Filmfestspiele Venedig: Bizarre Romantik, viel Vorhersehbares

Laura Poitras mit dem Goldenen Löwen für ihren Film „All the Beauty and the Bloodshed“: Die Filmfestspiele boten wenig Momente z
Laura Poitras mit dem Goldenen Löwen für ihren Film „All the Beauty and the Bloodshed“: Die Filmfestspiele boten wenig Momente zum Staunen. (Foto: Imago)
Rüdiger Suchsland

Eine Überraschung war das insofern, als kaum einer der professionellen Beobachter und auch nicht der Einkäufer diesen Film auf seiner Rechnung gehabt hatte. Nicht der Publikumsliebling „Bones and All“, nicht das Hollywood Biopic „Blonde“, nicht der argentinische Justizthriller „Argentina 1985“ und nicht der poetische Familienfilm „Love Life“ aus Japan war unter den Siegern der Hauptpreise, sondern ein Dokumentarfilm, der bis zum Ende auf der Suche nach seinem roten Faden ist, und sich zwischen mehreren guten Themen nicht wirklich entscheiden kann, sondern versucht, alles irgendwie unter einen Hut zu bekommen, zu erzählen – dabei aber nichts richtig erzählt.

„All the Beauty and the Bloodshed“ ist kein Film über die Opioidkrise

„All the Beauty and the Bloodshed“ ist vor allem ein Portrait der US-Photographin Nan Goldin (geb. 1952), die zu den wichtigsten Chronisten der Punk- und New-Wave-Szene in New York und Westberlin der 70er- und 80er-Jahre gehört und die sich auch als Bürgerrechtlerin engagiert. Im Film ist das ein zweiter Erzählstrang, insbesondere Goldins Kampf gegen die Pharmaindustrie. Ein „Film über die Opioidkrise“ wie jetzt Agenturen melden, ist das aber keineswegs. Der emotional stärkste Erzählstrang ist vielmehr der über Goldins Familie und den verdrängten Selbstmord der älteren Schwester – hier zeigt Regisseurin Laura Poitras, die zuvor Edward Snowden portraitiert hatte, eine Suburbiafamilie als Terrorgang.

Keine Überraschung war dieser Preis auf der anderen Seite, weil er sich allzu sehr in den engen Bahnen politischer Korrektheit bewegt: offenbar musste es eine Frau sein, offenbar schon wieder – zum dritten Mal in den vergangenen vier Jahren – ein US-amerikanischer Film. In den vergangenen Jahren wirkt das Festival am Lido zunehmend wie ein Außenposten der US-Filmindustrie. Auch der Preis für den derzeit inhaftierten iranischen Dissidenten Jafar Panahi war allzu erwartbar.

Immerhin den Regiepreis gab es für „Bones and All“ vom Italiener Luca Guadagnino. Dem ist das Kunststück eines zärtlichen Kannibalenfilms gelungen, der die stärksten Kinoaugenblicke des ganzen Festivals bot.

„Bones and All“ ist ein wunderschönes Roadmovie

Guadagnino zeigt die Kannibalen sympathisch und voller Gewissensbisse als sympathische Wesen, die Triebtäter sind, weil er eigentlich von Außenseitern erzählen möchte: Es geht um das Andere, was nicht integrierbar zu sein scheint, und unsere Toleranz auf echte Proben stellt: Die jungen „Esser“ könnten auch Obdachlose oder Drogensüchtige sein. „Bones and All“ ist wunderschönes, über weite Strecken aufregendes Kino geglückt: Ein Roadmovie, das die Vorstellung von amerikanischer Freiheit entfaltet, ein Liebesfilm, ein Monsterfilm.

Auch Santiago Mitres argentinisches Historiendrama „Argentina 1985“ fiel angenehm auf. Darin geht es um den Umgang des Landes mit seiner eigenen Vergangenheit: Nach der Rückkehr zur Demokratie 1983 wurde hier erstmals eine Diktatur von Zivilgerichten abgeurteilt. Es war „das Nürnberg Lateinamerikas“.

Mitres Held ist der Staatsanwalt Julio Cesar Strassera, der voller Mut gegen Todesdrohungen seinen Weg ging, Beweise sammelte und Zeugen zum Reden brachte und so die anfangs skeptische Mehrheit der Gesellschaft auf seine Seite zog.

Die filmischen Mittel sind die eines klassischen US-Gerichtsfilms: Gut kämpft gegen Böse. Es gibt persönliche Konflikte, aber auch Augenblicke der Heiterkeit. Zwischendurch ist der Film ein menschlicher Polit-Thriller in der Tradition von Costa-Gavras.

In Venedig konnte kein Film komplett in seinen Bann ziehen

Dieser historische, auf den ersten Blick spezielle Film ist gerade heute weit über Argentinien hinaus von Interesse. Denn er entfaltet die Prinzipien, auf denen man Diktaturen aburteilen kann, und er macht klar: „Sadismus ist keine politische Idee. Er ist auch keine militärische Strategie. Sondern eine moralische Perversion.“ Dies gilt universell. Und man kann diesen Film nicht sehen, ohne auch an gegenwärtige Diktaturen und ihre Schergen zu denken.

Neben solchen Filmen, in denen es – wie bei Poitras' Löwensieger – um mutige Einzelkämpfer geht, die für ihre Ideale einstehen, gab es einen zweiten auffallenden Erzählstrang: Oft sah man Patchworkfamilien auf der Leinwand, wie in dem absurd-komischen Japaner „Love Life“ und bei der französischen jungen Wilden Rebecca Zlotowski: „Les enfants des autres“ (“Die Kinder der anderen“) erzählt von einer Frau deren neuer Freund eine Tochter hat. Plötzlich findet sie sich in der Mutterrolle wieder. Ein kluger, suchender Film, der ohne moralische Ratschläge auskommt, oder die oft im Kino zu findende Behauptung, dass Frauen „eigentlich“ alle Mütter werden möchten und erst in dieser Rolle ihre wahre Bestimmung finden.

All diese Preise spiegeln recht gut einen Wettbewerb, der einige gute Filme enthielt, in dem aber kein Film das Publikum komplett in Bann zog, dem Kino neue Horizonte öffnete, oder mehr als ein, zwei wirklich magische Momente und „Wow!“-Augenblicke enthielt. Aber das Staunen ist nicht nur der Anfang der Philosophie, es ist auch der Anfang des Kinos.

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