Filmkritik: Atlas

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 Walter (Rainer Bock, Mitte) und Alfred (Thorsten Merten, rechts) müssen die Drecksarbeit für ihren Chef machen.
Walter (Rainer Bock, Mitte) und Alfred (Thorsten Merten, rechts) müssen die Drecksarbeit für ihren Chef machen. (Foto: dpa)
André Wesche

In der griechischen Mythologie stützt der Titan Atlas das Himmelsgewölbe. Am Ende seiner Geschichte versteinert er zum Atlasgebirge. Auch der Held des Dramas von David Nawrath hat schwer zu tragen, und das gleich in mehrfacher Hinsicht. Aber um sich von der Last zu befreien, muss er seine innere Starre überwinden.

Schwere Last

Walter (Rainer Bock) mag schon 60 sein, aber der Möbelpacker schleppt noch immer die schwersten Stücke. Das Unternehmen, für das er arbeitet, ist auf Zwangsräumungen spezialisiert. Das führt häufig zu unschönen Szenen, die der stille Mann geflissentlich ignoriert. Aber dann wird die Sache persönlich. Walters Chef Grone (Uwe Preuss) macht zwielichtige Geschäfte mit einem Familienclan, für den er Häuser von ihren Mietern „befreit“, um die Gebäude zu Spekulations- und Geldwäscheobjekten zu machen. Einer wehrt sich mit Händen und Füßen dagegen, das Heim seiner Familie zu räumen. Walter ist sich sicher, dass es sich dabei um seinen Sohn Jan (Albrecht Schuch) handelt. Der junge Mann kennt ihn nicht, weil sich sein Vater in seiner frühesten Jugend aus dem Staub gemacht hat. Walter weiß, dass die Clanmitglieder vor keiner Missetat zurückschrecken werden, um ihr Ziel zu erreichen. Als der Terror beginnt, ist er zur Stelle, um Jan zur Seite zu stehen. Als sein Erzeuger gibt er sich aber nicht zu erkennen.

Clankriminalität und Gentrifizierung

Die Themen Clankriminalität und Gentrifizierung, an denen Regisseur David Nawrath seine Geschichte aufhängt, könnten aktueller nicht sein. Auch wenn der Film nicht allzu tief in diese Materien vordringt, erhält der Zuschauer zumindest einen Eindruck davon, wie die Auswirkungen dieser beunruhigenden Zeiterscheinungen auf den Normalbürger aussehen könnten.

Wichtiger ist dem Filmemacher aber die Geschichte einer dysfunktionalen Familie. Walter hat in der Vergangenheit Schuld auf sich geladen, nicht nur dem Sohn gegenüber. Er hat das Weite gesucht und die Einsamkeit gefunden. Nun erhält er die Gelegenheit, doch noch Verantwortung zu übernehmen und seinem Leben einen Sinn zu geben. Getragen wird diese Erzählung von einem brillanten Rainer Bock („Das weiße Band“), der sich endlich einmal in einer seiner raren Hauptrollen entfalten kann. Dieser fesselnde Film gehört ihm.

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