Filmfestspiele Venedig: Die Preisvergabe

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Ein Mann ist als Clown geschminkt.
Joker (Joaquin Phoenix) ist ein Unternehmer des Wahnsinns, der auch den Wahnsinn des Unternehmertums repräsentiert. (Foto: Niko Tavernise/Venedig)
Rüdiger Suchsland

Überraschung zum Abschluss der Filmfestspiele in Venedig: Der bislang nur Experten bekannte Amerikaner Todd Phillips gewinnt für seinen Film „Joker“ den Goldenen Löwen von Venedig. Und der polnischstämmige französische Regisseur Roman Polanski bekommt den Spezialpreis der Jury für „J'Accuse“. Auch damit hatten im Vorfeld nur wenige gerechnet. Zu schwer schienen die amerikanischen Vorwürfe auf dem Meisterregisseur zu lasten, nach denen sich Polanski vor 42 Jahren einem Gerichtsverfahren entzogen habe. Die europäische Rechtsprechung teilt diese Sicht der Dinge keineswegs.

„Joker“ ist keine schlichte Comic-Superheldenverfilmung, sondern der Versuch, den schillerndsten Gegenspieler von Batman in unsere Gegenwart zurückzuholen und neu zu erzählen. Batman kommt hier nur als Kind Bruce Wayne vor. Stattdessen geht es um Medienreflexion – böse Talkshows! – und die Filmgeschichte: Todd Phillips verehrt offenkundig Martin Scorsese und stellenweise wirkt sein Film wie ein epigonales Remake von „Taxi Driver“ und „King of Comedy“. In beiden geht es um Amokläufer. In „King of Comedy“ spielt Robert De Niro überdies einen Talkmaster, als der er auch hier wieder zu sehen ist.

Vor allem geht es Phillips darum, einen Soziopathen zu zeigen. Denn Joker ist eine Institution für sich selbst. Ein Horror-Clown; ein Unternehmer des Wahnsinns, der auch den Wahnsinn des Unternehmertums repräsentiert. Er repräsentiert die Bosheit der Unterhaltung und die Bosheit des Humors. Was den Film aber moralisch wie ästhetisch problematisch macht, ist, dass hier ein gewalttätiger, psychopathischer Wutbürger zum Ventil der Erleichterung des Publikums wird.

Die Säule, auf der dieser Film ruht, ist Hauptdarsteller Joaquin Phoenix, der in fast jedem Bild zu sehen ist. Man muss Phoenix’ exaltiertes Spiel nicht mögen, übersehen kann man es nicht. Mit einem Schauspielpreis für diesen Auftritt hätte man sofort gerechnet, auch wenn er weder Jack Nicholson noch Heath Ledger das Wasser reichen kann, die die Figur bereits in früheren Filmen 1992 und 2008 verkörperten.

Darüber hinaus aber erlebt man einen hoch gestörten Menschen, der in jedem Bereich seines Lebens scheitert, für dieses Scheitern aber immer die anderen verantwortlich macht. Sein Hass gegen die Reichen und die Schönen, gegen seine Mutter gegen alle, schlägt in brutalste Aggression um . Auch er ist einer von diesen amerikanischen Söhnen, die ihr Leben lang den Vater suchen. Jokers politische Agenda ist reaktionär, ja faschistoid.

Da trifft sich dieser mit den Schurken in Polanskis „J'Accuse“. Der Film, der ruhig, klassisch und ohne Furor erzählt ist, schildert nüchtern und klar die Fakten der Dreyfus-Affäre vor 125 Jahren. Polanski verzichtet auf alle billige Aktualisierungen und Sensationen, auf boshafte Witze, die viele von ihm erwartet hatten. Und gerade deswegen gelingt dem Regisseur ein aktueller und sehr politischer Film. Ein wenig Detektiv-geschichte, Indizien zu gewinnen, steht im Zentrum. Vor allem ist dies aber die Geschichte eines bisher unbekannten, geradezu geheimen Helden, des Colonel Marie-Georges Picard, der es später bis zum Minister gebracht hat.

Zugleich erinnert Polanski auch an den Kampf jener politischen Republikaner, Liberalen und Linken, der heute ganz vergessen ist: Sie standen mit Radikalität gegen den existierenden Staat, leisteten Widerstand gegen die Macht. Polanski erinnert daran, was echte Opfer im politischen Kampf bedeuten, was Menschen wie Picard, wie Emile Zola oder Georges Clemenceau riskiert haben: ihr Leben, ihre Gesundheit, ihre Ehre.

Mit großer Lässigkeit zeigt Polanski die politischen und die gesellschaftlichen Schwächen einer Massendemokratie auf. Er zeigt, wie Meinungsfreiheit in Populismus, wie Populismus in Demagogie und Hetze umschlägt. Er zeigt Bücherverbrennungen, antisemitische Ausschreitungen und Verschwörungen einer rechtskonservativen, katholischen, militärischen Clique.

So ist diese Erinnerung an eine vergessene Zeit eine zeitgemäße Geschichte: Über die Hexenjagden der Gegenwart, von denen Polanski selbst ein Lied singen kann; über den Antisemitismus der Gegenwart in Polen, in Frankreich und in Deutschland, über Überwachungswahnsinn, über den Mut der Whistleblower.

Gerade in ihrer Zusammenschau bildet diese Preisvergabe aber ein interessantes, vor allem politisches Statement der Jury um die Jurypräsidentin, die argentinische Regisseurin Lucrecia Martel: Es sind politische Preise, mit denen die Autonomie der Filmkunst gegen die Zumutungen der neuen Hypermoral und der Empörten von links verteidigt wird. Andererseits verweist die Preisvergabe auf die Gefahren durch die Wutbürger von rechts.

Es war ein guter Festivaljahrgang, aber kein herausragender. Zu wenig ästhetische Innovation, zu wenig Überraschungen. Trotzdem bleibt Venedig nach Cannes das beste und wichtigste Festival der Welt.

Auch sonst bot der Abend der Preisverleihung Überraschungen: Den Preis als bester Schauspieler gewann Luca Marinelli für die Titelrolle in „Martin Eden“ nach Jack Londons Roman. Ein visuell aufregender Film. Regisseur Pietro Marcello versetzt den Roman von 1907 ins Neapel des 20. Jahrhunderts, gewissermaßen ins Elena-Ferrante-Land.

Auch hier geht es um einen jungen Mann, der die Welt für sein Elend verantwortlich macht. Ästhetisch ist der Film eine Wucht. Überaus originell wird mit dokumentarischem Material und tollen Technicolor-Farben gearbeitet. Leider aber ist die Handlung zu schematisch.

Roy Anderssons „About Endlessness“ (Regiepreis) erinnert an eine Videoinstallation. Der Schwede, der 2014 den Goldenen Löwen gewonnen hatte, reiht in blassen Pastellfarben Vignetten der Depression aneinander.

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