Filmkritik: „Vice – Der zweite Mann“

Lesedauer: 6 Min

Machtmensch, Kriegstreiber, Familienvater: Mit der plakativen Satire „Vice – Der zweite Mann“ (über-)zeichnet US-Regisseur Adam McKay („The Big Short“) die Biografie von Dick Cheney nach, dem Vizepräsidenten von George W. Bush. Christian Bale („American Hustle“) glänzt in der Hauptrolle. Bei der Berlinale läuft der für acht Oscars nominierte Film außer Konkurrenz.

Vom Säufer und Studienabbrecher zum zweitmächtigsten Mann der Welt: Eigentlich ist es erstaunlich, dass es Richard Bruce Cheney, besser bekannt als Dick Cheney, bis nach ganz oben geschafft hat. Adam McKay, der sein Spielfilmdebüt 2004 mit der zotigen Komödie „Anchorman – Die Legende von Ron Burgundy“ gab, zeigt in seiner siebten Regiearbeit den Werdegang des Mannes, der maßgeblich mit auf den völkerrechtswidrigen Irakkrieg von 2003 hingewirkt hat. Bereits zu Beginn des Films wird klar, dass es nicht einfach darum geht, eine Lebensgeschichte zu erzählen. McKay hat augenscheinlich Spaß daran, erst einmal Cheneys Charakterschwächen und seine Misserfolge in frühen Jahren vorzuführen – ironischerweise heißt „Vice“ nicht nur „Vize“, sondern eben auch „Laster“ oder „Mangel“.

Fiktion trifft auf Dokumentation

Doch Cheney kriegt die Kurve, auch dank des Drucks seiner Frau Lynne (Amy Adams). Durch ein Praktikum in Washington lernt er den Abgeordneten Donald Rumsfeld (Steve Carell) kennen, der erst Cheneys Mentor und später Verteidigungsminister unter George W. Bush wird. Von da an führt Cheneys Weg zwar nicht ohne Rückschläge und Schlenker, aber immer zielstrebig und geduldig ins Weiße Haus. Zunächst als Mitarbeiter der Präsidenten Richard Nixon und Gerald Ford, später als Verteidigungsminister unter George Bush senior und schließlich als Vizepräsident unter George W. Bush. Wobei es „unter“ nicht ganz trifft, denn Cheney sichert sich weitgehende Befugnisse, die ihn das politische Geschehen wesentlich mitgestalten lassen, besonders nach den Terroranschlägen des 11. September. So wirkt es dann auch fast, als ob die Invasion im Irak unter dem Vorwand, das Regime von Saddam Hussein besitze Massenvernichtungswaffen, allein Cheney zu verantworten hat.

Längst haben sich etliche amerikanische Internetseiten die Mühe gemacht, die Fakten und die künstlerischen Freiheiten, die sich McKay genommen hat, abzugleichen. Das ist eine Angriffsfläche des Films, denn durch die Vermischung von Fiktion und dokumentarischen Bildern nimmt der Zuschauer wohl mehr für bare Münze als wahr ist. Auch die bewusst eingesetzten Verfremdungseffekte – Off-Monologe einer originellen Erzählerrolle, metaphorische Bilder wie das eines Löwen, der eine Gazelle tötet – wirken eher wie aus einer Michael-Moore-Doku und unterbrechen den Erzählfluss manchmal abrupt.

Doch mit Kritik kann McKay gut leben, wie er in der Pressekonferenz nach der Vorführung des Films auf der Berlinale durchblicken ließ. Es habe sogar Stimmen von links gegeben, die den Film zu zahm fanden. Das kann man ihm nun wahrlich nicht vorwerfen, auch wenn Cheney immer wieder als treusorgender Familienvater und regelmäßiger Herzpatient zu sehen ist. McKay, der seit seiner Wirtschaftskrisen-Satire „The Big Short“ von 2015 eine Affinität zu politischen Stoffen hat, schlägt mit filmischen Kniffen auch den Bogen zur Trump-Ära. So als wolle er sagen: Trump ist zwar jeden Tag unfassbar, aber deshalb darf man seine Vorgänger nicht verklären, besonders nicht George W. Bush.

Dreh- und Angelpunkt des Films ist die beeindruckende körperliche Transformation des Hauptdarstellers: Christian Bale nahm etliche Kilos zu, um sich in den Vizepräsidenten zu verwandeln. Zwar mussten dafür auch Silikonprothesen eingesetzt werden. Aber wenn Cheney seinen Untergebenen knappe Machtworte zuraunt, kann der Zuschauer diese täuschend echte Metamorphose nur bewundern. Für Bale ist es indes nicht das erste Mal, dass er seinen Körper extrem strapaziert: Für seine Rolle in „The Machinist“ hungerte er sich 30 Kilogramm herunter, für Christopher Nolans Batman-Trilogie trainierte er sich superheldenhafte Muskelmasse an.

Hervorragend besetzt ist auch die Rolle des Donald Rumsfeld. Komiker Steve Carell, den man aus der US-Fassung der Bürosatire „The Office“ kennt, hat zwar keine große Ähnlichkeit mit Rumsfeld. Aber die Art und Weise, wie er hier seinen typischen Wahnwitz, den man etwa in „Dinner für Spinner“ erlebt, mit kaltem Machtkalkül paart, ist schon sehr sehenswert.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen