Frankfurt - Hochburg des sozialen Wohnbaus

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Reinhold Mann

Die Debatte um die Wohnungsnot verschafft der Ausstellung eine unerwartete Aktualität. Das Deutsche Architekturmuseum (DAM) zeigt, wie die Zwanzigerjahre dem Notstand begegneten: effektiv und eindrucksvoll. In vielen Metropolen entstanden neue Siedlungen, nirgends so systematisch wie in Frankfurt.

Wer die Ausstellung anschaut, merkt freilich, dass die Ursachen der Wohnungsnot heute und damals andere sind. Dabei rückt auch die Selbstverschuldung in den Blick. Die Zwanzigerjahre haben jenen Wohnraum in öffentlichem Besitz geschaffen, den die Kommunen in Ballungsräumen in den letzten Jahrzehnten abstießen. So haben einige Städte, allen voran natürlich Berlin auch unter einem rot-rotem Senat, mit ihrer Infrastruktur zugleich die Gestaltungsmöglichkeit auf dem Wohnungsmarkt preisgegeben.

Gemeinnutz vor Eigennutz

Anders Frankfurt: Hier sind die Wohnungsgesellschaften noch in städtischer Hand. Es wurde auch weiterhin gebaut. Frank Gehry, der als Billigbauer startete und seit dem Guggenheim-Museum in Bilbao als Design-Ikone gilt, hat 1996 für Frankfurt Sozialwohnungen entworfen (Goldstein-Süd). Heute denkt das Stadtplanungsamt darüber nach, wie eine Antwort auf die aktuelle Wohnungsnachfrage aussehen kann. Ein Wettbewerb ist abgeschlossen, er ist Thema der nächsten Ausstellung im DAM.

Die jetzt angelaufene mit dem Titel „Neuer Mensch, neue Wohnung“ dokumentiert das „Neue Frankfurt“, den Städtebau von 1925 bis 1933, mit Fotos, Plänen, Modellen, Medien, mit Mustern der Ausstattung und mit Lebensläufen der Beteiligten. Sie hat nicht den aktuellen Wohnungsmarkt im Visier, sondern - nicht weniger brisant - das aktuelle Jubiläum: 100 Jahre Bauhaus. Die Ausstellung ist eine grundlegende Kritik an der gängigen Übung, die Architektur-Moderne in Deutschland mit Weimar und Dessau kurzzuschließen. Das Bauhaus ist ein Beispiel für die breite, internationale Bewegung der „Neuen Sachlichkeit“, aber eben nicht das einzige. Die plumpe Engführung geht auf die berühmte Ausstellung zum „Internationalen Stil“ von Henry-Russell Hitchcock und Philip Johnson zurück, die das Museum of Modern Art (MoMA) 1932 in New York zeigte. Sie hat Generationen von Architekten geprägt und die beiden in die USA emigrierten Bauhaus-Künstler Walter Gropius und Mies van der Rohe „zu den großen Führern“ ernannt, die der Architektur weltweit den Weg in die Zukunft weisen.

Wolfgang Voigt, der nun zusammen mit Dorothea Deschermeier die Ausstellung im DAM kuratiert, führt im Katalog diese Wirkungsgeschichte vor. Angesichts dieses fundamentalen Einspruchs ist die Ausstellung aber ohne Eifer und Polemik, sondern sachlich und souverän gestaltet. Schließlich hat Voigt schon zwei Ausstellungen zur intensiven Frankfurter Bauphase von 1925 bis 1933 gezeigt.

Die Weitsicht des Bürgermeisters

Und zu ihren Repräsentanten: zu Ernst May (1886-1970), der den Siedlungsbau verantwortete und zu Martin Elsässer, der für die Großprojekte zuständig war. Elsässer (1884-1957), Sohn eines Tübinger Theologen, hatte sich mit Kirchenbauten in Süddeutschland einen Namen gemacht. Das „Architekturmuseum Schwaben“ in Augsburg widmete diesem Thema 2014 eine Ausstellung. Elsässer war 2010 beim Neubau der Europäischen Zentralbank am Mainufer wieder ins öffentliche Interesse gerückt. Denn seine monumentale Großmarkthalle von 1928 wurde - nach Diskussionen um die Denkmalpflege – in den EZB-Neubau integriert, saniert, aber eben auch für den Eingang durchbrochen.

Noch ein weiteres Narrativ, das ebenfalls 1932 vom MoMA befeuert wurde, zerlegt diese Ausstellung: nämlich Architekturgeschichte als Abfolge von Baumeister-Genies zu erzählen. Wenn das Neue Frankfurt ein Genie hat, dann ist es Bürgermeister Ludwig Landmann (1867-1945), der schon, bevor er 1924 sein Amt antrat, als Wirtschaftsdezernent mit Messe, Flughafen und Autobahnen die Zukunft der Stadt konzipiert hatte. In seiner Amtszeit nutzte er das Fördermittel der Weimarer Republik, die Hauszinssteuer, für die Stadtentwicklung. Und machte Ernst May, der erste Berufserfahrungen in England mit der Planung von Gartenstädten gemacht und Siedlungen in Breslau gebaut hatte, zum Leiter des Hochbauamtes, der Planungszentrale des Neuen Frankfurt.

