Filmkritik: „Greta“

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 Frances (rechts, Chloë Grace Moretz) hat Greta (Isabelle Huppert) ihre Handtasche zurückgebracht. Den Finderlohn freilich hat s
Frances (rechts, Chloë Grace Moretz) hat Greta (Isabelle Huppert) ihre Handtasche zurückgebracht. Den Finderlohn freilich hat sich die Studentin ein bisschen anders vorgestellt. (Foto: Jonathan Hession)
Rüdiger Suchsland

Eine Frau im Trenchcoat steigt aus einer New Yorker U-Bahn aus, zunächst sieht man sie nur von hinten. Die ersten paar Minuten erzählt sich der Film allein über Bilder und Bewegungen, dazu jazzige Musik, Nostalgie. Die altmodische Eleganz des Films schafft sofort Vertrauen. Im Rückblick erscheint bereits dies als ein Verweis darauf, dass es in diesem Film immer wieder darum geht, dass dem Sichtbaren keinen Moment zu trauen ist.

Die Hauptrolle spielt anfangs eine teure Damenhandtasche. Die Studentin Frances (Chloë Grace Moretz) findet sie im Zugabteil. Sie folgt nicht dem Instinkt und dem Rat ihrer Freundin, das schöne Stück einfach zu behalten. Frances bringt die Tasche der Besitzerin zurück. Die ältere Dame heißt Greta (Isabelle Huppert), stammt aus Ungarn und arbeitet in Brooklyn als Klavierlehrerin – obwohl sie das, ihren wertvollen Möbeln wie auch der Handtasche nach zu urteilen, gar nicht nötig hat. Dafür ist dies eine hübsche frühe Reverenz an eine der größten Rollen der Huppert, eines von vielen kleinen Zeichen, die en passant für die Dechiffrierer im Publikum ausgestreut werden.

Nichts ist, wie es scheint

Man ist erst höflich, bald nett zueinander, freundet sich über die nächsten Wochen an. Greta erzählt von ihrer Liebe zur Musik, ihrem toten Gatten, der Tochter, die sie lange nicht gesehen hat. Eines Abends während eines edlen Kerzendiners in Gretas Wohnung entdeckt Frances zufällig einen ganzen Schrank voller weiterer Handtaschen. Offensichtlich platziert Greta absichtlich Handtaschen in der U-Bahn, um die Finder zu ködern. Aber warum? „Gruselig“ denken wir, denkt auch Frances und verlässt hastig die Wohnung; sie will Greta nie mehr wiedersehen. Dass dies nicht so einfach sein wird, weiß sie noch nicht.

In diesem ersten Akt hat der Film einen zarten Ton, in die sich allmählich Elemente des Mystery-Horrors einschleichen. Und man erinnert sich, was für ein großer Stilist der Ire Neil Jordan doch ist. Sein größter Erfolg war „The Crying Game“ (1992), und wie dort geht es in Jordans Filmen immer wieder darum, dass zwei Menschen sich begegnen, aber ihre Geheimnisse behalten wollen.

Bald fällt einem aber auch ein, dass Jordan auch eine düstere Seite hat: Er war auch der Regisseur von „Interview with a Vampire“ (1994), und sein legendärster Film ist bis heute wohl der ganz frühe „In the Company of Wolves“" (1984). Je länger „Greta“ dauert, um so mehr tritt diese zweite Seite Jordans, treten Horror und Psychothrill ins Zentrum.

Ein Film von großer Eleganz

Ständig wechselt Jordan virtuos Tempi und Atmosphären, und für ein paar Augenblicke kann man sogar glauben, Frances sei die Verrückte, bilde sich das alles nur ein, und Greta fühle eben einfach ersatzmütterliche Fürsorge für ein überspanntes Girl. Doch dann genügt ein Blick in Isabelle Hupperts Gesicht: Der Wahn lauert da in den Mundwinkeln, der Triumph des Irrsinns im Auge – für die Huppert ist das eine perfekte Rolle. Sie wechselt im Sekundentakt zwischen reptilhafter Bedrohung und kaltem Hohn, dann wieder tüdeliger Heiterkeit einer harmlosen Witwe. Chloë Grace Moretz wirkt mit ihren großen Knopfaugen demgegenüber wie das Kaninchen vor der Schlange.

Während man im Mittelteil fürchten muss, Greta entpuppe sich als veritables Monster, bleibt dann doch alles allzumenschlich: Wenn der Zweikampf der ebenbürtigen Frauen ins Finale geht, lässt die Spannung zwar ein wenig nach, dafür tritt die Ehrlichkeit der B-Movie-Elemente offener zutage.

Viele von Jordans Inszenierungseinfällen sind bis zum Schluss von großer Eleganz.

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