Filmkritik: „Tolkien“

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 Hat der Schriftsteller J.R.R. Tolkien (Nicholas Hoult hier mit Lily Collins), seine Kriegsrlebnisse an der Front durch seine Fa
Hat der Schriftsteller J.R.R. Tolkien (Nicholas Hoult hier mit Lily Collins), seine Kriegsrlebnisse an der Front durch seine Fantasy-Geschichten verarbeitet? Die Filmbiografie „Tolkien“ legt dies nahe. (Foto: 20 Century Fox)
Rüdiger Suchsland

„Ein Ring sie zu knechten, sie alle zu finden, ins Dunkel zu treiben und ewig zu binden.“ Man muss kein Fan sein, kein Leser der Fantasy-Romanvorlagen des englischen Alt-Philologie-Professors und Schriftstellers John Ronald Reuel Tolkien (1892-1973), und man muss noch nicht mal eine der vielen Tolkien-Verfilmungen des neuseeländischen Regisseurs Peter Jackson gesehen haben, um diese Sätze zu kennen und sofort an „Der Herr der Ringe“ zu denken.

Diese Verfilmungen sind ins kollektive Gedächtnis unserer Gegenwart eingegangen und längst globale Klassiker. Offenbar trafen sie ins Herz der Zeit und einer weltweiten Gemeinschaft, die auf das (vorläufige) Ende der Utopien und der Hoffnungen nach dem Freiheitsjahr 1989 und auf die Erschütterung im Terror des 11. September 2001 mit der Flucht in Gegenwelten reagierten. So eine neue Mythologie ist das Universum von „Der Herr der Ringe“. Wenn Dome Karukoskis Film „Tolkien“ nur eines beweist, dann dass Fantasy niemals reine Unterhaltung ist. Fantasy ist von der Welt, aus der sie stammt, nicht zu trennen. Je mehr sie auf die Massen zielt und sie ergreift, um so unmittelbarer ist sie das Kind der Zeit und der Epoche, auf deren Reflexe und untergründige Bedürfnisse sie reagiert.

Was das Heute mit 1918 verbindet

Darum gehört es zu den interessantesten Fragen, die dieser Film in seinen Zuschauern zurücklässt, was es denn wohl ist, was unsere saturierte Wohlstandswelt mit den Jahren des Zusammenbruchs verbindet, in denen das Alte Europa des 19. Jahrhunderts in den „Stahlgewittern“ (Ernst Jünger) der Westfront und den fallenden Imperien des Ostens zerbarst?

In jedem Fall ist Tolkien ein gutes Geschäft für die Film- und Verlagsbranche. Jetzt ist „Frodo-Franchise“ wieder im Kino unterwegs. Nachdem Tolkiens Romane in den vergangenen 20 Jahren alle verfilmt worden sind, kommen jetzt offenbar die Sachbücher dran. „Tolkien und der Erste Weltkrieg“ heißt das gründlich recherchierte Werk des Historikers John Garth. Dieses Buch liefert die Fakten-Grundlage für diesen Film. Der freilich zieht alle Register, die das Kino von der Literatur unterscheiden: Manipulation und visuelle Überwältigung, surreale Bewusstseinsstrombilder machen das Kino zur (Alp-)Traumfabrik.

Alles setzt im England Ende des 19. Jahrhunderts ein. Es war die Hochzeit des viktorianischen Königreichs, das noch nicht weiß, dass es 20 Jahre später mit allem vorbei sein wir, dass Kolonien und Klassengesellschaft ebenso zerfallen werden, wie die heuchlerische Moral des Puritanismus, auf die man so stolz ist.

Auch John Ronald Reuel Tolkien (Nicholas Hoult) soll zu einem funktionierenden Elite-Rädchen in der Maschinerie des Empire werden. Er besucht das noble College Exeter in Oxford, knüpft Freundschaften mit Geoffrey (Anthony Boyle), Robert (Patrick Gibson), Christopher (Tom Glynn-Carney) und Sam (Craig Roberts). Kunst und Poesie beschäftigen die braven Jungs, und J.R.R. empfindet eine erste Liebe zu Edith Bratt (Lily Collins).

Das Kriegstrauma des Autors

Der Film handelt vor allem davon, wie Tolkien nun zu dem wurde, als den wir ihn kennen: der Professor in Cambridge, spezialisiert auf frühmittelalterliche Literatur und Autor höchst erfolgreicher Fantasy-Romane.

Nachdem eine ganze Weile ziemlich brav und bieder Kindheit, Jugend und frühes Erwachsenenleben porträtiert werden, wird mehr illustriert als gezeigt, welche persönliche psychologische Funktion die Fantasy für Tolkien hatte. Sie bildete ein perfektes Mittel für Eskapismus: Denn der junge Mann beginnt ausgerechnet während des Ersten Weltkriegs damit, erste Entwürfe der Zauberwelt von Mittelerde zu skizzieren. Das Schlüsselerlebnis eines Gasangriffs im Ersten Weltkrieg traumatisierte Tolkien. Dieses Trauma hat er, so suggeriert es jedenfalls der Film, in seinen Romanen verarbeitet. Indem er sich in die Philologie der mittelalterlichen englischen Literatur zurückzog und in seinen Romanen eine Gegenwelt entwarf, mit Karten, und einer eigenen Geschichte, floh Tolkien aus der richtigen Welt.

Aus Gasnebel wird Drachenatem

Darum erfährt man in dem Film auch eine Menge über Fantasy. Er zeigt nicht nur, dass Fantasy etwas mit der realen Welt zu tun hat. Er zeigt auch, wie sehr Fantasy eine Flucht- und Bewältigungsstrategie ist.

Die filmische Umsetzung der Kriegserfahrungen gehört zu den schwächeren Seiten des Films: Simple Querverbindungen zwischen Erlebtem und Erdichtetem sollen effektvoll suggerieren, wie sich der Gasnebel über der Westfront in Drachenatem verwandelt, wie sich zwischen den zerfetzten Körpern der Gefallenen die dunklen Umrisse der Monster formen. Als wäre Tolkiens Dichtung eine Art Reflex auf den Krieg, und Romanheld Frodo ein Alter Ego seines Autors. Dies ist daher auch eine Verniedlichung und Simplifizierung von Kunst.

Für die „Herr-der-Ringe“-Fans ist „Tolkien“ daher nur begrenzt zu empfehlen. Hier wird vor allem die „Herr-der-Ringe“-Marke in Form von seichtem, uninspiriertem Wohlfühlkino ausgequetscht.

„Tolkien“ ist alles, was sein Held selber nicht mochte. Der Schriftsteller lehnte biografische Herangehensweisen komplett ab. „Ich habe etwas gegen diese moderne Tendenz in der Kritik“, schrieb er einmal, „mit ihrem übertriebenen Interesse an den Einzelheiten aus dem Leben von Schriftstellern und Künstlern. Sie lenken nur die Aufmerksamkeit vom Werk eines Autors ab.“

Der Erste Weltkrieg als Schlüsselerlebnis – dies zu zeigen scheint aber gerade ein Trend im Kino zu sein. Ausgerechnet „Herr-der-Ringe“-Regisseur Peter Jackson hat jetzt einen Film über den Ersten Weltkrieg gedreht. Nächste Woche kommt er in die deutschen Kinos. Und vergangene Woche lief mit dem bezaubernden ungarischen Film „Sunset“ eine weitere Geschichte aus dem Vorkrieg an. Der Erste Weltkrieg bleibt eben ein Schlüsselereignis der europäischen Geschichte. Damals ging das Alte Europa unter.

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