Filmfestspiele Venedig: Halbzeit

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Rüdiger Suchsland

Halbzeit bei den Filmfestspielen von Venedig: Bisher gab es viele Familiengeschichten, viele Stars und viel Politisches. Doch den stärksten Eindruck hinterließ bis jetzt der Chilene Pablo Larrain mit „Ema“.

Rätselhafte, poetische Bilder, manchmal surreal, manchmal realistisch. Es dauert eine Weile, bis sich aus ihnen ein Zusammenhang und eine Geschichte herausschält. Aber dieser fragmentarische Eindruck hat Gründe. Er entspricht den Figuren und Situationen, von denen Pablo Larrain erzählt. Mit seinem siebten Spielfilm „Ema“ ist er nach seinem Hollywood-Ausflug mit „Jackie“ wieder nach Chile zurückgekehrt, in die Hafenstadt Valparaiso. Die Geschichte der Tänzerin Ema (die charismatische Mariana Di Girolamo) und ihres Freundes Gaston (Gael García Bernal) ist der der wohl beste Film im bisherigen Wettbewerb der Filmfestspiele von Venedig. Eine sehr positive Überraschung und endlich mal ein Film, der nicht nach 20 Minuten verstanden und vorhersehbar ist, nicht glatt, sondern gegenwärtig, rau und unklar. Larrain erzählt in Facetten, in unzusammenhängenden Szenen und immer wieder überraschenden Bildern. Ein Film, der aus der unübersichtlichen Gegenwart nicht Nihilismus schöpft, sondern Freiheit.

In „The Laundromat“ erzählt Stephen Soderbergh mit Witz und Starbesetzung (Antonio Banderas, Meryl Streep) die Geschichte der „Panama-Papers“ als Farce mit tieferer Bedeutung. Ähnliches leistet Altmeister Costa-Gavras, der in „Adults in the Room“ die Geschichte der EU-Troika und der griechischen Schuldenkrise rekonstruiert. Er erzählt aus Sicht der Griechen, gewürzt mit kritischen Spitzen gegen Angela Merkel und die deutsche Austeritätspolitik und mit Ulrich Tukur als Wolfgang Schäuble.

„WASP-Network“ von dem Franzosen Olivier Assayas ist keine Komödie mit klar verteilten Gut-Böse-Rollen, sondern ein hochkomplexes Vexierspiel aus Spionage und Gegenspionage. Unter Masken werden nur wieder neue Masken sichtbar. Assayas erzählt mit viel Geduld und Lust an der Verwirrung der Perspektiven eine wahre Geschichte: Es ist die Geschichte der kubanischen Agenten, die in den 1990er-Jahren die rechtsextremen exilkubanischen Netzwerke in Florida unterwanderten. Er zeigt, wie die Regierung Clinton Terrorakte auf Kuba unterstützte und duldete, dass all dies durch schmutziges Drogengeld finanziert wurde.

Erkennbar bewegt sich Assayas hier auf Spuren seines Welterfolgs „Carlos“. Unterstützt von Stars wie Penélope Cruz und Gael García Bernal wirft er ein anderes, sympathischeres Licht auf Castros Kuba.

Alle diese Spielfilme über Politik haben eines gemeinsam: Sie zeigen Politik nicht als das Spiel einsamer großer Männer und Frauen, sondern als komplexes Handeln in Netzwerken.

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