Filmkritik: „Trautmann“

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Faszinierend ist die Geschichte des „Jahrhunderttorwarts“ Bert Trautmann (David Kross): Er war deutscher Kriegsgefangener und wu
Faszinierend ist die Geschichte des „Jahrhunderttorwarts“ Bert Trautmann (David Kross): Er war deutscher Kriegsgefangener und wurde nach dem Krieg gegen alle Widerstände zum gefeierten Fußballstar bei Manchester City. (Foto: SquareOne Entertainment)
Rüdiger Suchsland

Nicht Oliver Kahn, auch nicht Toni Schumacher, noch nicht mal Sepp Maier war der deutsche Jahrhunderttorwart, sondern Bert Trautmann.

Trautmann, 1923 in Bremen geboren, kam als junger Mann zur deutschen Wehrmacht und bald darauf als Kriegsgefangener nach Großbritannien. Dort begann er bald Fußball zu spielen, und bereits 1949 verpflichtete ihn der Proficlub Manchester City – gegen den Protest Tausender empörter Briten. 1956 wurde Trautmann zu Englands Fußballer des Jahres gewählt, nachdem er in einem legendären Cup-Finale trotz Genickbruchs bis zum Ende weitergespielt und in Wembley vor 100 000 begeisterten Zuschauern für Manchester City den Pokal geholt hatte. Schließlich trug er in mehr als 500 Spielen das Vereinstrikot und wurde 2004 sogar von der Queen ausgezeichnet.

Bert Trautmann wurde so in der unmittelbaren Nachkriegszeit auch zum Botschafter eines anderen Deutschland, zum Symbol einer zögerlichen Versöhnung zwischen den einstigen Feinden und der Möglichkeiten des Sports, Konflikte zu versöhnen.

Überzeugender David Kross

Der bayerische Regisseur Marcus H. Rosenmüller erzählt die Einzelheiten dieser hochinteressanten Geschichte über die deutsche Torhüter-legende jetzt in seinem neuen Film: David Kross spielt Bert Trautmann nicht nur wunderbar, sondern auch glaubhaft in den Fußballszenen. „Trautmann“ erzählt zugleich auch die Liebesgeschichte zwischen dem Deutschen und einer jungen Engländerin namens Margaret (Freya Mavor). Zusammen überwinden die beiden Vorurteile und öffentliche Anfeindungen. Margret wird die entscheidende Vermittlungsinstanz zwischen ihrem Geliebten und einem jüdischen Rabbi, der die Manchester-City-Fans, viele von ihnen jüdisch, in einem offenen Brief für Trautmann einnimmt.

Diese in groben Zügen historisch belegte Geschichte ist interessant, sie wird im Film aber unnötig weichgespült, und leider um ihre Brüche bereinigt. Warum? Was hätte man zu fürchten? So fallen wichtige Details unter den Tisch. Etwa eine erste Verlobte, mit der Trautmann sogar eine gemeinsame Tochter hatte. Erlaubt die Reinheit des Heldenbildes keine zweite Liebe? Auch davon, dass Trautmann sich gern gestritten hat und sich bei Pressekonferenzen mit den Journalisten anlegte, so wie in Deutschland mit Nationaltrainer Sepp Herberger, bleiben nur zarte Andeutungen. Vor allem aber konzentriert sich Rosenmüllers Heldenepos viel zu sehr auf die private Seite und vorhersehbare Beziehungskonflikte. Für Bert Trautmann interessiert man sich ja nicht wegen der Dinge, die er mit allen anderen teilte, sondern wegen seiner außergewöhnlichen Fähigkeiten als Fußballer. Dabei sind die wenigen Szenen im Fußballstadion mitreißend inszeniert.

Auch Machart und Stil des Films bleiben in den Konventionen des deutschen Historiendramas gefangen: Figuren als Bedeutungsträger, keine doppelbödigen Charaktere, unauthentische, gestelzt wirkende Dialoge und sterile Kulissen, denen man ansieht, dass sie kurz vor Drehbeginn mit dem Wasserschlauch nochmal sauber gespritzt wurden.

Dieser Film gibt Realismus vor, aber er glaubt nicht an die Wirklichkeit: So muss der Hauptfigur ein Kriegstrauma angedichtet werden, das für den Film frei erfunden wurde. Und dazu naive Fragen: „Hätte er mehr tun können, um Kriegsverbrechen zu verhindern?“ „Ist Trautmann als Deutscher mitverantwortlich für all die NS-Verbrechen?“ Und die werden dann auch entsprechend naiv beantwortet: nein, natürlich nicht und irgendwie doch.

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