Filmkritik: Die Frau, die vorausgeht

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Sieht aus wie ein Western, ist aber keiner: Die Malerin Catherine Weldon (Jessica Chastain) trifft auf Sioux-Stammeshäuptling Si
Sieht aus wie ein Western, ist aber keiner: Die Malerin Catherine Weldon (Jessica Chastain) trifft auf Sioux-Stammeshäuptling Sitting Bull (Michael Greyeyes) und ist fasziniert von seiner Weisheit. (Foto: Richard Foreman)
Rüdiger Suchsland

Die Frau, die vorausgeht. Regie: Susanna White. Mit: Jessica Chastain, Michael Greyeyes, Sam Rockwell, Ciarán Hinds. Länge: 102 Minuten. FSK: ab 12 Jahren.

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Es gibt eine frühe Szene in diesem Film, die illustriert recht treffend das Ungeheuerliche dieser Geschichte. Da sitzt Catherine, die Heldin von „Die Frau, die vorausgeht“, im Zug nach Westen. Ihre Reise dauert viele Tage lang. Und irgendwann, die Prärie wird immer einförmiger, die Sonne immer brennender, ist Catherine die einzige Frau unter lauter Männern. Schon durch ihre städtische Kleidung sieht man ihr an, dass sie nicht hierher gehört. Und irgendwann spricht sie im Speisewagen einer der Männer an – wer sie denn sei, so weit abseits von der Zivilisation, wo sich nicht viele Frauen allein hintrauten? Fast etwas kess und dabei ausweichend antwortet Catherine, da entgehe aber vielen die schöne Landschaft. „Sie sind also keine Soldatenfrau“, antwortet der fremde Mann: „Soldatenfrauen sehen nicht die Schönheit der Prärie, sondern nur ihre Gefahren.“

Und tatsächlich hat der gute Beobachter ins Schwarze getroffen: Catherine Weldon ist Malerin.

Welten treffen aufeinander

Hier treffen Welten aufeinander: die Welt der Frauen und die der Männer; die Welt der Neugier auf das Fremde und die Welt der Wagenburgen aus sicheren Überzeugungen; die Welt der Kunst und die des Krieges – alles durchaus zeitgemäße Themen.

Doch „Die Frau, die vorausgeht“ spielt in der Zeit der blutigen Indianerkriege an der „Frontier“ im Westen der USA, in der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts. In dieser Zeit sahen die USA in den Indianern den absoluten Feind, der unerbittlich ermordet werden musste: „Nur ein toter Indianer ist ein guter Indianer“, hieß es in diesem ersten „Krieg gegen den Terror“. Doch dies ist kein Western, auch wenn er von der Begegnung zwischen Weißen und Indianern handelt und immer wieder Motive des Western zitiert.

Wirklichkeit war dramatischer

Die erstaunliche Geschichte geht auf einen historischen Kern zurück: Caroline Weldon, 1844 geboren und Malerin, reiste 1889 in ein Indianerreservat, um dort den bereits berühmten Sitting Bull, den überlebenden Häuptling der Sioux, zu malen – als Mensch, nicht als Monster. Diese historische Episode bildet den Rahmen eines Films, der sich allerdings historisch viele Freiheiten nimmt. Regisseurin Susanna White hat für diesen Film viel verändert und die Hauptfigur eher uninteressanter gemacht. In Wirklichkeit hieß sie Caroline Weldon, nicht Catherine, in Wirklichkeit war sie geschieden, nicht verwitwet, in Wirklichkeit hatte sie einen unehelichen Sohn, in Wirklichkeit wusste sie genau, was sie tat, und musste nicht erst wie im Film mühsam erfahren, wie schlecht es den Indianern ging, wie sie durch einen betrügerischen Betrag um die letzten Reste ihres Landes beraubt werden sollen.

Stilistisch ist „Die Frau, die vorausgeht“ sehr professionell, von einer präzisen Kamera geprägt und stark gespielt von Jessica Chastain in der Hauptrolle, Michael Greyeyes als Sitting Bull, Ciarán Hinds und Sam Rockwell als Offiziere. Dramaturgisch wirkt alles aber allzu plakativ. Generell wird hier auch viel zu viel geredet. Es fehlt das Vertrauen in die Macht der Bilder. Das ist ausgerechnet bei einem Film über eine Malerin schon sehr sonderbar.

Gegen die Hollywood-Klischees

Drei Geschichten werden hier verbunden. Die Erzählung vom letzten großen Aufbäumen der Indianer gegen die Weißen. Die Story der unwahrscheinlich anmutenden Allianz zwischen einer New Yorker Kunstmalerin und einem Indianerhäuptling. Beides gelingt. Nur das Indianerbild ist vor lauter Willen, den alten Klischees Hollywoods etwas entgegenzusetzen, zumindest verkitscht, wenn Sitting Bull immer nur gütig und selbstlos ist, und zum Publikum lauter weise (und resignative) Worte sprechen muss: „Die neue Zeit kann man nicht aufhalten, sie kommt so sicher, wie der Regen kommt.“

Die dritte Ebene, die Emanzipationsgeschichte einer Frau, aber lässt zu wünschen übrig. Zu beschränkt und weichgeklopft ist die Geschichte, zugleich unausgewogen zwischen der anfänglichen Naivität Catherines und ihrer späteren Entschlossenheit, mit der sie den Indianern, die dann dazu offenbar doch die Anleitung von Weißen nötig haben, beibringt, sich nicht mit kriegerischen Konfrontationen, sondern mit demokratischen Prozessen zur Wehr zu setzen.

Das passt zu unserem heutigen (Wunsch-)Denken. Es nutzt allerdings nichts. Denn dann kommt die Kavallerie und sorgt dafür, dass sich dieser zunächst sentimentale Film zum Schluss in eine historisch genaue traurige Geschichte verwandelt: Nur Monate nach Weldons Besuch wurden die letzten Sioux in Dakota von der US-Kavallerie massakriert und Sitting Bull ermordet.

Die Frau, die vorausgeht. Regie: Susanna White. Mit: Jessica Chastain, Michael Greyeyes, Sam Rockwell, Ciarán Hinds. Länge: 102 Minuten. FSK: ab 12 Jahren.

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