Architektur – eine soziale Kunst

Das Gartenstadt-Konzept ist bei den Frankfurter Siedlungen spürbar: die landschaftliche Einbindung, die öffentlichen Plätze, die großen Gärten. Und das Flachdach, das der lebensreformerischen Forderung nach Luft und Licht nachkommt und zum Sonnenbaden genutzt werden kann. Sensationell die Schulen: Sie sind kleinteilig, haben bewegliches Mobiliar für unterschiedliche Sitzordnungen und für den Unterricht draußen im Klassengarten.

So demonstriert die Ausstellung eindrucksvoll, dass Architektur eine soziale Kunst ist. Es war die Entwicklung der Gesellschaft in der Weimarer Republik, die eine Neugestaltung und Demokratisierung der Lebensverhältnisse möglich gemacht hat. Und die auch dem Wandel ein Ende setzte, dem Neuen Frankfurt wie dem Bauhaus, und das zur gleichen Zeit. Erst trieb die Geld- und Preisentwicklung die Baukosten in die Höhe, was technisch noch mit Vereinfachung zu kompensieren war, dann aber drängten die Nationalsozialisten 1932 Bürgermeister Landmann aus dem Amt.

Von den Nazis verfolgt

May, der das kommen sah, ging 1930 mit einigen Mitarbeitern in die Sowjetunion. Die „Brigade May“ sollte Moskau erweitern und Industriezentren in Sibirien entwerfen. Es ging um 1,4 Millionen Wohnungen, aber es dauerte hier nur drei Jahre, bis May aufgab. Die Flucht in die USA, wie sie die Bauhaus-Köpfe wählten, war für ihn unmöglich, die Arbeit für Stalin stempelte ihn, wenngleich unzutreffend, als Kommunisten ab. May ging nach Afrika, wurde Kaffee-Farmer, baute in Nairobi, bis er in den Nachkriegsjahren im Gewerkschaftskonzern „Neue Heimat“ eine neue Heimat fand. Die politischen Köpfe des Neuen Frankfurt endeten tragisch: Landmann und Stadtkämmerer Bruno Asch flüchteten in die Niederlande. Asch hat sich erschossen, als die deutschen Truppen einmarschierten. Landmann verhungerte in seinem Versteck.

Das Design des Existenzminimums

Die Gebäude sollten modern sein, die Möbel der Bewohner auch. Deswegen gaben die Vertreter des „Neuen Bauens“ auch einen Katalog heraus für das passende Mobiliar.

Ernst May spät gewürdigt

„Während wir an neuen Theorien auf dem Papier arbeiteten, verstand es May, die Macht der öffentlichen Stellung mit großem Mut für die Verwirklichung der Ideen zu nutzen.“ Bauhaus-Gründer Walter Gropius hat recht spät, 1963, die Verdienste Ernst Mays gewürdigt. Gropius selber hatte damals wenig gebaut. Für die Stuttgarter Weißenhof-Siedlung baute er zwei Häuser, für Karlsruhe dann 1929, nach seiner Bauhauszeit, die Siedlung Dammerstock mit 228 Wohneinheiten. Das Frankfurter Hochbauamt hat in acht Jahren 12 000 Wohnungen errichtet, für Menschen mit niedrigem Einkommen.

Früher Plattenbau

Technisch beruhte das Konzept auf industrieller Vorfertigung (Plattenbau), gestalterisch auf der Abkehr der Blockrandbebauung, von der Mietskaserne mit ihren hintereinander gestaffelten Innenhöfen. Es definierte das Existenzminimum neu: Licht, Luft, Hygiene, Warmwasser, Zentralheizung, Elektrizität gehörten dazu.

Die Frankfurter Küche

Die populärste Erfindung ist die Frankfurter Küche, deren Designerin, Margarete Schütte-Lihotzky, May aus Wien abgeworben hatte. Jede neue Wohnung war mit dieser ergonomischen Einbauküche ausgestattet. Wohnen und Kochen wurden aus hygienischen Gründen getrennt. Die Küche ist aber mit einem breiten Durchgang so platziert, dass das Wohnzimmer zur Kinderbetreuung im Blick bleibt. Für die Einrichtung der Räume konnten sich die Bewohner am Frankfurter Register orientieren, es lieferte Vorschläge für Tapete, Lampe, Telefon und Mobiliar. Die württembergischen Hersteller Knoll und Benz, heute im oberen Preissegment tätig, produzierten damals für die Ausgestaltung des Existenzminimums.

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