Filmkritik

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 Jeder lebt für sich allein: Jördis Triebel (links) und Lilith Stangenberg in „Idioten der Familie“.
Jeder lebt für sich allein: Jördis Triebel (links) und Lilith Stangenberg in „Idioten der Familie“. (Foto: NADJA KLIER)
Rüdiger Suchsland

Ein Wochenende auf dem Land, aber kein unbeschwerter Ausflug, sondern ein schmerzhafter Abschied. Ginnie (Lilith Stangenberg) ist die jüngste von fünf erwachsenen Geschwistern, und sie ist geistig behindert. Wie schwer genau, darüber sind auch die Geschwister uneins. Aber klar ist: Sie kann nicht allein leben und wurde seit dem Tod der Eltern von ihrer Schwester Heli (Jördis Triebel) betreut. Jetzt braucht Heli mehr Zeit für sich, darum soll Ginnie in ein Heim. Ihre drei Brüder (Kai Scheve, Hanno Koffler und Florian Stetter spielen sie) sind fürs Wochenende zu Besuch, um sie vor ihrem Abschied noch einmal zu sehen.

Dies ist eine Familiengeschichte, aber keine, wie sie im deutschen Kino allzu oft zu sehen ist. Immer wieder geht irgendetwas aus dem Leim, wird eine Grenze überschritten. Denn wenn sie beieinander sind, fallen alle Geschwister wieder in ihre Kindheitsrollen und die Familiendynamik von einst zurück. Sie kämpfen miteinander, erziehen den anderen oder ziehen sich selbst zurück. Dies ist keine Familie zum Wohlfühlen, und die liebevollen Seiten der Geschwister scheinen nur an den Rändern des Geschehens mal kurz auf.

Mittendrin ist Ginnie, die zunächst autistisch wirkt, als sei sie ganz allein in ihrer eigenen Welt. Doch wer genau hinschaut, kann sehen, dass sie alles mitbekommt und auf ihre Weise auch kommuniziert. Konkret bedeutet das: Ginnie bringt alles durcheinander aber dadurch auch zum Ausdruck, sie ist ein Störenfried, eine Anarchistin; sie geht allen auch auf die Nerven und kann wie eine Granate jederzeit in ungeahnte Richtungen explodieren, Kollateralschäden inbegriffen.

Für die 31-jährige Schauspielerin Lilith Stangenberg, die man als Theaterschauspielerin von der Volksbühne Berlin kennt, die in „Wild“ (2016) und „Die Lügen der Sieger“ (2014) aber schon einige bemerkenswerte Kinorollen übernommen hat, ist dies ein phänomenaler Auftritt. Sie ist keine nette Behinderte, kein Opfer, aber sie ist auch denkbar weit entfernt von allen Klischees und Manierismen des Irrsinns.

Regisseur Michael Klier hat mit „Ostkreuz“, „Heidi M.“ und „Farland“ schon hoch spannende, eigensinnige Filme gedreht, in denen Frauenfiguren im Zentrum standen. So auch in diesem Fall, der trotzdem etwas anders ist: „Idioten der Familie“ erinnert eher an eine Familienaufstellung. Für Außenstehende – hier also das Publikum – wird schnell klar, was den Beteiligten oft verborgen ist: Wenn der erfolgreiche Bruder dem erfolglosen hilft, ist offensichtlich, dass er in Wahrheit aber vor allem seine Macht und Eitelkeit ausspielt. Jeder im Kinosaal wird an seine eigene Familie erinnert werden. Der Prüfstein ist hier Ginnie, deren Name wohl kaum zufällig an einen „Jin“ erinnert, also an eine Fee, die alles durcheinanderbringt und in die jeder seine Wünsche und Ängste projiziert.

Kliers Ensemble-Kammerspiel spielt nicht nur geschickt auf dieser Klaviatur der Gefühle, er spielt auch mit der Idee der Familie als solcher. Die „Idioten“ im Titel sind schon durch den Plural klar nicht nur auf die behinderte Schwester gemünzt. Es sind alle, jeder für sich. Bekanntlich bedeutet der Begriff ursprünglich „Privatperson“ – und das passt hier, denn alle fünf Geschwister sind einmal große Egozentriker. Mitgemeint ist aber auch die Idiotie des Familienmodells, zu dem es in den westlichen Gesellschaften auch in der Spätmoderne keine echte Alternative zu geben scheint, und das im Kino gern ungebrochen propagiert wird: Vater, Mutter, Kinder sind auf Gedeih und Verderb aneinandergekettet und einander ausgeliefert.

Wer diesen Film sieht, könnte auf den Gedanken kommen, dass man „Familie“ am besten vergessen sollte.

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