Filmklassiker „Der dritte Mann“ kam 1949 erstmals ins Kino

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 Harry Lime (Orson Welles) verdient Geld mit gestrecktem Penicillin. Vor seiner Verfolgern flieht er in die Wiener Kanalisation.
Harry Lime (Orson Welles) verdient Geld mit gestrecktem Penicillin. Vor seiner Verfolgern flieht er in die Wiener Kanalisation. (Foto: imago Images)
Deutsche Presse-Agentur
Matthias Röder

Eine Verfolgungsjagd in der Kanalisation einer kriegszerstörten Stadt und eine bekannte Zither-Melodie – der Filmklassiker „Der dritte Mann“ ist unter Cineasten Kult. Vor 70 Jahren feierte der Film in London seine umjubelte Weltpremiere.

Ein Filmstar im Dreck und Gestank einer Kanalisation? Der damals 33-jährige Orson Welles, seit „Citizen Kane“ von Publikum und Kritik angehimmelt, zögerte, sich in die modrig-glitschige Unterwelt des kriegszerstörten Wien zu begeben. „Er hatte Panik, dass seine Bariton-Stimme wegen der Bakterien leiden könnte“, erzählt Gerhard Strassgschwandtner, Betreiber des privaten „Dritte Mann Museums“ in Wien. Schließlich verbrachte Welles als Gangster Harry Lime bei den Dreharbeiten zum späteren Filmklassiker „Der dritte Mann“ im Herbst 1948 zumindest ein paar Stunden dort unten. Für die legendären Verfolgungsszenen ließ sich der Hollywood-Star doubeln.

Am 2. September 1949 hatte der vom Spionage-Spezialisten Graham Greene geschriebene und vom Regisseur Carol Reed inszenierte Schwarz-Weiß-Streifen um Freundschaft, Moral, Gier und Korruption in London umjubelte Weltpremiere. Er gilt auch dank brillanter Kamera, dafür erhielt er einen Oscar, bis heute als einer der besten Filme. Und er ist ein Dokument, das Wien von einer vergessenen Seite zeigt.

Touristen, die heute die herausgeputzte Stadt in ihrer alten kaiserlichen Pracht erleben, werden sie im Film fast nicht wiedererkennen. Nach 53 Luftangriffen im Zweiten Weltkrieg türmten sich die Schuttberge, waren Zehntausende Wohnungen zerstört, die Bevölkerung hungerte und fror. „Es ist eine Zeit, an die sich die Wiener nur ungern erinnern“, hat Strassgschwandtner festgestellt. Und wie auch in Deutschland bestimmte der Schwarzmarkt das Leben und Überleben. Genauso eine Kulisse schwebte Produzent Alexander Korda vor, als er Greene beauftragte, in der ähnlich wie Berlin von den vier Alliierten besetzten Stadt für einen Thriller zu recherchieren.

Greene hatte eine wichtige Idee im Kopf. Das Scheinbegräbnis eines Mannes sollte eine zentrale Rolle spielen. Und so kam es: Nach einem Verkehrsunfall wird der Amerikaner Harry Lime auf dem Wiener Zentralfriedhof begraben. Sein Jugendfreund Holly Martins (Joseph Cotten) aus den USA wird unmittelbar nach seiner Ankunft in der Stadt Zeuge der scheinbar traurigen Szene. Er erfährt, dass die britischen Besatzungsbehörden Lime wegen ganz übler Schwarzmarktgeschäfte mit gepanschtem und noch extrem seltenen Penicillin verfolgt haben. Und er wird informiert, dass neben zwei namentlich bekannten Personen auch ein dritter Mann den verunglückten Freund von der Straße getragen hat.

Es wird immer klarer, dass Lime seinen Tod nur inszeniert hat. Beim Treffen der beiden Männer im Wiener Riesenrad will Lime seinen Freund zur Zusammenarbeit überreden: „Schau da runter. Wenn eines dieser Pünktchen sich nicht mehr bewegen würde, hättest du wirklich Mitleid? Wenn du 20 000 Pfund bekämst für jeden Punkt, der stoppt, würdest du mir wirklich sagen, ich solle mein Geld behalten?“, fragt Lime. Die in Wien lehrende Literatur-Professorin Eva Horn erinnert in einem Beitrag für das „Journal for Intelligence, Propaganda and Security Studies“ (JIPPS) an ein aus der Literatur bekanntes Gedankenexperiment: Darin wird eine in Paris lebende Person gefragt, ob sie bereit wäre, durch einen Willensakt ungestraft einen alten Mandarin in China zu töten, und dafür ein Vermögen zu bekommen. Orson Welles improvisierte jenseits des Drehbuchs noch einen Satz zur Rechtfertigung seiner Skrupellosigkeit. „In Italien herrschten in den 30 Jahren unter den Borgias Krieg, Terror, Mord und Blutvergießen – und es gab Michelangelo, Leonardo da Vinci und die Renaissance. In der Schweiz herrschten brüderliche Eintracht, 500 Jahre Demokratie und Frieden – und was kam raus? Die Kuckucksuhr.“

Zum Ruhm des Films hat ganz wesentlich Anton Karas beigetragen. Der völlig unbekannte Zitherspieler in einem Wiener Heurigenlokal wurde vom Filmteam entdeckt und um Probeaufnahmen gebeten. Als Regisseur Reed die exotischen Töne hörte, habe er entschieden, das solle die Filmmusik werden, so Strassgschwandtner. Das unverwechselbare „Harry-Lime-Thema“ und weitere Zither-Stücke wurden sieben Wochen lang von Karas in London eingespielt. Die Titelmelodie war 1950 wochenlang auf Platz 1 der US-Charts. Karas wurde zum Weltstar und reichen Mann, der sich davon ein eigenes Heurigenlokal einrichten konnte.

Finanziell hatte Welles, der in seinem Berufsleben immer wieder viel Ehrgeiz und Mühe in die Finanzierung seiner zahllosen Projekte stecken musste, sich mit dem „Dritten Mann“ verspekuliert. Er griff zur Traumgage von 100 000 Dollar statt zum Angebot, sich einen Teil an den Filmrechten zu sichern. „Er hätte nie mehr für seine Projekte um Geld betteln müssen“, ist sich Strassgschwandtner sicher.

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