Filmkritik: Das Ende der Wahrheit

Lesedauer: 5 Min
 Die BND-Leute Martin Behrens (Ronald Zehrfeld, l.) und Patrick Lemke (Alexander Fehling, hinten r.) stellen ihre Vorgesetzten S
Die BND-Leute Martin Behrens (Ronald Zehrfeld, l.) und Patrick Lemke (Alexander Fehling, hinten r.) stellen ihre Vorgesetzten Stefan Grünhagen (August Zirner, vorne) und Dr. Joachim Rauhweiler (Axel Prahl, 2.v.l.) zur Rede. (Foto: Prokino/ Walker+Worm Film/ Bernd Schuller)
Rüdiger Suchsland

Ein verhängnisvoller Anschlag wird zum Augenblick der Katharsis. Ronald Zehrfeld spielt Martin Behrens, den Zentralasien-Experten des Bundesnachrichtendienstes (BND). Anfangs überzeugt vom Antiterrorkampf wachsen in ihm zunehmend Zweifel an der Arbeit des deutschen Geheimdienstes und an der Integrität seiner Vorgesetzten. So entfaltet sich ein Strudel aus Intrigen, Machtmissbrauch und Korruption.

Ziemlich brisante Thesen

„Das Ende der Wahrheit“ ist ein brisanter Politthriller. Denn er stellt die Frage nach den internationalen Verstrickungen der Geheimdienste. Regisseur Philipp Leinemann ist einer der interessantesten Genrefilmregisseure Deutschlands. Sein Polizeifilm „Wir waren Könige“ wurde 2014 hoch gelobt. Schon damals hat er viel Sinn für das Innenleben von komplexen Organisationen und Lust am Porträtieren jener stupiden Sitzungen und Arbeitsroutinen gezeigt, die einen Großteil der Geheimdienstarbeit ausmachen. Und am Darstellen einer staatlichen „PR-Arbeit“, die eigentlich nur der Informationsverschleierung dient.

Nicht zuletzt geht es aber um Banaleres, Persönlicheres: Karrieren, Hierarchien und um innere Rivalitäten. So bekommt unser zunehmend frustrierter, zweifelnder Held Behrens nämlich eines Tages einen neuen Chef vor die Nase gesetzt, in dem er, der große Fachmann, nur einen bürokratischen Schreibtischmenschen sieht: „Sie können mir nicht mal den Unterschied zwischen der Hamas und der PLO erklären.“ Das Leiden der Experten und ein Hauch von Antipolitik – aber dieser zunächst böse und staubtrocken erscheinende Patrick Lemke, für dessen Interpretation Alexander Fehling zu Recht mit den deutschen Filmpreis (für die beste Nebenrolle) prämiert wurde, ist nicht nur ein Karrierist, sondern auch eine Figur, die wie Behrens auf ihre Weise tatsächlich etwas erreichen will, und darum an den Verhältnissen im Amt kaputt geht.

Ausverkauf der Werte

Derartige Untiefen der Geheimdienste sind die eine Seite. In seiner politischen Botschaft zielt der Film mehr auf die Folgen der Privatisierung staatlicher Hoheitsaufgaben: Wenn etwa bei den Aufbauhilfen in Ländern wie Afghanistan nicht mehr die Bundeswehr oder die Entwicklungshilfe für Deutschland im Einsatz sind, sondern profitorientierte Privatunternehmen, dann verkauft man die Interessen und Werte Europas an die Unmoral der Industrie.

Bald ist klar: Das schwere Attentat, das Behrens’ Welt erschüttert, wurde inszeniert. So wagt der Regisseur die These, dass der eigentliche Feind vor allem im Innern lauert. „Das Ende der Wahrheit“ ist ungewöhnliches Genrekino aus Deutschland und da am besten, wo der Film einfach Explosionen, Schießereien und Attentate zeigt: kühl, klar und unsentimental. Aber gerade darin auch sehr plausibel. „Wir nutzen Menschen aus, wir nutzen deren Schwäche aus. Das ist unser Beruf,“ sagt die Vorgesetzte von Behrens (Claudia Michelsen) einmal. Alexander Fehling und Claudia Michelsen entsprechen in ihrem Spiel diesem kühlen Ansatz am Besten, und zeigen dabei überraschende Tiefen – während Ronald Zehrfeld in der Hauptrolle als Geheimdienstmitarbeiter mit zunehmenden Zweifeln immer wieder zum sentimentalen Brummbär wird.

Wenn es aber um das Porträt der Menschen geht, dann verwandelt sich immer wieder Kino- in Fernsehästhetik. Es menschelt zu sehr, Figuren sind eindeutig „gut“ oder „böse“, anstatt doppelsinnig zu schillern. Dieser Verzicht auf blauschwarze Noir-Atmosphären unterscheidet „Das Ende der Wahrheit“ dann doch von seinen Vorbildern aus Frankreich, Italien und Hollywood.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen