eine Totalitarismustheorie, die Sowjetunion und Nationalsozialismus gleichzusetzen schien. Das machte sie bei vielen Linken verdächtig.

Kurz davor war ein kurzer knapper Essay mit dem Titel „Besuch in Deutschland“ erschienen, die Frucht einer Reise in das Land, aus dem sie 1933 vertrieben wurde. Bis dahin hatte sie in Marburg, Freiburg und Heidelberg studiert, mit dem damaligen Starphilosophen Martin Heidegger eine heftige Liebesaffäre begonnen, bei Karl Jaspers promoviert, den Kommilitonen Günter Anders geheiratet, mit dem sie ins Pariser Exil floh. Dort machte sie mit ersten Texten zur Existenzphilosophie, zum Antisemitismus und zur Flüchtlingsfrage Furore. 1941 gelang ihr mit ihrem zweiten Ehemann Heinrich Blücher über Lissabon die Flucht in die USA.

Die erste Reise nach Deutschland bedeutete das Wiedersehen mit Jaspers, mit dem sie zeitlebens eng befreundet blieb, und mit Heidegger, der ihr Vorbild als Denker war, den sie aber für seine anhaltenden Faschismus-Sympathien und seine fehlende Selbstkritik verachtete. Dies ist der Hintergrund des Buches „Besuch in Deutschland“, in dem sie hart und stellenweise mit sarkastischem Witz mit ihren einstigen Landsleuten ins Gericht geht: „Die Geschäftigkeit der Deutschen ist ihre Hauptwaffe bei der Abwehr der Wirklichkeit geworden,“ schreibt Arendt fassungslos über das, was sie als Verdrängung und Realitätsverleugnung beobachtet: „Der wohl hervorstechendste und auch erschreckendste Aspekt der deutschen Realitätsflucht liegt in der Haltung, mit Tatsachen so umzugehen als handele es sich um bloße Meinungen. (...) Dies ist ein ernstes Problem, vor allem, weil der Durchschnittsdeutsche ganz ernsthaft glaubt, (...) dieser nihilistische Relativismus gegenüber Tatsachen sei das Wesen der Demokratie.“ Der Text wurde viel gelobt, unter anderem von Thomas Mann. Aber er begründete auch eine Distanz gegenüber Hannah Arendt in Deutschland.

Ihre berühmte Reportage über den Eichmann-Prozess machte es nicht besser. Als Arendts „Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen“ erschien, löste er eine heftige Kontroverse aus – einen Streit, der nicht allein Arendts weiteres Leben und ihr Werk als Philosophin deutlich beeinflusste, sondern auch den Blick auf den Nationalsozialismus. Arendt wurde berühmt. Aber ihre brillanten Überlegungen fügten sich zu wenig in die von Schwarzweiß-Denken dominierten politischen Diskurse des Kalten Krieges, ähnlich wie ihre pathetische Feier der Revolution oder ihre Unterscheidung von Macht und Gewalt.

Jetzt, 30 Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs entfaltet das Werk von Hannah Arendt, das man früher gern für altmodisch oder konservativ hielt, eine frappierende Aktualität.

Die Berliner Ausstellung schlägt facettenreich und nachvollziehbar Schneisen durch Arendts Leben und Denken. Manchmal etwas kleinteilig wird vor allem betont, wie sie in ihrem unzeitgemäßen Interesse an Grautönen ihrer Zeit voraus war. Nur bei den Moden der Gegenwart werden die Macher blind: Denn so gesucht es wirkt, wenn Arendt im Kapitel „Der Stil Hannah Arendts“ mit ausgestellter Kette, Pelzmantel und Minox-Kamera zum Glamourgirl mutieren soll, so albern ist es, eine Philosophin, die das Private vom Politischen strikt trennte, die Frauenbewegung der 70er-Jahre kritisierte und alle „Identitätspolitik“ sehr zu Recht bekämpfte, rückwirkend zur Feministin zu erklären.

Vielmehr saß Hannah Arendt gern zwischen allen Stühlen: der Linken zu antikommunistisch, der Rechten zu unhöflich, vielen Juden zu israelkritisch, den Wiederaufbaudeutschen nicht nachsichtig genug, den Frauen zu männlich, den Männern als denkende Frau suspekt.

Arendts Kategorien funktionieren als ein Immunsystem. Ihr konsequentes Festhalten am Gedanken der Freiheit ist ein Widerhaken gegen alle Vereinnahmungen durch die herrschenden Verhältnisse: Öffentlichkeit und Kommunikation sieht sie als Gegengift zur Bürokratie; die Macht der Republik als Gegengewicht zum Nationalstaat.

Sie artikulierte ihre Skepsis gegenüber ethnischer Homogenisierung, ja selbst gegenüber der Idee der absoluten, „reinen Demokratie“. Denn in den Gemütern der Volksgemeinschaft herrschten das Willensprinzip und die Wut. Dort sei kein Platz mehr für Reflexion und „politische Urteilskraft“.

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