Filmkritik: „Der Hauptmann“

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Der einfache Gefreite Herold (Max Hubach) findet eine Offiziersuniform. Als Hauptmann Herold wird er zum Schlächter.
Der einfache Gefreite Herold (Max Hubach) findet eine Offiziersuniform. Als Hauptmann Herold wird er zum Schlächter. (Foto: Weltkino)
Schwäbische Zeitung
Rüdiger Suchsland

„Das gibt’s nur einmal, das kommt nie wieder“ – Lilian Harveys Lied, vom deutschen Juden Werner Heymann komponiert und daher verboten zur NS-Zeit, wird in diesem Film zum Horrorsong: Der Gefreite Willi Herold summt die Melodie, als er, der Deserteur, in den letzten Wochen des Zweiten Weltkriegs plötzlich einen leeren Wagen und darin die perfekt gebügelte Uniform eines Hauptmanns findet. Kleider machen Leute, und so wird, als er sie anzieht, aus dem verzweifelten, verlausten Landser im Nu ein Offizier. Anfangs zögert er noch beim Kommandieren, doch bald verwandelt er sich in einen schneidigen Schleifer, geborenen Befehlshaber und fanatischen Nazi. Bald sammelt er andere versprengte Soldaten um sich und formiert die von ihm frei erfundene „Kampftruppe Herold“ für „Sonderaufgaben“. Marodierend zieht diese Gruppe von nun an durch das sich auflösende Deutschland, nimmt sich, was sie will, und lässt in einem Lager im Emsland über hundert Gefangene ermorden.

„Die Lage ist immer das, was man daraus macht,“ formuliert der von Newcomer Max Hubacher beeindruckend gespielte Herold im Film sein Credo. Solch abgründiger Pragmatismus ist die eine Facette der letzten Kriegswochen, so wie der aus Stuttgart stammende Regisseur Robert Schwentke sie uns zeigt. Jeder kümmert sich hier zunächst nur um sich selbst und ums eigene Überleben. Bauern töten Plünderer mit der Mistgabel, ein Großteil der Soldaten ist mit dem Aufgreifen von Deserteuren beschäftigt und schwelgt in Erinnerungen an frühere Jahre: „Polen!“, „Narvik!“

Die zweite Facette ist das seltsame Festhalten am längst als falsch Erkannten: „Wenn man etwas anfängt, soll man es auch zu Ende bringen,“ ist immer wieder zu hören.

Der dritte, zentrale Punkt sind die Bereitschaft zum Gehorsam und die Sehnsucht nach einem, der befiehlt und „die Verantwortung übernimmt“. Dieses Verlangen nach Unterordnung steht im Zentrum des Films.

Dies ist eine Köpenickiade, allerdings eine ohne jede Niedlichkeit, sondern aus dem wahren Leben des April 1945 gegriffen. Sie enthüllt die böse Wahrheit hinter dem volkstümlichen Kitsch des „Hauptmann von Köpenick“: Eine abgründige Geschichte über Untertanengeist, deutschen Sadismus und den Zerfall aller Werte in den Jahren des Zivilisationsbruchs unter den Nazis.

Mut zum Hinsehen

Mit „Der Hauptmann“ wirft Schwentke einen Blick auf den Nationalsozialismus, wie man ihn trotz Hunderter Fernsehdokumentationen und mehrerer Dutzend deutscher Spielfilme noch nie gesehen hat: in Schwarz-Weiß. Mit dem Mut zur Geschmacklosigkeit. Aber wie auch könnte man die Geschmacklosigkeiten der Nazis noch irgendwie geschmackvoll zeigen, ohne die Opfer zu verraten? Es ist auch ein Film, der Mut zum Hinsehen fordert. Mit gefriergetrocknetem Humor und Neugier, dabei von Trauer und spürbarem Entsetzen angesichts des immer weiter galoppierenden Alptraums erfüllt, gelingt Schwentke ein Film, der den Nationalsozialismus als die blutige Travestie, als Hochstapelei und den Ausbruch unterdrückter Triebe zeigt, der er war. Dies ist endlich einmal ein Film aus Deutschland, der den deutschen Faschismus von seiner abstoßendsten Seite zeigt, ohne Nazis, die sich gepflegt artikulieren können, die irgendwie „gute Gründe“ für ihr Tun haben und ihn damit versteckt doch irgendwie rechtfertigen.

Dies ist ein Film der starken Bilder, nicht der vielen Worte. Und doch sind die Bilder ganz andere, als etwa in Quentin Tarantinos „Inglourious Basterds“. Lachen wird man hier bald nur noch aus Verlegenheit. Die auf einer wahren Geschichte aus dem Emsland beruhende Handlung führt Herolds Trupp (Milan Peschel und Frederick Lau spielen einfache Soldaten, Waldemar Kobus und Alexander Fehling sind als Offiziere zu sehen) dann zu dem Lager, wo er Gefangene (Samuel Finzi, Wolfram Koch) demütigt und ermordet, weiter in eine Kleinstadt, wo er ein weiteres Schreckensregime errichtet, und sich ein letzter Tanz auf dem Vulkan ereignet.

„Der Hauptmann“ ist ein überaus gelungener, starker Film, ein Film der dem Bösen und dem Exzess des Nationalsozialismus direkt ins Auge blickt. Dieser Film steht in einer Reihe mit den großen Spielfilm-Verarbeitungen des Faschismus, von Visconti, Pasolini, Liliana Cavani und Lina Wertmüller. Eine Studie über Terror und Exzess, über die Abgründe alles Menschlichen, aber auch – gelegentlich – über Menschlichkeit am Abgrund.

Wie schon in seinen früheren Kinowerken und Fernseharbeiten erzählt Robert Schwentke von einer Initiationsreise, diesmal einer tiefschwarzen: Ein junges unbeschriebenes Blatt trifft auf eine extrem kalte, zerfallende Welt. Auf der Reise entdeckt er sich selbst und wird zu einem anderen Menschen.

Das gibt’s nur einmal, das kommt nie wieder, dass Triebe sich derart entfesseln. So hofft man. Aber sind wir heute noch sicher? Mit den letzten Szenen von „Der Hauptmann“, einer Scharade, die im Gegenwartsdeutschland spielt, zeigt Schwentke, dass uns gar nicht so viel trennt von den rassistischen, gewaltbereiten, machtgeilen Figuren seines Films.

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