Filmkritik: A Quiet Place – Ein ruhiger Ort

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Psst, nicht sprechen: Emily Blunt (links) als Evelyn und Millicent Simmonds als Regan Abbott.
Psst, nicht sprechen: Emily Blunt (links) als Evelyn und Millicent Simmonds als Regan Abbott. (Foto: Jonny Cournoyer)
Schwäbische Zeitung
Rüdiger Suchsland

„A Quiet Place“ – „Ein ruhiger Ort“: Wer bei diesem Titel an friedliche Kino-Idyllen, an Heimatfilme und anderes denkt, das dazu da ist, uns von der lauten Wirklichkeit abzulenken, der sieht sich schnell getäuscht. Denn um Einkehr und Andacht, um Kino als Gottesdienst mit anderen Mitteln geht es hier nicht.

Die Ruhe dieses Films ist gespenstisch. Sie ist, über eineinhalb Stunden lang, die Ruhe vor dem Sturm. Denn dieser Film ist zwar still, fast stumm. Ton wird überaus sparsam eingesetzt, um ihn umso spürbarer, erkennbarer zu machen. Die Grundidee von „A Quiet Place“ ist folgende: Nach einer Invasion von außerirdischen, aggressiven Wesen begreift die Menschheit bald, dass diese tödlich und haushoch überlegen sind. Aber sie haben eine Schwäche. Sie sehen nichts.

Sie orientieren sich allein durch Töne. Das Überleben ist also ganz einfach und unendlich schwer: Man darf kein Geräusch machen. Auch nicht aus Versehen.

Wenn eine etwas ganz Banales passiert, wenn zum Beispiel einem ein Teller aus der Hand rutscht und auf dem Boden zersplittert, dann kann das tödlich sein. Was für eine faszinierende Prämisse!

„A Quiet Place“, der dritte Spielfilm von John Krasinski, stellt uns eine Familie vor. Vater, Mutter, drei Kinder zwischen drei und zehn. Ganz zu Beginn, nur wenige Wochen nach der Alien-Invasion, macht der Jüngste einen Fehler: Er schaltet ein batteriebetriebenes Spielzeug an, und das Spielzeuggeräusch ist tödlich. Nach dieser kleinen Tragödie inmitten der großen springt die Handlung ein paar Jahre weiter. Die Familie lebt auf einer im Prinzip idyllischen Farm im Westen Amerikas. Sie hat sich eingerichtet in der Lautlosigkeit. Die Menschen verständigen sich ausschließlich per Zeichensprache, sie schleichen auf Zehenspitzen durch die Welt.

Einfache Idee virtuos umgesetzt

Das ganze Leben gleicht auf den ersten Blick einem Traum für alle Städteflüchter und Propheten des langsamen vormodernen Lebens: Es gibt kein Radio und Fernsehen mehr, keinen Verkehr; alles ist im Vergleich zur Gegenwart unendlich langsam geworden, denn die oberste Prämisse ist ja, kein Geräusch zu machen.

Als Mutter Evelyn allerdings schwanger wird, steht die Familie vor einer riesigen Herausforderung. Ist ein Neugeborenes denkbar, das nie schreit? Eine Geburt ohne Schmerzensschreie oder zumindest erleichterndes Stöhnen?

Natürlich wird etwas passieren, die Zuschauer wissen das, und die Monster nähern sich dem Unterschlupf der Familie. Zu Anfang des Films sind sie derart schnell, dass man sie nur für Sekundenbruchteile, sieht. Später dann schnüffeln und tasten sie im Haus herum.

So wird „A Quiet Place“ ein veritabler, aber sehr eigenwilliger Horrorfilm. Die Bedrohung ist schier unerträglich, die Story überaus einfach, und die filmische Umsetzung überaus virtuos.

Die Spannung kommt vor allem durch die Tonspur. Das ist zunächst gewöhnungsbedürftig und schwer auszuhalten. Dann aber wird jedes Rauschen der Bäume, wird der Wind im Gras der Wiesen und das Knarzen von Holz zu einem dramatischen Höhepunkt.

Nun ist man auch als Betrachter ganz und gar in dieser Welt drin und versteht nebenbei ganz neu, wie zentral der Ton für einen Film ist. Und man sollte ihn weder mit Lärm, noch mit Musik verwechseln. Der Zuschauer begreift, wie sehr auch die Abwesenheit von Geräuschen deren Inszenierung ist.

Regisseur John Krasinski selbst spielt den Vater, Emily Blunt die Mutter. Unter den Kindern ist Tochter Regan beeindruckend: Dargestellt wird sie von der tauben Millicent Simmonds. Man kennt sie aus „Wonderstruck“, dem letzten Film von Todd Haynes. Die Musik stammt von Marco Beltrami, einem der besten Filmkomponisten unserer Zeit. Mit „Scream“ und dem „Omen“-Remake hat er auch schon Horrorkino gemacht.

Dies ist ein starker Horrorfilm mit tieferer Bedeutung. Erst am Ende gleitet er ab in den üblichen, etwas schlichten Familienopferkitsch mit typisch amerikanischer Kampfesmoral. In jedem Fall gilt aber: In diesem Film ist Ruhe kein Trost.

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